Live!

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Athen: Gabrielides, 2003, Titel: 'Ο Τσέ αυτοκτόνησε', Seiten: 443, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2004, Seiten: 516, Übersetzt: Michaela Prinzinger
  • Zürich: Diogenes, 2005, Seiten: 516, Übersetzt: Michaela Prinzinger

Couch-Wertung:

84°

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Thomas Kürten
Die griechische Selbstmord-Serie

Buch-Rezension von Thomas Kürten Aug 2004

Krimi-Couch-Volltreffer Mai 2004

Heureka! Frohlocket! Kommissar Charitos hat es überlebt. Nach dem mehr als offenen Ende des Vorgängerromans "Nachtfalter" und einer gewissen Wartezeit hat sich Petros Markaris offenbar überlegt, die Serie um seinen Athener Ermittler weiter zu führen. "Live!" bietet für die Fans des Griechen neben einem eigenartigen Fall eine Überdosis vom schräg-schrulligen Berufszyniker Charitos, seiner Frau Adriani, seinem Chef Gikas und dessen kongenialer Sekretärin Koula.

Als sich vor laufenden Kameras ein griechischer Wirtschaftsboss und Bauunternehmer in einer Talkshow erschießt, ist die Betroffenheit, aber auch die Ungläubigkeit der Millionen von Fernsehzuschauern groß. Für den rekonvaleszenten Kommissar Charitos wirkt es hingegen wie Medizin. Nach langem Krankenhausaufenthalt eigentlich wieder auf dem Damm, zerfließt er vor Selbstmitleid unter dem harten Regiment seiner Gattin. Der geheimnisvolle, weil schamlos öffentliche Selbstmord rüttelt ihn endlich wieder wach, die Schnüfflernase nimmt Spur auf.

Von höchster Stelle protegiert

Indes hat Gikas das Problem, dass er Charitos Position mit einem politischen Günstling besetzen musste, der ganz offenbar nicht den Anforderungen des Postens gewachsen ist. Dessen Ermittlungen gehen nämlich in eine vollkommen verkehrte Richtung. Da der Mann aber von höchster Stelle protegiert wird, beschließt Gikas ihn vor die Wand fahren zu lassen und hat insgeheim Charitos seine Sekretärin an die Seite gestellt, damit er sich noch während seines Gesundungsprozesses an die geliebte Arbeit machen kann.

Was ihm komisch vorkommt, ist die Veröffentlichung einer Biographie über den toten Manager, die nur wenige Tage nach dessen Tod auf den Markt kommt. Dieses Buch muss bereits vor dem Selbstmord fertig gestellt worden sein. Und dann bringt sich ein prominenter Politiker ebenfalls vor laufenden Kameras um. Charitos kann endlich irgendwo anknüpfen, entdeckt, nachdem auch über den Politiker sehr schnell eine Biografie erscheint, Gemeinsamkeiten in den Lebensläufen, ihr Engagement im Widerstandskampf zur Zeit der griechischen Militärjunta, aber auch ihre gemeinsamen Geschäfte und Verstrickungen im Zusammenhang mit den Bauarbeiten im olypischen Dorf und dem Abkassieren von EU-Subventionen. Dann wird Charitos das Skript zu einer weiteren Biografie zugespielt. Kann er einen weiteren publikumswirksamen Selbstmord verhindern? Und was kann die Prominenten veranlasst haben, ihr Todesurteil an sich selbst zu vollstrecken?

Figuren mit Herz und Charakter, der Fall außergewöhnlich

Die Figuren mit Herz und Charakter, der Fall außergewöhnlich, packend und mit einem überzeugenden Finale gekrönt. Dann der Hintergrund, der die Motivation für Charitos Ermittlungsarbeiten in seinem Genesungsurlaub begründet: ebenfalls gründlich und detailliert dargestellt. Geradezu zum Verlieben sind die herrlichen Streitszenen zwischen den Eheleuten Charitos, die sich nach vielen Ehejahren einfach zu gut kennen, als dass sie wirklich böse aufeinander sein könnten. Zum Genießen die bissig-humorigen Kommentare, die der Autor immer wieder einfließen lässt. Markaris erzählt gewandt und ist ein sehr feinfühliger und genauer Beobachter der griechischen Gesellschaft mit einer spitzen Feder.

Nach dieser Lobhudelei darf allerdings auch ein klein wenig Kritik nicht fehlen. Besonders nervig ist nämlich die wieder einmal zu häufig und regelmäßig auftauchende Beschreibung des Athener Verkehrsproblems. Egal, welchen Weg der Kommissar wählt, er beschreibt genau und unter Verwendung der Straßennamen seine Strecke und wo er wieder einmal im Stau stecken bleibt. Schätzungsweise 10-15% des 500 Seiten dicken Buches werden mit der immer gleichen Beschreibung des Straßenchaos verschwendet. Ein zwiespältiges Problem, denn den Lesern in seiner Heimat und besonders den ortskundigen Athener mag er so eine große Portion Lokalkolorit vermitteln können. Seinem ausländischen Publikum mag er damit allerdings ein ums andere mal ein lautes Stöhnen entringen.

