Eine ganz andere Geschichte

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2007, Titel: 'En helt annan historia', Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2008, Seiten: 6, Übersetzt: Bär, Dietmar
  • München: btb, 2010, Seiten: 603

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Eva Bergschneider
Eine echte Herausforderung

Buch-Rezension von Eva Bergschneider Jun 2008

Eine ganz andere Geschichte (En helt annan historia) lautet der Titel des zweiten Teils aus Håkan Nessers neuer Krimireihe mit Kriminalinspektor Barbarotti. Der neue grenzte sich in Mensch ohne Hund erfolgreich von seinem berühmten Vorgänger van Veteren ab und überzeugte als Persönlichkeit, die eigene Akzente setzte. Viele Leser warteten gespannt auf ein neues verzwicktes Rätsel aus der Feder des Schweden und die Fortsetzung der privaten Geschichte des Halbitalieners aus Kymlinge.

2002: Sommer in der Bretagne

Eine ganz andere Geschichte beginnt mit den Tagebuch ähnlichen Eintragungen eines Schweden, der 2002 an der Südküste der Bretagne Urlaub macht und zufällig auf fünf Landsleute getroffen ist.

 

Ich bin nicht wie andere Menschen. Und ich will es auch gar nicht sein. Sollte ich jemals eine Gruppe finden, in der ich mich heimisch fühle, dann bedeutet das nur, dass ich abgestumpft bin

 

So charakterisiert sich der Schreiber selbst. Dennoch verbringt er einige Tage mit dieser Gruppe, bestehend aus insgesamt zwei Single-Männern und zwei Paaren. Wie alle genießt der unbekannte sechste Mann Sonne, Strand, Schalentiere und Alkohol. Er schreibt über private Charakterstudien, erotische Gedankenspiele und schildert schließlich einen tragischen Unfall. Fünf Jahre später fügt der Verfasser seinen "Aufzeichnungen aus Mousterlin" Kommentare hinzu, in denen er erklärt, dass er seine ehemaligen Reisegefährten töten wird.

2007: Barbarottis Dilemma beginnt auf Gotland

Barbarotti fährt zu Marianne, seiner neuen Liebe, die die Sommerferien auf Gotland verbringt. Als er seine Wohnung verlässt, steckt er die Tagespost ein. So erreicht ihn die Nachricht eines Mörders im Paradies und kündigt ihm den Mord an Erik Bergmann an. Barbarottis idyllische Sommerfrische verwandelt sich in einen blutigen Albtraum, mit einem Killer, der ihn persönlich heraus fordert. Kennt der Ermittler den Täter und hat der es am Ende auch auf ihn abgesehen?

Der Leser liest zwei verschiedene Geschichten, die eine Gemeinsamkeit haben: eine heitere Urlaubsstimmung verdüstert sich zu einem mörderischen Rätsel. Die "Aufzeichnungen aus Mousterlin" erzählen dem Leser, wie aus Zufallsbekannten, die an der bretonischen Küste aufeinander treffen, ein Mörder und seine Mordopfer werden. Der Verfasser verarbeitet Beobachtungen und Ereignisse zu einem dramatischen Plot.

Barbarotti und seine Mitstreiter erhalten dieses Tagebuch erst am Ende des Romans. Trotzdem ist den Ermittlern nach zwei Ankündigungen und Ermordungen klar, dass es sich um keinen gewöhnlichen Täter handelt, sondern um einen, der sorgfältig plant und seine Taten gekonnt in Szene setzt. Der Druck, diesem entschlossenen Täter endlich auf die Spur zu kommen, wird immer greifbarer, denn die Boulevardpresse erhält ebenfalls dessen Nachrichten und verbreitet sie in prägnanten Schlagzeilen.

Selten gönnt ein Krimiautor seinem Leser einen so weitreichenden Wissensvorsprung. Dennoch tappt man, wie die Polizei bis zum Schluss im Dunkeln, in beständiger Erwartung, endlich den entscheidenden Hinweis zu erhalten und dem wachsenden Gefühl, das etwas faul sein muss.

Eine Fülle verschiedener Stimmungsnuancen

Eine ganz andere Geschichte ist allerdings sehr viel mehr, als nur ein spannender Rätselkrimi.

Schon im ersten Barbarotti-Roman traute sich Nesser aus der für ihn typischen Lakonie heraus und ließ mehr Emotionen und Humor in sein sprachliches Repertoire mit einfließen. Neben Tiefgründigkeit und Leidenschaft, zeichnen auch hier skurriler Witz und Selbstironie den vielseitigen Kriminalinspektor aus:

 

Oh Herr sende einen Strahl rein und klar in ein umnebeltes Bullengehirn. Was ist das für ein Gerede von Vorhaben und tiefem Gewässer? [..] Wenn ich bis morgen Abend keine Klarheit habe, dann verlierst Du einen Punkt. Hilfst Du mir, bekommst Du Drei.

 

Das Feilschen mit dem Herrgott geht also weiter. Die Rahmenhandlung um den Halbitaliener hat Nesser weiter ausgebaut. Sie bietet alles, was einem den Mann rundherum sympathisch macht: Sehnsüchte, Liebe und Nöte, die jeder Leser nachempfinden kann. Barbarotti ist kein Überflieger, aber ein Teamplayer, der auch im Abseits am Ball bleibt.

Am Ende noch eins drauf gesetzt

Mit der Auflösung dieser mysteriösen "anderen Geschichte" ist Nesser ein wahrer Geniestreich gelungen. Nicht der Hauptprotagonist findet den entscheidenden Hinweis (den er übrigens für sich behält), sondern jemand, der ebenfalls ein Einzelkämpfer ist und dadurch gedankliche Wege beschreitet, die den meisten Menschen verschlossen sind. Wenn man des Autors Vorliebe für angelsächsische Idiome teilt, ist It makes perfect sense ein passendes Résumé für dieses Finale.

Ein Wortspiel mit des Autors Nachnamen und der Steigerungsform von "gut" ist treffend, aber abgenutzt. Daher soll hier das Fazit nach der Hälfte der geplanten Barbarotti-Werke lauten: Nesser steuert auf den Höhepunkt seines Schaffens zu.

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