Schach unter dem Vulkan

Erschienen: Oktober 2021

Bibliographische Angaben

- Übersetzung: Paul Berf

- Gunnar Barbarotti 7

- Originaltitel: "Schack under vulkanen"

- Hardcover mit Schutzumschlag

- 432 Seiten

Couch-Wertung:

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Thomas Gisbertz
Uninspirierte Fortsetzung der Barbarotti-Reihe

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Okt 2021

Der erfolgreiche Schriftsteller Franz J. Lunde ist fassungslos, als er mit den Worten einer Zuhörerin im Rahmen seiner Lesung konfrontiert wird: „In dem Buch, das ich gelesen habe und das Sie geschrieben haben, wird ein perfekter Mord verübt … jedenfalls wird es so genannt. Ich hatte das Gefühl, dass Sie das tatsächlich erlebt haben. Stimmt das?“ Lunde, der an einem Manuskript mit dem Titel „Letzte Tage und Tod eines Schriftstellers“ arbeitet, fühlt sich zunehmend von dieser Zuhörerin bedroht. Nach einer Lesung in Kymlinge ist er plötzlich spurlos verschwunden. Kurze Zeit später wird auch die bekannte Lyrikerin Maria Green vermisst. Auch sie hinterlässt ein rätselhaftes Schriftfragment. Die Polizei tappt im Dunklen, bis ein halbes Jahr später auch der Autor und Literaturkritiker Jack Walde unauffindbar ist. Was verband diese drei Schriftsteller? Was ist ihnen zugestoßen? 

Wahrheit oder Fiktion?

Kommissar Gunnar Barbarotti ist diesmal zunächst auf sich alleine gestellt, da sich seine Kollegin Eva Backman, mit der er mittlerweile sieben Jahre verheiratet ist, in Australien aufhält. Deren Sohn Kalle sitzt wegen des Verdachts des Drogenbesitzes und Misshandlung seiner Frau in Untersuchungshaft. So macht sich Barbarotti zunächst alleine auf den Weg nach Kymlinge, um im Fall des vermissten Franz J. Lunde zu ermitteln. Unterstützung erhält er von der jungen Polizeianwärterin Sarah Sisulu. Als sie die Biografie des bekannten Autors durchleuchten, erfahren sie, dass dessen Frau seit einer gemeinsamen Wanderung vor Jahren spurlos verschwunden ist. Lundes Lektorin macht Barbarotti zusätzlich darauf aufmerksam, dass jener in seinem Roman „Das feinmaschige Netz“ über den perfekten Mord schreibt. Alles nur Zufall oder hatte die unbekannte Zuhörerin Recht? Dann findet man den ausgebrannten Wagen des Autors, doch von Lunde fehlt jede Spur.

Fortsetzung der Barbarotti-Reihe

Nach der international erfolgreichen Van-Veeteren-Reihe ist die Serie um Inspektor Gunnar Barbarotti, einem schwedischen Inspektor mit italienischen Wurzeln, der im fiktiven Ort Kymlinge arbeitet, die zweite bekannte Reihe des Bestsellerautors Håkan Nesser. Der fünfte Band, Am Abend des Mordes, sollte 2012 eigentlich das große Finale der Barbarotti-Reihe sein; Nesser selber hatte bereits vor Jahren angekündigt, fortan nur noch klassische fiktionale Romane schreiben zu wollen.

2019 vereinte der schwedische Autor dann aber plötzlich und unerwartet seine beiden bekannten Kriminalreihen mit dem Roman Der Verein der Linkshänder, in dem Kommissar van Veeteren und Inspektor Brabarotti gemeinsam auf Mörderjagd gehen. Nesser scheint die Liebe zu seiner Figur wiederentdeckt zu haben, denn ein Jahr später erschien 2020 mit Barbarotti und der schwermütige Busfahrer der sechste Band der Reihe. Nun legt Nesser mit Schach unter dem Vulkan einen weiteren Barbarotti-Roman nach.

