Die Kinderfrau

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Athen: Gabrielides, 2008, Titel: 'Παλιά, πολύ παλιά', Seiten: 317, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2009, Seiten: 7, Übersetzt: Tommi Piper
  • Zürich: Diogenes, 2010, Seiten: 320, Übersetzt: Michaela Prinzinger

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Thomas Kürten
Ein Kommissar macht Urlaub

Buch-Rezension von Thomas Kürten Jan 2009

Krimi auf griechisch? Charitos, Markaris! So lautet die simple Rechnung, wenn man sich heutzutage fragt, was aus dem Land der Philosophen der Antike eigentlich heute an gängiger Kriminalliteratur kommt. In zunehmender Regelmäßigkeit beglückt uns Petros Markaris so etwa alle zwei Jahre mit einem neuen Roman über seinen liebenswürdigen Kostas Charitos, Kommissar bei der Athener Polizei. Und nun das: Ein Grieche ermittelt in Istanbul. Wenn da mal nicht Konflikte vorprogrammiert sind.

Charitos macht mit seiner Frau Adriani eine Städtetour nach Istanbul, um sich über die Enttäuschung hinweg zu trösten, dass die einzige Tochter nur standesamtlich und nicht kirchlich geheiratet hat. Mit der Reisegruppe von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hechelnd, begegnet er zufällig einem Pontusgriechen, der in Istanbul lebt und auf die Ankunft seiner alten Kinderfrau aus Thessaloniki wartet. Da sich Charitos als Kommissar outet, wird er gebeten, sich bei der griechischen Polizei zu erkundigen, ob etwas über den Verbleib der Frau zu erfahren ist. Von seinen Athener Kollegen erfährt er dabei ungeheuerliches: Der Bruder, bei dem die 90-jährige zuletzt gewohnt hat, wurde vergiftet und die alte Frau ist seitdem spurlos verschwunden.

Zeit für eine Abrechnung

Charitos wird von seinem Chef abkommandiert, um die Zusammenarbeit mit der türkischen Polizei vor Ort zu koordinieren. So entkommt der Kommissar nicht nur den Launen der Reisegruppe, sondern auch denen seiner Frau. Schon schnell muss er jedoch erkennen, dass er in der 15-Millionen-Metropole einem Phantom hinterher jagt. Die anfangs wenig kooperative türkische Polizei findet keinen Zugang zu der griechischen Minderheit in Istanbul. Doch genau hier hat die alte Kinderfrau noch einige Rechnungen zu begleichen, denn wer ihr zeitlebens Wohl gesonnen war, bekommt eine köstliche Käsepitta von ihr serviert. Wer ihr und ihren Freunden übel mitspielte, bekommt auch eine Käsepitta, jedoch mit einer tödlichen Extraportion Pflanzengift bespickt. Und auch die Zeit sitzt Charitos plötzlich im Nacken, denn seine Tochter will nun auf einmal doch kirchlich heiraten und erwartet die Eltern dafür zurück in Athen.

Die Kinderfrau ist einer dieser Sorte Krimis, die ganz gemächlich vor sich hinplätschern und dennoch ihre Leser in den Bann ziehen können. Markaris hat es meisterhaft verstanden, hier auf der einen Seite eine Suche nach einer Verdächtigen zu beschreiben, auf der anderen Seite aber auch versöhnliche Töne in schwelenden griechisch-türkischen Konflikt anzustimmen. Dem nervenden Mitreisenden, der immer wieder vehement die griechischen Territorialansprüche auf türkische Gebiete anspricht, hätte er keinen entlarvenderen Namen als Despotopoulos geben können. Das türkische Pendant zu Charitos ist Kommissar Murat, der als Türke in Deutschland aufgewachsen ist und darum die Umstände des Lebens als Teil einer Minderheit zu kennen vermittelt. Mitunter macht es aber auch den Eindruck, dass der Autor die tiefer sitzenden Empfindlichkeiten gerne umkurvt oder gerade eben nur an der Oberfläche kratzen mag. So etwa, als sich ein türkischer Streifenpolizist gerade noch soweit erniedrigt, Charitos zu grüßen, den Pontusgriechen in seinem Gefolge aber schlicht zu ignorieren.

