Die Rückkehr des Poeten

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • New York: Little, Brown, 2004, Titel: 'The Narrows', Seiten: 404, Originalsprache
  • München: Heyne, 2005, Seiten: 448, Übersetzt: Sepp Leeb
  • München: Heyne, 2006, Seiten: 446

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Michael Drewniok
Schnitzeljagd mit Leichen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2005

Acht Jahre konnte er seine Verfolger narren und galt als tot: Mehr als genug Zeit für den Ex-FBI-Agenten und Serienmörder Jim Backus, genannt "der Poet", ein neues Mordkomplott anzuzetteln. Bei seinem ersten Auftritt hatten ihn ein Journalist und seine Schülerin, die FBI-Agentin Rachel Walling, daran gehindert sein sadistisches Spiel zum geplanten Ende zu bringen. Das will Backus nun wieder aufnehmen und sich gleichzeitig an Walling rächen.

Ebenfalls in sein Visier gerät der Ex-Polizist Terry McCaleb, der nach einer Herztransplantation "ehrenamtlich" als Profiler arbeitet und dem Poeten bedrohlich dabei bedrohlich nahe gekommen ist. Als McCaleb nach einem Herzanfall stirbt, glaubt seine Witwe nicht an einen natürlichen Tod. Sie bittet den Privatdetektiv Hieronymus "Harry" Bosch, einen Freund ihres Gatten, um Hilfe und Aufklärung.

Unabhängig voneinander beginnen Walling und Bosch nach Backus zu fahnden. Die Agentin ist beim FBI in Ungnade gefallen, seit ihr der Poet entkam. Bosch trauert seiner Polizeimarke hinterher, da ohne die damit verbundenen Privilegien seine Nachforschungen nur zögerlich vorankommen. Doch recht zeitig kreuzen sich die Spuren der beiden Ermittler: Backus hat dafür gesorgt, wie er überhaupt im Hintergrund lauert und seine nur ihm logischen Intrigen spinnt. In der Wüste von Nevada hat er ein Leichenfeld angelegt, das Entsetzen auslösen soll und ein weiteres Rätsel einleitet, dessen Lösung auch die Lösung des Falls bedeutet. Bosch und Walling lassen sich auf den bizarren Wettstreit ein, obwohl sie nur zu genau wissen, dass der Einsatz in diesem "Spiel" ihr eigenes Leben ist ...

Im düsteren Reich wahnsinnig genialer Psychopathen

Wieder einmal kehrt Harry Bosch dorthin zurück, wo die ganz bösen Schurken ihr Unwesen treiben. Wenn es dieses Mal ein bisschen länger als sonst dauert sich in der Bosch-Chronik zurecht zu finden, so liegt dies nicht am Verfasser, sondern am Heyne-Verlag, der - aus welchen Gründen auch immer - diesen zehnten vor dem neunten Teil ("Lost Light", 2003; dt. "Letzte Warnung") erscheinen lässt. So verwirrt es zunächst, dass Harry Vater geworden ist und nicht mehr für das Los Angeles Police Department arbeitet, sondern als Privatdetektiv Schurken jagt.

Hat man dies verinnerlicht, zieht einen die Handlung umgehend in ihren Bann. Sie ist einerseits recht komplex als Schnitzeljagd über ganze US-Bundesstaaten angelegt, die ein irrer aber genialer Serienkiller (Gibt es eigentlich auch andere?) inszeniert, um sein Ego zu befriedigen. Temporeich und unter eingehender Schilderung traditioneller sowie moderner Fahndungsmethoden wird das an sich wenig originelle Geschehen vorangetrieben. Parallel verläuft es zunächst, bis Harry Bosch und Rachel Walling einander treffen, danach geht es gemeinsam weiter.

Der Unterhaltungsfaktor ist enorm, weil Michael Connelly sein Handwerk versteht. Man darf sich allerdings nicht dazu verleiten lassen die Handlung zu überdenken. Dann kommen allerlei unschöne Fragen auf, welche die Logik des Ganzen in Frage stellen. Was hat es beispielsweise mit Backus' grandiosem Plan eigentlich auf sich? Der Aufwand ist enorm, die Vorbereitung gewaltig, aber die Umsetzung eher kümmerlich. Auch wenn der Wahnsinn Backus beutelt, so gäbe es sicherlich einfachere Methoden mit seinen Gegnern zu "spielen".

Zudem muss immer wieder der Zufall einspringen, damit sich Bosch & Walling im gewaltigen Spinnennetz des Poeten nicht heillos verirren. Auf diese Lösung greift Connelly ein wenig zu oft zurück, was auf eine allgemeine Schwäche des Plots hinweist. Einen echten Schnitzer leistet sich der Autor, als er für eine "überraschende" Coda, die dem eigentlichen Finale folgt, einen ganzen Handlungsstrang neu deutet; dies ist weder nötig noch nachvollziehbar.

