Kalter Grund

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2004, Seiten: 268, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Schönes, ruhiges Landleben. Wer’s glaubt ...

Rezension von Jörg Kijanski Okt 2008

Auf Hof "Grund" in einem kleinen Dorf in Ostholstein werden die Leichen der Familie Bennecke gefunden. Rainer, Ruth und Sohn Malte wurden gezielt mit mehreren Gewehrschüssen geradezu hingerichtet. Da in der zuständigen Mordkommission der Kripo Lübeck aktuell Personalmangel herrscht, kommt die neue Kommissarin Pia Korittki zu ihrem ersten großen Fall, nachdem sie zuvor eher belanglose Schreibtischarbeiten erledigen musste. Ihr Kollege Marten Unruh ist nur mäßig begeistert ausgerechnet bei einem Dreifachmord mit einer "Anfängerin" gemeinsam ermitteln zu müssen.

In dem verschlafenen Nest stellen Unruh und Korittki schnell fest, dass die Ermordeten alles andere als beliebt waren. Rainer Bennecke galt als Alkoholiker, seine Frau als die gehässige Tratschtante des Dorfes und Sohn Malte als kriminell. An Motiven fehlt es zahlreichen Dorfbewohnern nicht. Ihre Nachbarn beispielsweise, die Familie Rohwer, musste erst letztes Jahr den Verlust ihrer gerade einjährigen Tochter verschmerzen, die beim Spielen auf die Straße geriet und von Malte mit dem Motorrad überfahren wurde. Auf dem nahe gelegenen Gut Rothenweide soll es besonders an Wochenenden hoch her gegangen sein, sogar von einem Bordellbetrieb ist die Rede. Auf dem Gut arbeitet auch Verena Lange, die zeitweise ein Verhältnis mit dem zehn Jahre jüngeren Malte hatte, bevor dieser in aller Heimlichkeit mit der erst sechzehnjährigen Nachbarstochter Agnes Kontos eine Beziehung einging, die nicht folgenlos blieb. Auch die ungeliebte Tochter, Katrin Bennecke, dürfte ein beachtliches Motiv haben. Die in Frankfurt lebende Bankerin ist nämlich hoch verschuldet und gleichzeitig Alleinerbin von Hof "Grund"…

Eva Almstädt gelingt mit Kalter Grund ein vorzüglicher Debütroman. Die Stimmung bei der Bezirkskriminalinspektion Lübeck könnte schlechter nicht sein. Neid und Missgunst beherrschen den Alltag und zu allem Unglück will sich mit Pia Korittki auch noch ausgerechnet eine Frau in der Männerdomäne Mordkommission behaupten. Ärger ist vorprogrammiert und so starten Korittki und Unruh (der Name spricht für sich) denkbar schlecht in die gemeinsamen Ermittlungen.

Den Provinzmief, hier in Ostholstein, fängt die Autorin wunderbar ein und entzaubert den Mythos vom schönen Landleben, wo jeder jeden kennt und dennoch jeder (angeblich) nur seine Ruhe haben will. Von wegen. Hinter einer bürgerlich-spießigen Langweiligkeit eröffnen sich tiefe Abgründe. Nicht wenige Nachbarn der Benneckes haben erhebliche Probleme mit ihrem Privatleben, besser gesagt mit der Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse. Mitunter konnte diese ausgerechnet der im Dorf angeblich so unbeliebte Malte erfüllen. Bei aller Landidylle wird zudem getratscht, dass einem die Ohren klingeln. Jede/r hat eine Anekdote über seine Nachbarn zu erzählen ("Eigentlich haben wir zu denen gar keinen Kontakt."), bei denen diese selbstredend grundsätzlich schlecht davon kommen.

Als sich die Ermittlungen zunehmend im Kreis drehen bekommt die Story rechtzeitig neuen Schwung, da plötzlich die junge Agnes Kontos verschwindet. Auch hier zeigt sich der schwelende Konflikt zwischen Korittki und Unruh. Während Korittki der Sache höchste Priorität einräumt, winkt Unruh ab, glaubt, dass das junge Mädchen heimlich bei einem Freund untergetaucht sei. Teamwork sieht anders aus und so verwundert es ein bisschen, dass sich die beiden am Ende dann doch noch etwas näher kommen und tatsächlich "gemeinsam" den Fall lösen.

Ob es tatsächlich so ist, dass Frauen bei der Kripo mit offener Feindseligkeit von ihren Kollegen aufgenommen werden, darf bezweifelt werden. Im vorliegenden Fall gehört es zum Plot dazu - dies setzt sich übrigens in den Folgeromanen fort - und sollte einen somit nicht stören. Alles in allem betritt mit Pia Korittki eine interessante Ermittlerin die Bühne, die mit ihrem (Privat-)Leben selber offenbar noch im Unreinen ist. Dies macht sie keineswegs unsympathisch und lässt für ihre folgenden Fälle hoffen, wenngleich im vorliegenden Fall die Art der Auflösung zu einem kleinen Punktabzug führt. Der "heimliche Star" des Romans ist aber ohnehin die ländliche Idylle mit ihrer aufgesetzten Fassade und ihren zahllosen moralischen Abgründen.

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