Ungewohnt einfach

Håkan Nesser ist sicherlich einer der letzten Großen der skandinavischen Kriminalliteratur. Umso mehr verwundert es, dass sein aktueller Roman seltsam uninspiriert und ideenlos wirkt. Schach unter dem Vulkan kann weder als Erzählung noch als Kriminalroman restlos überzeugen. Sicherlich besitzt Nesser ein großartiges Schreibtalent und seine Geschichten sind häufig mehr als nur spannende Erzählungen, aber diesmal fehlt es an der literarischen Qualität und Tiefe, die ihn ansonsten auszeichnet. Dies mag unter anderem daran liegen, dass es diesmal keine herausragende Figur innerhalb des Romans gibt. Kommissar Barbarotti war - anders als van Veeteren - nie ein wirklich starker Protagonist. Nessers Romane lebten bei dieser Reihe immer von den Schicksalen der Nebenfiguren. Diesmal bleibt deren Darstellung aber blass und oberflächlich. Daher plätschert die Handlung irgendwie belanglos vor sich hin, ohne dass sie den Leser wirklich packen würde.

Suche nach Vermissten

Die Idee hinter dem Roman ist eigentlich vielversprechend und Nesser schreibt über etwas, womit er sich auskennt: den Literaturbetrieb. Die Figur des Franz J. Lunde weist einige Parallelen zu Håkan Nesser selber auf. Beide waren vor ihrer schriftstellerischen Tätigkeit Lehrer und Lundes Roman, in dem es um den perfekten Mord geht, erinnert vom Titel her und teilweise auch inhaltlich an den ersten Band der Van-Veeteren-Reihe („Das grobmaschige Netz“).

Weil Lunde unter einer Schreibblockade leidet, der Verlag aber auf ein Manuskript von ihm drängt, nutzt er die Bedrohung durch die unbekannte Frau als Vorlage und verfasst mit der Erzählung „Letzte Tage und Tod eines Schriftstellers“ seine eigene Parallelgeschichte, die mit seinem tatsächlichen Verschwinden endet. Ähnlich ergeht es der Lyrikerin Maria Green, deren Spur sich ebenfalls in einem Hotel verliert. Einzig der Literaturkritiker Jack Walde, der unter einem Pseudonym als Schriftsteller erfolgreich Romane veröffentlicht, ist ein Charakter mit Ecken und Kanten, der sowohl hochgeschätzt als auch gehasst wird. Alle drei sind aber keine Figuren, mit denen der Leser sympathisiert. So vergeht Seite um Seite in der Hoffnung, dass der Roman an Spannung und erzählerischer Tiefe zunimmt. Bis auf das ein oder andere Bonmot Nessers mäandert die Erzählung aber vor sich hin.

Vergebliches Warten auf das Besondere

Achtung Spoiler! Wer zumindest am Ende des Romans auf einen überraschenden Clou wartet, der wird auch hier enttäuscht. Der Fall der vermissten Schriftsteller wird nicht durch die kluge Kombinationsgabe Gunnar Barbarottis gelöst, sondern allein durch Zufall. Die Lösung ist trivial und vorhersehbar. Man hätte sich bei Nessers Plot einen anderen Schluss gewünscht. Dennoch bleiben mehr Fragen, als es Antworten gibt. Leider passt das Ende zu einem insgesamt lustlosen Roman. Alles wirkt routiniert, mitunter auch arg konstruiert. So versucht Nesser immer wieder die Corona-Pandemie einzubinden, ohne dass dies in irgendeiner Weise inhaltlich von Belang wäre. Man bekommt das Gefühl, dass der Autor ähnlich wie Jack Walde gelangweilt in seinem Büro saß und Schach unter dem Vulkan das Ergebnis dieser phantasielosen Zeit ist. Spoiler Ende!

Fazit:

Sicherlich hat der schwedische Bestsellerautor Håkan Nesser selbst durch seine Romane und Reihen die Messlatte sehr hochgelegt. Er ist ein begnadeter (Kriminal-) Autor mit einem wundervollen Schreibstil. All dies kann er aber bei seinem aktuellen Roman leider nicht unter Beweis stellen. Vielleicht hätte er gut daran getan, die Barbarotti-Reihe wie geplant ruhen zu lassen. Nesser ist hat einmal gesagt, eine Geschichte zu schreiben sei Handwerk, die Sprache das Werkzeug und es sei nicht von Nachteil, eine Geschichte zu haben, die es wert ist, erzählt zu werden. Nessers aktuelle Erzählung ist dies leider nicht.

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