Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Den sorgsne busschauffören fran Alster

- aus dem Schwedischen von Paul Berf

- Bd. 6

- HC, 416 Seiten

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Thomas Gisbertz
Melancholischer Schweden-Krimi

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Okt 2020

August 2018: Gegen Inspektor Barbarottis Polizeikollegin - und neue Lebensgefährtin - Eva Backman wird in Stockholm intern ermittelt; sie musste bei einem Einsatz zur Schusswaffe greifen, um Schlimmeres zu verhindern, was für einen der Beteiligten allerdings böse endete. Um Abstand zu gewinnen, beschließen Barbarotti und Backman, sich in die herbstliche Abgeschiedenheit Gotlands zurückzuziehen. Doch die Ruhe ist trügerisch: Barbarottis kriminalistische Instinkte werden geweckt, als er in einem Fahrradfahrer jenen rätselhaften Busfahrer zu erkennen glaubt, der vor fünf Jahren Opfer eines Verbrechens wurde, ohne dass man seine Leiche je gefunden hätte ...

Mord aus Rache?

Der 22. März 2007 wird zum Wendepunkt im Leben von Albin Runge - nichts sollte fortan an mehr so sein wie zuvor. Als Fahrer eines vollbesetzten Busses, der eine Schulklasse samt Eltern und Lehrer zu einer Skifreizeit in den Norden Schwedens bringen sollte, gerät er auf schneenasser Straße ins Schleudern und stößt mit einem Fernlaster zusammen. Bei diesem Unfall sterben 17 Schüler und eine Mutter. Obwohl Runge keine Schuld trifft, macht er sich große Vorwürfe.

Gut fünf Jahre später erhält er plötzlich Drohbriefe und -anrufe; ein Unbekannter namens Nemesis scheint Runge nun zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Als dieser sich an die Kriminalpolizei wendet, kann - oder vielmehr will - diese zunächst nichts unternehmen. Als der anonyme Briefschreiber dem ehemaligen Busfahrer aber mit dem Tode droht und sogar ein konkretes Datum nennt, werden Runge und seine Frau unter Personenschutz gestellt. Doch plötzlich sind beide verschwunden ...

Neuer Fall für Barbarotti

Nach der international erfolgreichen Van-Veeteren-Reihe ist die Serie um Inspektor Gunnar Barbarotti, einem schwedischen Inspektor mit italienischen Wurzeln, der im fiktiven Ort Kymlinge arbeitet, die zweite bekannte Reihe des Bestsellerautors Håkan Nesser. Der fünfte Band, Am Abend des Mordes, sollte 2012 eigentlich das große Finale der Barbarotti-Reihe rund um den cleveren Inspektor sein; Nesser selber hatte bereits vor Jahren angekündigt, fortan nur noch klassische fiktionale Romane schreiben zu wollen.

2019 vereinte der schwedische Autor dann aber plötzlich und unerwartet seine beiden bekannten Kriminalreihen mit seinem Roman Der Verein der Linkshänder, in dem Kommissar van Veeteren und Inspektor Brabarotti gemeinsam auf Mörderjagd gehen. Nesser scheint die Liebe zu seiner Figur wiederentdeckt zu haben, denn ein Jahr später erscheint nun mit Barbarotti und der schwermütige Busfahrer der 6. Band der Barbarotti-Reihe.

Zwischen Roman und Kriminalerzählung

Es fällt durchaus schwer, die neuen Romane des großartigen Håkan Nesser literarisch einzuordnen: Wie schon zu Beginn seines Schreibens standen in den letzten Jahren bei seinen Erzählungen zunehmend die Personen und ihre Geschichten im Mittelpunkt der Handlung; trotz ermittelnder Kommissare rückte dafür der Kriminalfall zunehmend in den Hintergrund, auch wenn er immer der Katalysator der Geschichte blieb.

Dies muss man wissen, wenn man einen Nesser-Roman in die Hand nimmt: Wer einen temporeichen, spannungsgeladenen Kriminalfall erwartet, wird dann mitunter enttäuscht. Der Autor kommt erneut ganz ohne wilde Verfolgungsjagden, finstere Schurken und eiskalte Ermittler aus. Nesser ist, wenn man so will, der Antagonist so vieler moderner Krimi- und Thrillerautoren.

