Ostseesühne

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Köln: Bastei Lübbe, 2014, Seiten: 4, Übersetzt: Anne Moll

Couch-Wertung:

59°
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Sabine Bongenberg
Dünne Glanzschicht und viel Luft schätzt man nur bei Christbaumkugeln

Rezension von Sabine Bongenberg Nov 2013

Es gibt Zutaten in Krimis die sind Garanten für die gespannte Aufmerksamkeit der Leser: Familien, die plötzlich und spurlos verschwinden, abgelegene gefängnisgleiche Verstecke, in denen Entführungsopfer gefangen gehalten werden oder Kinder, die niemals in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Das ist die klassische Klaviatur einer Gänsehaut. In ihrem Krimi Ostseesühne führte Eva Almstädt diese Gruselfaktoren ausgiebig ins Feld. Woran liegt es dennoch, dass die Geschichte trotz "garantierter Schocker" nicht in Fahrt kommt?

In ihrem nunmehr neunten Fall wird die alleinerziehende Pia Korritke mit einem ganzen Bündel an Lügen und Geheimnissen konfrontiert, die sich an um den Mord an dem Lehrer Ulf Nielsen gruppieren. Dieser Einzelgänger und Eigenbrötler war nach einer frühmorgendlichen Exkursion und bei Suche nach neuen Fotomotiven für einen Bildband in einem Teich treibend aufgefunden worden. Wer aber könnte ein Interesse an dem Tod dieses farblosen Menschen haben, der generell nicht als Sympathieträger galt? Anders formuliert – welcher Leser würde sich für dieses Schicksal interessieren?

Offensichtlich konnte auch Eva Almstädt diese Frage nicht zufriedenstellen beantworten und besann sich daher auf das gute alte Stilmittel des Nebenschauplatzes, um grundsätzlich nicht vorhandene Spannung zu gerieren. So gilt es ein Geheimnis um die Familie zu lösen, auf deren Boden der Ermordete aufgefunden wurden. Blumig formuliert, verschwand diese bei Nacht und Nebel und kein Auge hat sie mehr erblickt. Da sich aber vermutlich auch niemand um eine normale Familie aus Vater-Mutter-Kind scheren würde, die ja möglicherweise auch nur einen verlängerten Urlaub antrat und vergaß die Nachbarschaft zu informieren, muss natürlich auch noch ein Rätsel um die Familie her. Zum einen – wo steckt sie denn überhaupt? Warum schwadronierte der geistig behinderte Sohn immer wieder von einem weiteren Kind, das angeblich auf dem Hof der Eltern lebte – das aber niemals jemand sah? War seine behinderte Schwester wirklich so behindert, dass sie in einem Pflegeheim leben musste, oder wurde sie auf dem Hof versteckt? Oder wurden andere Kinder regelrecht "weggefangen" und hier eingekerkert?

Kurz und gut, der Leser sieht sich immer wieder mit ein paar Häppchen um dunkle Geheimnisse geködert, schnappt gierig danach, da sich die Spannung um das Dorfleben ansonsten eher im Rahmen hält und muss dann doch mehrfach erfahren, dass er offensichtlich in einen Luftballon biss, der sang und klanglos in sich zusammenfällt. Da hilft es auch nicht, das Liebesleben der ermittelnden Beamtin Pia Korritki als weiteren Nebenschauplatz zu ins Feld zu führen. Alleinerziehend, Doppelbelastung, schwierige Beziehungen, nichtehelicher Vater will Sorgerecht – keine Überraschungen an dieser Front. Als überraschend kann nur die besonders eigenwillige Auffassung der Autorin zum Kindschaftsrecht gelten: Eine alleinerziehende Kriminalbeamtin ist aufgrund ihres Berufes – der sie mit dem Verbrechen und dem Tod in Verbindung bringt – möglicherweise nicht für die Erziehung eines Kindes geeignet. Gott bewahre – lässt man die Polizisten außen vor, was ist mit Prostituierten oder Zuhältern, Ärzten, Krankenschwester oder gar Angestellten von Beerdigungsinstituten? Die erste Gruppe wäre wegen krimineller Kontakte, die zweite wegen Berührungen mit Tod und Krankheit wohl kaum zur Erziehung von Kindern geeignet. Man stelle sich vor, wie die Heime geflutet wären!

Die Ostseesühne kommt immerhin doch noch halbwegs in Fahrt, als sich die Autorin endlich der Verbrechen annimmt, die sie tatsächlich erzählen und denen sie die Hauptbühne in ihrem Buch widmen will. Diese sind dann verhältnismäßig flott abgearbeitet, besinnt sich die Polizei doch endlich auf seriöse Ermittlungsarbeit als dass sie hysterisch jedem noch so eigenartigen Hinweis hinterherflattert. Hier fühlt sich der Leser endlich in einem seriösen Krimi aufgefangen, der bisher zwischen Mysterienspiel und "Babysprech" versteckt blieb. Da stört es dann auch nicht – allzu sehr – dass der Mörder dann doch wieder der "Gärtner" ist und die Heldin bis zu dessen Verhaftung einen dornenreichen Weg zurücklegen muss. Ein bisschen Lametta auf der Krimihandlung soll auch hier geschuldet werden.

Wenngleich der großartige Loriot beklagte, dass "früher mehr Lametta" war und die entsprechende Zugabe am Ende auch ihren Grund hat, wünschte man zu Anfang der Ostseesühne doch manchmal, dass die Autorin mit demselben gespart hätte. Noch mehr Mysterien, noch mehr Glitzer und Geheimnisse locker drapiert auf einem recht dürren Weihnachtsbäumchen. Anders formuliert könnte man sagen: Dünne Glanzschicht und viel Luft schätzt man nur bei Christbaumkugeln - nicht aber bei Krimis.

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