Balkan Blues

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Athen: Gabrielides, 2004, Titel: 'Η Αθήνα πρωτεύουσα των Βαλκανίων', Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2005, Seiten: 218, Übersetzt: Michaela Prinzinger
  • Zürich: Diogenes, 2007, Seiten: 224, Übersetzt: Michaela Prinzinger

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Peter Kümmel
Eine chaotische Stadt zwischen Tradition und Frortschritt

Buch-Rezension von Peter Kümmel Okt 2005

Nachdem der Diogenes-Verlag bereits drei Romane mit Fällen des Athener Kommissars Kostas Charitos veröffentlicht hat, legt er nun einen kleinen Band mit Geschichten des griechischen Autors Petros Markaris vor.

Nur wenige Schriftsteller, die gute Kriminalromane schreiben, schaffen es, auch mit kurzen Geschichten zu unterhalten. Andrea Camilleri ist zum Beispiel so einer. Und eben Petros Markaris. Die neun Stories, die er zum "Balkan Blues" zusammengepackt hat, bilden auch keine Resteverwertung, sondern weisen allesamt ein gemeinsames Thema auf, das sich genauso gut auf viele andere Städte oder Staaten übertragen ließe: Ausländer in Athen. Das Titelbild schmückt die Abbildung eines Hausdachs, auf dem eine antike Status und eine Fernsehantenne nebeneinander stehen und so eine chaotische Stadt zwischen Fortschritt und alter Tradition symbolisieren.

Markaris beginnt mit einer längeren Story, in der der bereits bekannte Kommissar Charitos die Hauptrolle spielt. In den weiteren Erzählungen hat er dann nur noch einen kleinen Gastauftritt ganz am Ende des Buches. Die Fußball-Europameisterschaft 2004 ist in vollem Gange und ganz Griechenland steckt in einer Euphorie. Ganz Griechenland? Nun ja, da ist auch noch Charitos, der sich überhaupt nicht für Fußball interessiert. Doch bei seiner fußballverrückten Familie kann auch er sich dem Freudentaumel kaum entziehen. Doch eigentlich hat er ganz andere Probleme. Auf der Baustelle des Stadions, in dem bald die Olympischen Spiele stattfinden sollen, wird ein vergrabener Toter gefunden, von dem nur die Hand aus der Erde herausragt. Ein Toter, auf dessen Brust mit schwarzer Schrift "Al-Qaida" geschrieben steht. Doch ein Terroropfer, das eines natürlichen Todes gestorben ist, ist mal was Neues. Seine Nachforschungen, die durch die chaotischen Verkehrsverhältnisse aufgrund der Fußball-Euphorie behindert werden, führen ihn zu den albanischen Arbeitern auf der Baustelle.

"Ein Kindermärchen" wurde für die deutsche Fassung des Bandes zusätzlich aufgenommen. Ein kleines dunkelhäutiges Mädchen, das seine Tage alleine im Park verbringt und ein alter Mann, der keine Kinder mag und ebenso einsam im gleichen Park auf "seiner" Bank sitzt, spielen die Hauptrolle in diesem Märchen, das zeigt, dass die Integration von Ausländern manchmal seltsame Wege geht.

Markaris lässt mit seiner Schreibweise keine Langeweile aufkommen. Obwohl die Handlung meist ruhig und leise verläuft, mangelt es keinesfalls am nötigen Tempo. Und obwohl sich die Stories thematisch ähneln, bietet der Autor immer wieder Überraschungen und sei es auch im Aufbau. "Ohne Kulisse" ist eine schriftstellerische Meisterleistung. Komplett in Dialogen geschrieben ohne erklärende Zwischenbemerkungen liest sich das Stück absolut flüssig, obwohl mehrere Personen in die Handlung involviert sind.

Kleinkriminelle, Bettler, Prostituierte, arbeitslose Musiker und Mitglieder der Mafia bevölkern die Stories um menschliche Schicksale am Rande der Gesellschaft. Traurige und melancholische Geschichten, aber auch Geschichten mit beißendem Humor, in denen die Grenzen zwischen Gewinnern und Verlieren oftmals ineinander übergehen.

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Letzte Kommentare:
22.02.2011 18:02:39
vifu

Melancholisch wie der Blues, aber in den Skizzen der Personenbeschreibungen sehr präzise! Das ist wirklich ein kleiner, sehr überzeugender Geschichtenband. Die Vorurteile gegenüber den "Zugreisten" sind ja wohl überall gleich!
Das Buch macht Lust auf den nächsten Charitos aus der griechischen Metropole.