Dafür ist Håkan Nesser vielleicht einer der letzten großen Schriftsteller „spannender Romane“. Was bereits 1998 mit Kim Novak badete nie im See von Genezareth, dem ersten wirklich herausragenden Werk des schwedischen Autors, deutlich wurde und sich bis in die Barbarotti-Reihe zieht, ist die enorme literarische Qualität seiner Werke: Seine Romane sind alleine deswegen etwas Besonderes, weil Nesser möchte, dass wir seinen Figuren zuhören und sie in dem, was sie tun, verstehen.

Ruhiger, bedächtiger Fall

Sicherlich ist der aktuelle Band nicht Nessers bestes Werk. So kommt er nicht an die Brillanz eines Romans wie Der Fall Kallmann heran, aber dennoch weiß auch der neue Barbarotti in seiner für Nesser typischer Manier zu überzeugen. Der schwedische Autor will uns ein Bild der Gesellschaft und sozialer Geflechte aufzeigen, in denen sich seine Figuren verfangen. Wer die leisen Töne in seinen Romanen nicht vernimmt, wird Nesser-Werke nicht verstehen. Zugegeben: Diesmal wirkt die Auflösung des Kriminalfalls fast schon zu banal, auch wenn der Weg dorthin viele Wendungen aufweist. Der Autor steigert die Spannung erst langsam, das Tempo ist gewohnt gemächlich, die Figurendarstellung genau und präzise. Nesser lässt tief in die verletzten Seelen seiner Figuren blicken, die sich mal dem Fatalismus ihres Lebens ergeben, mal dagegen ankämpfen.

Dass Gunnar Barbarotti nun ganz offiziell mit seiner Kollegin Eva Backman eine Beziehung führen kann und diese sich nach der tödlichen Verletzung eines Tatverdächtigen der internen Ermittlung stellen muss, gerät fast schon zur Nebensache. Die beantragte zweimonatige Auszeit auf Gotland trägt nur bedingt zur Erholung bei, denn das Paar begegnet dort anscheinend dem totgeglaubten Albin Runge - der Spürsinn von Barbarotti und Backman ist geweckt. Es dauert aber etwas, bis schlussendlich Licht ins Dunkel gebracht wird, denn der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen - so offenbaren sich erst allmählich die Hintergründe des mysteriösen Falls. Besonders die in einer Art Tagebuch verfassten Reflexionen und Schilderungen des Opfers Albin Runge regen in ihrem fast philosophischen Duktus zum Nachdenken an. Håkan Nesser stellt der Sinnsuche seiner Figuren die Sinnlosigkeit der Welt gegenüber.

Fazit

Håkan Nesser ist ein großer Stilist, dem die Geschichte wichtig ist. Er ist kein Autor, der rasante Action und fesselnde Spannung von der ersten bis zur letzten Seite verspricht. Aber er ist ein guter Beobachter und ein noch besserer Erzähler. Wenn man ihm zuhört, entspannt sich eine vielschichtige Geschichte um Moral, Verantwortung und Verletzlichkeit. Seine Werke sind eher Gesellschaftsromane als Kriminalerzählungen, aber genau dadurch erreichen sie ihre besondere Qualität.

 

 

Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

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Letzte Kommentare:
21.12.2020 13:28:21
Buchbesprechung

