Hellas Channel

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2000, Seiten: 463, Übersetzt: Michaela Prinzinger
  • Athen: Gabrielides, 1995, Titel: 'Nυχτερινό δελτίο', Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2001, Seiten: 463
  • Zürich: Diogenes, 2008, Seiten: 463

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Wolfgang Weninger
Eine weitgehend anspruchslose Abendlektüre

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Aug 2004

Herr Charitos ist ein Beamter, der sich in langer und mühsamer Kleinarbeit unter verschiedensten Regierungsformen, von der Junta bis zur Demokratie griechischer Vorstellung, zum Leiter des Morddezernates im Bezirk Attika hoch gearbeitet hat. Ein richtiger Durchschnittsbeamter mit Einheitswohnzelle Marke "Neubau", mit Einheitsehe Marke "Es gibt Schlimmeres, aber nicht viel", mit Einheitsbildung Marke "Was brauchen wir das?" und mit Einheitseinstellung "Wir sind wir, nach oben buckeln, nach unten draufscheißen, das war schon immer so, also bleibt es". Das Einzige, was diesen Durchschnittsgriechen mit seiner durchschnittsrassistischen und durchschnittsmachomäßigen Lebenseinstellung auszeichnet, ist ein wenig Bauernschläue, mit der er den Profilierungsattacken seiner Vorgesetzen entgehen kann und nach langjähriger Berufserfahrung verfügt er auch über einen sechsten Sinn, der ihm sagt, wenn es irgendwo kriminalistisch zu stinken beginnt.

Normalerweise wäre der Fall bei den Akten gelandet. In einem Elendsquartier wird ein albanisches Pärchen massakriert. Natürlich sind die beiden illegal eingereist, nirgendwo gibt es Geld, Papiere oder sonstige Hinweise. Was soll´s? Ein Mord unter vielen. Ein kleines Presseinterview und danach ruht die Aufklärung der Schandtat bis in alle Ewigkeit, wie so viele ungeklärte Fälle. Wäre da nicht eine junge Sensationsreporterin des Fernsehsenders "Hellas Channel", die hinter diesem Verbrechen mehr vermutet und dies auch öffentlich kundtun will, doch auch sie ereilt das Schicksal aller Krimileichen, sie wird vorher an die Gestade des Hades gerufen.

Charitos hasst Journalisten. Besonders Fernsehjournalisten, die ihm mit ihrer Sensationsgier beständig ins Handwerk pfuschen. Demzufolge führt er sich bei seinen Ermittlungen im Sender mehr als rüpelhaft auf und die Ernüchterung in Gestalt seines Vorgesetzten Gikas folgt auf dem Fuße. Mangelnde Diplomatie im Umgang mit Presse und Politikern kann man diesem Polizeiwindhund nicht vorwerfen, aber er kann gar nicht anders, als den ständig ins Fettnäpfchen tretenden Charitos an die Leine zu nehmen, was dem armen, geplagten Kommissar psychosomatische Funktionsstörungen verursacht.

Als die Nachfolgerin der Journalisten ebenfalls ins Gras beissen muss, wird unser biederer Kommissar allerdings nicht nur immer bärbeißiger, sondern auch zielstrebiger. Er lässt alte Juntakontakte wieder aufleben und beginnt in den Akten zu graben und beißt sich immer tiefer in die Materie, in der es bald von Kinderschändern, Menschenschmugglern und noch schlimmerem Gesocks nur so wimmelt. Und hinter jedem Handgriff lauert die Meute der Journalisten, um dem Kommissar als Aushängeschild des Polizeiapparates eines über die Rübe zu ziehen.

Natürlich verrate ich nicht das Ende des Krimis und all die überraschenden Wendungen, die Kommissar Charitos im Laufe der Handlung erlebt und erleidet.

Vor "Hellas Channel" hatte ich Nachtfalter gelesen, den Nachfolger. Hätte ich allerdings dieses Buch vor dem zweiten Band gelesen, bin ich mir nicht sicher, ob ich mir den zweiten Band angetan hätte.

Petros Markaris zeichnet das Bild eines Mannes, das in vielen Details auch dem Mann von der Strasse in Wien, Köln, Berlin oder sonst wo entspricht. Obwohl der Roman mit sehr viel Lokalkolorit aufwarten kann und Herr Markaris seinen Titelhelden quer durch sämtliche Gassen Athens Jagd auf die Täter machen lässt, wäre es nicht notwendig gewesen, alle Gassen auch namentlich zu erwähnen, vor allem, weil der Fiat Mirafiori des Kommissars ohnehin den halben Fall lang nur in den Staus der griechischen Hauptstadt steckt. Und wenn er dies nicht tut, dann hängt er seinen Gedanken über die Trostlosigkeit seines Alltags nach, die gekennzeichnet sind vom schmächtigen Beamtensold und schwellenden Familienkonflikten.

Der Spannungsaufbau des Kriminalromans lässt besonders im letzten Drittel einiges zu wünschen übrig. Während die Szenarien und Handlungsabläufe auf den ersten 200 Seiten durchaus schlüssig sind, wird am Schluss die Lösung eher an den Haaren herbei gezogen. Zu sehr erledigen sich die Dinge von selbst und die Quintessenz des Falles hat mich im Endeffekt nicht befriedigt, obwohl der Mörder natürlich gefasst wird.

Der Schmöker kann mit anderen gängigen Kommissaren, wie Montalbano oder Van Veeteren durchaus mithalten. Lokalkolorit und menschliche Unzulänglichkeit prägen das Bild eines Alltagszynikers, aber irgendwo fehlt dieser Funken, durch den man mit dem Titelhelden Sympathie empfindet. Das Buch lässt sich von der Sprache her relativ leicht lesen, auch wenn man des öfteren den Anhang mit der Personenliste benötigt, um sich zu orientieren. Aber dies liegt sicherlich an der Eigenheit der örtlichen Namensgebung. Vier von fünf Sternen ist der Roman allemal wert und ich klassifiziere ihn als leichte Urlaubskost. Auch wenn her Markaris ganz offensichtlich ein gebildeter und mit den Klassikern vertrauter Schriftsteller und Drehbuchautor ist, sind ihm außer den Zitaten aus diversen Wörterbüchern keine besonders galanten sprachlichen Wendungen eingefallen, er suhlt sich eher im Proletenjargon, den man im Umkreis der Lebensgewohnheiten von Herrn Charitos gewöhnt ist.

Ganz kann ich die Lobgesänge der Presse zu diesem Buch nicht nachempfinden, doch wer eine weitgehend anspruchslose Abendlektüre sucht, ist mit diesem Buch recht gut bedient.

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