Das Auge von Tibet

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • New York: St. Martin’s Minotaur, 2001, Titel: 'Water Touching Stone', Seiten: 419, Originalsprache
  • Berlin: Rütten und Loening, 2002, Seiten: 697, Übersetzt: Thomas Haufschild
  • Berlin: Aufbau, 2003, Seiten: 697
  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2008, Seiten: 8, Übersetzt: Wolfgang Rüter

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Thomas Kürten
Für Fans fremder Kulturen und spannender Kriminalromane

Buch-Rezension von Thomas Kürten Nov 2003

Viele Mythen ranken um das Land, in dem man dem Himmel so nah ist, wie in keinem anderen Land dieser Erde. Tibet und seine Bewohner, in der Großzahl ehrfürchtig gläubige Buddhisten, die ihre ganz eigene Weltanschauung und Weisheit von Generation zu Generation weitergeben. Ein unterdrücktes Volk, eine unter dem Joch der chinesischen Besatzungsmacht bedrohte Kultur. In der Kulisse von abgelegenen Hochgebirgspässen, Tälern und Wüsten spielen die Kriminalromane des Amerikaners Elliot Pattison, der seinen Ermittler Shan Tao Yun außergewöhnliche Verbrechen aufklären lässt und dabei auf beeindruckende Weise ernüchternde Einblicke in die Willkürherrschaft einer Besatzungsmacht gewährt.

Shan ist ein faszinierender Charakter. Einst selber als Strafgefangener in ein Arbeitslager gesteckt worden, da er in seinem Beruf als Ermittler in einem Ministerium in Peking einigen Parteifunktionären zu unangenehm geworden war, konnte er im Debütroman Pattisons (Der fremde Tibeter) als Dank für die Aufklärung eines Falles seine Freiheit wieder erlangen. Shan entschied sich, im Tibet zu bleiben und in ein Kloster zu gehen. Er ist der stets wissbegierige, hinterfragende Chinese, dem in Tibet aufgrund seiner Herkunft zwar fortwährend Skepsis, aber für seinen Ermittlungserfolg und sein Engagement auch großer Respekt entgegnet wird. Ein heimatloser Fremdkörper, der den Vorhang von Klischee und Vorurteil zu lüften vermag und weniger Chinese von Tibeter, als vielmehr Gut von Böse unterscheiden kann. Wie Wasser den Staub von einem alten Stein spült, so bringt sein Hinterfragen stets die Wahrheit ans Licht.

Aus dem Gefängnis an den Rand der Wüste

Jener Shan folgt seinem Lehrmeister, dem Lama Gendun, und seinem Freund aus dem Gefängnis, Lokesh, in eine Provinz nördlich von Tibet, nach Xinjiang am Rande der Wüste Takla Makan. Hier soll eine Lehrerin gestorben und ein Lama verschwunden sein. Bald stellt sich heraus, dass die Lehrerin nicht eines natürlichen Todes gestorben ist und außerdem die Schüler ihrer Klasse, bestehend aus Waisen, die bei verschiedenen Clans untergebracht sind, ebenfalls in großer Gefahr sind. Zwei Jungen sind bereits ebenso ermordet worden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und Shan kann es nicht verhindern, dass weitere Jungen getötet werden. Wer macht Jagd auf die kleinen Jungen und was ist sein Motiv? Was hat es nebenbei mit dem Amerikaner auf sich, der von den Chinesen in einem Arbeitslager heimlich hingerichtet wird? Und wieso beginnt die Öffentliche Sicherheit nicht mit den gewöhnlichen Repressalien gegen die ethnischen Minderheiten, als ein Leutnant der Geheimpolizei ermordet wird? Es ist Shans Aufgabe, in dieses verworrene Netz Ordnung zu bringen.

Während Shan in "Der fremde Tibeter" noch in einem der berüchtigten Lao Gai Gefangenenlager sowie verborgenen Klöstern in den Bergen Tibets ermittelt, agiert er hier in einer vollkommen anderen Kulturregion. In Xinjiang leben Uiguren und Kasachen. Reitervölker, die traditionell innerhalb eines Clans in Jurten, den typischen zentralasiatischen Zelten, wohnen und von der Viehzucht leben. Neben dem eigentlichen Kriminalfall schildert Pattison auch die Verbrechen der chinesischen Besatzungsmacht, mit denen der Widerstand der ethnischen Minderheiten gebrochen werden soll, wie Clans auseinander gerissen werden und dies als Kampf gegen die Armut propagiert. Und er lässt es nicht aus, dass auch unter den chinesischen Besatzern linientreue und -untreue Personen agieren. Natürlich beschreibt er auch den zaghaft anmutenden, gemeinsamen Widerstand unter Kasachen, Uiguren und den Eluosi, den wenigen russischstämmigen Weißen in Westchina.

Die atmosphärische Schilderung der Kulisse ist Pattisons Stärke

Pattisons Stärke, was wohl nach diesem Buch keiner mehr anzweifeln wird, ist die atmosphärische Schilderung einer Kulisse. Davon bietet der Roman Beispiele im Überfluss. Sei es die Übernachtung in einem Jurtenlager, die Erkundung von Eishölen, verlassenen Wüstenstädten, geheimen Klöstern oder einfach die Fußmärsche durch das Gebirge, Pattison versteht es, jedem Ort seine eigene Mystik einzuhauchen. Allein die meisterhafte Beschreibung der Szenerie vermittelt dem Leser einen Hauch von Abenteuer, da eine in unseren Breitengeraden nahezu unbekannte Kultur somit auf begeisternde Weise von ihm vorgestellt wird. Er kann seine Leser vom Zauber und der Mystik Zentralasiens anstecken.

Wenn es etwas zu beanstanden gibt an diesem Buch, dann ist es seine Länge. Über 700 Seiten benötigt Pattison, um die Geschichte zu entwickeln, die Spannungshöhepunkte zu setzen und schließlich ein dramatisches Ende zu kreieren. Zugegebenermaßen eine lange Erzählstrecke und leider schafft er es nicht von Anfang an in gleichem Maße, die Leser zu fesseln. Auf den ersten 150 Seiten bietet er nämlich leider nur Spannung. Hier erkennt auch Shan noch nicht die Dimension des Falles, an dem er arbeiten soll. Erst danach nimmt das Buch langsam an Fahrt auf, kann den Spannungsbogen halten und fesseln. Am Ende, nachdem Shan das Geheimnis logisch erfasst hat, flacht es dann leider auch wieder ein wenig ab. Auch wenn es sich beim "Auge von Tibet" erneut um ein sehr gutes Werk des Amerikaners Elliot Pattison handelt, bleibt es dennoch leicht hinter der Spitzenqualität seines Vorgängers zurück. Wer sich von fremden Kulturen und spannenden Kriminalromanen gleichermaßen begeistern lassen kann, wird um dieses Werk nicht so leicht einen Bogen machen können.

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