Ein persönlicher Roman

Petros Markaris ist in Istanbul geboren. Er verarbeitet seine eigene Geschichte, sein eigenes Schicksal in diesem Roman. An der Tatsache, welch versöhnlichen Ton er anschlägt, vermag man zu erkennen, welche Liebe ihn immer noch mit der Stadt seiner Jugend verbindet. Die Traurigkeit über das Schicksal der in Istanbul gebliebenen Pontusgriechen überspielt er immer wieder mit seinem lakonischen Humor. So macht er aus einer Schnitzeljagd, bei der von Anfang an fest steht, wer als Täterin gesucht wird, einen leidenschaftlichen Reisebericht, der Vergangenheit und Gegenwart einer Metropole gegenüberstellt.

Die Kinderfrau

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Letzte Kommentare:
09.07.2012 18:42:15
bernd

Dieses Buch hat mir von den 4 Makaris-Werken, die ich gelesen habe, am besten gefallen. Es macht Lust auf Istanbul und sich mehr mit der griechisch-tuerkischen Geschichte zu befassen.
Und: die nervenden Stau-Autofahrt-Beschreibungen der Athener Krimis fallen hier quasi weg.
Es geht mehr um die Stimmung in Istanbul als um den eigentlichen Kriminalfall, und gerade das ist sehr gut gelungen...

08.08.2011 20:12:26
JaneM.

Ein weiteres wunderbares Buch von Markaris, in dem er den Leser wieder augenzwinkernd und mit viel Selbstironie an griechischer/ türkischer Mentalität und Geschichte teilhaben lässt. Das alles vor dem Hintergrund einer Krimihandlung, die zwar nicht ausschließlich dominiert aber dennoch nicht zur Nebensächlichkeit verkommt. Mit herrlich versöhnlichem Ende. Absolut empfehlenswert!

24.06.2011 15:01:14
vifu

Wiedermal hab ich den gelesenen Markaris mit gemischten Gefühlen beiseite gelegt! Wie unterhaltsam und süffisant, aber auch viel zu kurz!! Wie er seine Istanbuler Wurzeln verarbeitet ist wirklich sehr erheiternd und erhellend. Meine Geschichtslücken aus diesem Teil der Geschichte wurden sicherlich etwas verkleinert. Dieses Buch ist wohl sehr empfehlendswert, wenn man/frau die Stadt besucht. Viele hübsche Orte und Ausblicke werden beschrieben und es macht Lust hinzufahren.

15.07.2010 15:25:19
LeGec33

Von dem Buch die "Kinderfrau" bin ich total begeistert! Es ist spanned, komisch und traurig zugleich. Außerdem spiegelt es die histrorischen Hintergründe auf eine leichte Art und Weise wieder. Ein Hinweis noch zur Erörterung von Thomas Kürten: Die verbliebene griechische Minderheit in Istanbul besteht nicht nur aus Pontusgriechen. Pontusgriechen sind die Griechen vom Schwarzen Meer (Trabzon bis Samson) gewesen, die heute z. größten Teil in Griechenland und der UdSSR leben. Nur Maria die Romanheldin war zufällig eine Pontusgriechin.

05.06.2009 18:52:16
Heinz Schmitz

"Was in Istanbul geschah, ist nun viele Jahrzehnte her" - der griechische Titel "palia, poly palia" liesse sich etwa mit "Lang, lang ists her" übersetzen (Weiss der Teufel, warum Diogenes die Titel nie lässt, das Original "Che hat sich umgebracht" wäre auch viel besser als "Live"). Thomas Kürten ist zuzustimmen, zu ergänzen noch wäre die nicht spannungsfreie, aber sehr herzliche Beziehung zur Tochter Katerina und die Tatsache, das die Gattin Adriani von Roman zu Roman an Profil gewinnt. - Ein nicht nur spannendes, sondern auch sehr schönes Buch.