Engelsgrube

  • Bastei Lübbe
  • Erschienen: Januar 2006
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006, Seiten: 285, Originalsprache
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Jörg Kijanski
60°

Krimi-Couch Rezension von Jörg Kijanski Okt 2008

Eine Frau allein gegen ihre Kollegen

Neben einer Reihe ominöser Überfälle auf Taxifahrer beschäftigt sich die Lübecker Kriminalpolizei mit dem Mord an Wolfgang Biederstätt, dem Inhaber des Restaurants "Lübecker Kupferhaus". In seinem Weinkeller wurde Biederstätt mit einem alten Armeerevolver wie bei einer Hinrichtung erschossen, doch die zahlreichen Hinweise aus der Bevölkerung zum Tod des beliebten Küchenchefs führen die Ermittler nicht weiter. Da ereignet sich ein weiterer spektakulärer Mord: Zu Beginn des Altstadtfestes wird direkt neben einem Bierstand eine Frau mit einem Messer niedergestochen. Obwohl es schon recht voll war, will jedoch niemand der Umstehenden irgendetwas bemerkt haben.

Bei der Ermordeten handelt es sich um 41 Jahre alte Geschäftsführerin Birgit Manstein, die bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alles andere als beliebt war, aber ist der Täter wirklich in der eigenen Firma zu finden? Kommissarin Pia Korittki hat da so ihre ganz eigenen Überlegungen, mit denen sie sich auch gerne schon einmal bei den Kollegen in die Nesseln setzt. Beide Mordfälle werden getrennt voneinander bearbeitet, aber könnte nicht ein und derselbe Täter zugeschlagen haben? Bei Morde wurden mit ungewöhnlichen Waffen begangen und beide Taten ereigneten sich an einem Freitagabend. Dazwischen lagen gerade einmal sechs Wochen und so folgt Korittki einer inneren Eingebung und lässt sich die Todesfälle der letzten Monate raussuchen. Dabei geht sie jeweils im Sechs-Wochen-Rhythmus zurück und stellt fest, dass er zwei weitere seltsame Todesfälle gab. Ein als Selbstmord eingestufter Sturz von einem Autoparkhaus und ein Fall von Herzstillstand, bei dem der Alleinerbe sein Vermögen nicht schnell genug zu Geld machen kann. Die Kollegen bezweifeln Korittkis seltsame Theorie. Ein Serienmörder in Lübeck?

Schade, dass die Polizei erst in der zweiten Hälfte "richtig" ermittelt

Das Frauen in Männerberufen noch immer nicht überall anerkannt werden ist das Schicksal, welches die Heldin Pia Korittki (und mit ihr die Leser/innen des Romans) geduldig ertragen muss. Ihre Ansicht, die beiden Morde könnten miteinander zu tun haben, wird von ihren ausschließlich männlichen Kollegen nur mit einem Kopfschütteln gewürdigt und ihre Vermutung, dass sogar die beiden nicht eindeutigen Fälle (Selbstmord, Herzanfall) ebenfalls dem gleichen Täter anzurechnen sein könnten, sorgt gar für leichte Empörung. Wie kann man nur so denken, fragen sich die Ermittler und die Leser/innen fragen sich derweil, ob diese sehr klischeehaft dargestellten Figuren die Bezeichnung Ermittler überhaupt verdienen. Keiner Spur wird erkennbar nachgegangen und wenn, dann häufen sich die Pannen derart, dass man nur hoffen kann, dass sich die Autorin Eva Almstädt bei den echten Lübecker Kripobeamten für deren fiktive Kollegen vorab entschuldigt hat.

 

Darüber wollte Unruh jetzt nicht nachdenken. Er zweifelte mehr und mehr an seinem Tun in den letzten Tagen. Wieso hatten Gerlach und er sich nicht einmal die Adresse von Kessels Arbeitsstätte notiert?

 

Eine von vielen berechtigten Fragen. Doch immerhin, nach der Mitte des Buches kehrt der im Urlaub befindliche Chef Gabler zurück und mit ihm auch ein bisschen Niveau bei der Ermittlungsarbeit. Prompt wird eine gemeinsame Sonderkommission, die Soko Altstadt, gebildet und so fügt sich sehr langsam des Rätsels Lösung zusammen, dass dem Publikum in kurzen Einschüben allerdings schon parallel nahe gelegt wird. Gleichwohl bedient sich Eva Almstädt hier eines hübschen Tricks, um die Spannung recht lange aufrechtzuerhalten.

Eine sympathische Ermittlerin verhindert eine schlechtere Bewertung

Überhaupt ist der Roman vom Ansatz her ganz nett zu lesen, denn die gegen ihre widerspenstigen Kollegen ankämpfende Protagonistin besitzt durchaus (jedenfalls bei den LeserInnen) ein hohes Identifikationspotential. Leicht chaotisch, vor allem ihr eigenes Privat- und Liebesleben alles andere als im Griff habend, unterlaufen selbst ihr, die stets auf der richtigen Spur zu sein scheint, immer wieder kleinere bis größere Fehler. Das macht sie sympathisch und verhindert den Nimbus der unfehlbaren Überfrau.

Bliebe die Frage, nach der Bedeutung des Titels Engelsgrube? Hier sammelt die Autorin noch einmal Pluspunkte! Nicht nur, weil der Titel für Krimifans möglicherweise zu falschen Assoziationen führen könnte, sondern weil hier der dezent vorhandene Lokalkolorit positiv auffällt. Wie es der Zufall so wollte, las der Verfasser dieser Rezension, den Roman während seines Urlaubs und wohnte dabei in besagter Engelsgrube. Hierbei handelt es sich um eine der vielen mittelalterlichen Straßen Lübecks, die durch ihre kleinen Nebengassen und deren Ganghäuser bekannt sind. Die Darstellung Lübecks ist der Autorin zwar gelungen, ein wenig mehr Lokalkolorit wäre allerdings wünschenswert gewesen.

Also, weniger eindimensionale Schwarz-Weiß-Klischees (nicht alle Polizisten sind Vollidioten), mehr echte Polizeiarbeit (Spuren darf man nachgehen, drängende Fragen dürfen gestellt werden) und schon könnten die weiteren Romane höhere Bewertungen rechtfertigen.

Engelsgrube

Eva Almstädt, Bastei Lübbe

Engelsgrube

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