Die spitze Feder des Griechen

Live! kann man von vorne bis hinten genießen. Und das übrigens auch ganz unabhängig von den Olympischen Spielen, die 2004 in Athen stattfinden. Denn das der Verlag damit wirbt, der Roman spiele mitten in den Vorbereitungen und Bauarbeiten für die Spiele von Athen, darf wohl unter der Rubrik Werbegag einsortiert werden. Zwei Ausflüge auf die Baustellen des olympischen Dorfs sind eigentlich alles, und die sind sehr schnell abgehandelt. Und da der Kommissar am Ende, soviel sei verraten, diesmal eindeutig überlebt, darf man sich wohl schon auf den nächsten Fall aus der spitzen Feder des Griechen Markaris freuen.

Live!

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Letzte Kommentare:
24.08.2014 13:38:49
Robert Frost

"Besonders nervig ist nämlich die wieder einmal zu häufig und regelmäßig auftauchende Beschreibung des Athener Verkehrsproblems.", sehe ich anders.


Gerade dieses Lokalkolorit macht die Geschichten so überaus liebenswert und vermittelt dem Leser einen authentischen Eindruck in die Alltagswelt der Athener.

Petros Markaris und seine Figuren zählt für mich zu den herausragenden Entdeckungen der Krimi-Literatur. In der Tradition des schwedischen Autorenteams Swöjall/Wahlöö versteht es Markaris spannende Unterhaltung mit politischer Kritik zu verbinden.

02.05.2011 22:25:03
mylo

Wieder mal ein Buch was man mit Freude lesen konnte, interessante Story mit geschichtlichem Rückblick in Griechenlands Vergangenheit. Die Personen sind wieder hervorragend herausgearbeitet. Daneben sind Kostas und seine Familie, der angehende Schwiegersohn alte Vertraute. Die Sekretärin seines Chefs Gikas finden wir in einer neuen Rolle. Koula stiehlt hierbei Kostas fast die Show.
Kurzum - schönes Griechenland - spannendes Griechenland - interessante Griechen. Ja eine lesenswerte Geschichte.
Verdiente 85 Punkte.

03.01.2011 11:56:01
vifu

Schön das Charitos noch "Genesungs-urlaub" hat, sonst kämen die skurilen Alltagssticheleien nicht so richtig zur Geltung!Ja , er hat mich wieder richtig eingewickelt und am Schluss nicht mehr aus den Klauen gelassen. Interessant der Plot mit den Verwicklungen in der Juntaphase. Frau lernt doch immer mal was dazu, auch wenn die Griechenklischees nett selbstironisch bedient werden. Unbedingt lesenswert!

02.12.2008 14:02:04
Babsi

Bin gerade in der Schlussphase von "Live!" und hoffe, das Buch noch heute fertig lesen zu können. Ich habe auch schon "Hellas Channel" und "Nachtfalter" gelesen - alle erst heuer, da ich erst dieses Jahr auf den Schriftsteller aufmerksam wurde - und alle 3 Bücher haben mir einfach nur Spass gemacht! ... bis auf die Staubeschreibungen, versteht sich :O)

07.08.2006 02:32:36
Jörg H.

Wie bereits bei den beiden vorangegangenen Krimis eine intelligente Geschichte, die mit ihren politischen Bezügen ein wenig in der Tradition von Sjöwall/ Wahlöö steht.
Die gezeichneten Charaktäre bestechen wieder durch ihre detailgetreue Zeichnung, die zwischen den Zeilen ein lebendiges Bild der griechischen Gesellschaft zeichnen.
Für einen Kriminalroman aussergewöhnlich ist, dass eigentlich nicht die Frage nach dem Täter, sondern die Frage nach der Tat im Vordergrund steht.
Mir hat auch dieser Roman wieder riesigen Spass gemacht.
Zusammenfassend: Sehr zu empfehlen !

09.05.2006 17:12:55
Anja S.

Dieser Krimi hat mir ausgesprochen gut gefallen. Originelle Idee, witzig, recht spannend. Kann mich dem Rezensenten der Krimi-Couch nur vollends anschliessen.

09.05.2006 10:53:17
Ullrich

Dieser schöne Kriminalroman zeigt wieder einmal, dass man mit einer sehr gut aufgebauten Story und viel, viel griechischem Lokalkolorit den geneigten Leser sehr fesseln kann. Ich warte schon sehr auf eine gute Fortsetzung oder eine neue Geschichte von diesem netten griechischen Kommisar.

09.09.2004 19:33:46
Yvonne

Ein klasse Krimi, war richtig fesselnd.
Ein klarer Blick hinter die Kulissen von Olympia wurde geschaffen.
Lustig war auch wieder Kostas " Liebe" zu
seiner Frau.
Ich hoffe bald wieder von Kostas lesen zu können!

03.05.2004 18:10:05
Marion M

Mir hat der gesellschaftliche und historisch-politische Hintergrund des Krimis sehr gut gefallen. Was ich weniger gut finde, ehrlichgesagt nervt es mich, das sind die ewigen Athener Verkehrsprobleme. Das mag ja gut und gern realistisch sein, aber der Krimi würde nicht verlieren, wenn die Dauerstaus nicht ganz so ausgewalzt würden.
Kostas Charitos ist übrigens ziemlich ekelhaft zu seiner Frau, nicht unbedingtsympathisch ...
Letztes Wochenende war ich auf einer Lesung von PETROS MARKARIS. Er liest selbst die deutsche Übersetzung und er hat Faust 1+2 ins Griechische übersetzt. Mein Respekt!

20.04.2004 14:50:59
Jay-Jay

Der Krimi-Couch-Kritik ist nichts hinzuzufügen. Ein klasse Krimi! Das Finale ist in der Tat glaubhaft und doch überraschend!