REZENSION – Eigentlich hatte der schwedische Schriftsteller Håkan Nesser (70) seine erfolgreiche Reihe um Kriminalinspektor Gunnar Barbarotti mit dessen fünftem Fall „Am Abend des Mordes“ (2012) abschließen wollen. Doch nach vier anderen Romanen und einem Gastspiel Barbarottis in Nessers Krimi „Der Verein der Linkshänder“ (2018) aus seiner Van-Veeteren-Reihe veröffentlichte er mit „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“, im September im btb-Verlag erschienen, nun doch nach acht Jahren noch einen weiteren Band. War es der Zwang des Erfolges oder die Liebe des Autors zu seinem liebenswerten Protagonisten?
Fast möchte man Letzteres vermuten. Der Tod seiner Frau und einige Jahre erfolglos verheimlichter Liaison mit seiner Kollegen Eva Backman – beide um die 50 Jahre alt, er etwas drüber, sie etwas jünger – liegen schon länger zurück. Beide leben seit drei Jahren in seiner Villa in Kymlinge zusammen. Nach einem missglückten Einsatz, bei dem Eva einen Jugendlichen erschoss, hat sich das Paar während der internen Ermittlung eine zweimonatige Auszeit in der herbstlichen Abgeschiedenheit der Insel Gotland genommen, um seelischen Abstand zu gewinnen. Doch selbst in dieser Einöde werden Barbarottis kriminalistischen Instinkte geweckt, als er eines Abends in einem Fahrradfahrer jenen rätselhaften Busfahrer Albin Runge zu erkennen glaubt, der fünf Jahre nach seinem Verkehrsunfall im Januar 2007, bei dem 17 Schüler und eine Mutter starben, nach mehrwöchiger Erpressung das Opfer eines Verbrechens wurde. Barbarotti und Backman rollen diesen geheimnisvollen Mordfall des Jahres 2012 nun erneut auf, um nach möglichen Ermittlungsfehlern zu suchen.
Ist es die Abgeklärtheit seines Alters? Im sechsten Barbarotti-Band des mittlerweile 70-jährigen Håkan Nesser spielt jedenfalls der eigentliche, irgendwann vom Leser sogar durchschaubare Kriminalfall eine eher hintergründige Rolle. Wichtiger scheint dem Autor sein Protagonist zu sein – der inzwischen zum Kommissar beförderte Gunnar Barbarotti, den Nesser mit liebevollen und gelegentlich auch ironischen Charakterisierungen bei seinen Ermittlungen auf Gotland mit Rückblenden ins Jahr 2012 begleitet. Nessers Barbarotti ist keineswegs der knallharte Ermittler, sondern „das blinde Huhn, das links und rechts und wo kein anderer sie wahrnahm wertvolle Körner findet“, und manchmal auch hilfloser Mann, der hin und wieder mit Gott spricht. Denn „wenn die Körner weit auseinanderliegen, braucht auch ein blindes Huhn Verbündete“. Barbarotti ist ein durch den Tod seiner geliebten Ehefrau ein vom Leben geprüfter, im Leben erfahrener und nachdenklich gewordener Mann geworden.
Wer also in „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ einen spannungsgeladenen Krimi erwartet, wird enttäuscht. Aber gerade die scheinbar leichten und leisen Töne in Barbarottis philosophischen Betrachtungen und der mal fast albern klingende, mal lebenskluge Humor in den Zwiegesprächen mit Eva Backman machen diesen Roman so lesenswert, wenn Barbarotti zum Beispiel überlegt: „Die eigene Bestattung erlebt man ja nicht so wirklich, was wahrscheinlich ganz gut ist.“
Für diese feinen, ironischen Töne muss man als Leser offen sein, um Håkan Nessers Roman richtig wertschätzen zu können. Wobei sogar der Autor sich selbst nicht schont, wenn zum Beispiel sein Protagonist fragt, wieso und wovon Menschen auf Gotland das ganze Jahr über lebten, „wenn sie nicht schon das Rentenalter erreicht hatten oder gut verkäufliche Kriminalromane schrieben“. Denn auch der schriftstellernde Rentner Håkan Nesser gehört mit zweitem Wohnsitz zu diesen Menschen auf Gotland.

28.10.2020 17:33:59
Miki094

lernte des Schwermuts öde Höhle
des Lebenstumults brodelnden Kessel
zu wollen und leben,
zu bezwingen und erdulden,
mich stark und klug zu stählen.

Dieses Gedicht ist dem Roman zuvorgestellt und während der Lektüre blätterte ich immer wieder zurück und las es.
Es gibt irgendwie die Stimmung des schwermütigen Busfahrers wieder , der seine Geschichte in einem Notizbuch mit dem Titel " Kleckse und Späne " erzählt.
Inspektor Barbarotti und seine Kollegin und Lebensgefährtin Eva Backman ermitteln , als Albin Runge ( Der Busfahrer ) mit Drohbotschaften terrorisiert wird.Zwei Handlungsstränge 2013 und 2018 werden geschickt verwoben und kulminieren in einem Finale , das mich wirklich überrascht hat.
Hakan Nesser ist wieder ein klassischer Skandinavienkrimi geglückt , der mich wirklich gefesselt hat und den ich gerne weiter emp

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