Connellyversum under construction

Viel Zeit investiert der Verfasser in die Schaffung eines "Connellyversums". "Die Rückkehr des Poeten" ist das reinste Gipfeltreffen bekannter Connelly-Figuren. Das Buch ist nicht nur die Fortsetzung von "Der Poet" ("The Poet", 1996) mit Jim Backus und Rachel Walling in ihren ersten Auftritten, sondern gleichzeitig der zehnte Harry-Bosch-Roman seit 1992, der wiederum Bezug nimmt auf das gemeinsame Agieren von Bosch und Terry McCaleb in "Dunkler als die Nacht" ("A Darkness More Than Night", 2001). Es kommt sogar zu einem "Gastauftritt" von Cassie Black, der Meisterdiebin aus "Im Schatten des Mondes" ("Void Moon", 2000).

Darüber hinaus spielt Connelly mit Fiktion und Gegenwart. Terry McCalebs erstes Abenteuer "Das zweite Herz" ("Bloodwork", 1997) wurde 2002 von und mit Clint Eastwood in der Titelrolle verfilmt. Dies lässt Connelly in die Handlung einfließen und nutzt die Gelegenheit, einige Seitenhiebe auf Hollywoods Drang zur Veränderung von Filmvorlagen zu landen. Rachel Walling liest während eines Fluges im Buch "Der Poet", das aber nicht Connelly, sondern dessen Romanfigur Jack McEvoy geschrieben hat. So etwas ist witzig dort, wo es gelingt, weil es sich elegant in die Handlung integriert. Weniger amüsant findet man es, wenn es aufgesetzt wirkt: Die Cassie-Black-Episode hat mit der eigentlichen Handlung nicht das Geringste zu tun und das merkt der Leser auch.

Ein Held ständig am Scheideweg

Quo vadis, Harry Bosch? Jeder Schriftsteller kennt das Problem, einen altgedienten Helden lang laufender Serien "frisch" zu halten. Nach neun Romanen kennt man als Leser Bosch im Grunde in- und auswendig. Gestartet ist er einst als vietnamkriegsgeschädigter Kriminalist mit durchaus pathologischen Zügen. Der "alte" Bosch eckte prinzipiell überall dort an, wo es gilt diplomatisch und kompromissbereit aufzutreten: bei den Vorgesetzten, dem Establishment, der Politik, den Medien. Doch geradezu masochistisch legte sich Bosch immer wieder mit denen an, die ihm bei seinem Kreuzzug gegen das Böse - Connelly hat ihn nicht ohne Grund nach dem flämischen Maler apokalyptischer Höllenspektakel benannt - in die Quere kamen.

Diesen Aspekt des Bosch-Charakters hat der Verfasser längst gedämpft - das musste er, denn der Harry Bosch aus "The Black Echo" (1992; dt. "Schwarzes Echo") hätte sicherlich nicht bis zum zehnten Fall durchgehalten. Aber inzwischen fehlt etwas; der kantige Harry ist milde geworden. Seinen Attacken gegen arrogante FBI-Beamte fehlt der Biss, weil diese nie wirklich gefährlich wirken. Auch Rachel Walling hat Bosch eigentlich sogleich auf seine Seite gezogen. Der Verlust seiner Dienstmarke behindert ihn nicht wirklich, wie Connelly es mehrfach behauptet.

Dem bisher einsamen Helden eine Familie anzudichten ist ein bekannter Trick serieller Unterhaltung. Die daraus resultierenden Konflikte ergeben reichlich Stoff für viele, viele Seiten, die sich wie auf Seifenschaum quasi von selbst schreiben. Harry Bosch will ein guter Vater sein aber seine Ex-Gefährtin lässt ihn nicht - so what? Connelly gelingt es einen neuen Aspekt der Bosch-Figur zu kreieren aber wollen wir diesen wirklich kennen lernen? Nun, in "The Closers" (2005) kehrt Bosch zu seinen Wurzeln und zum LAPD zurück. Gleichzeitig verzichtet Connelly auf die Ich-Perspektive und schildert Bosch wieder in der dritten Person; eine gute Entscheidung, da unserem Harry allzu große Nähe einfach nicht bekommt.

Rachel Walling gibt das Yin zu Harry Bosch' Yang. So ist das halt im Mainstream-Thriller, wo sich zum männlichen Helden eine weibliche Figur gesellen muss (sowie mindestens ein "Buddy", der für komische Einlagen zuständig ist). Schließlich braucht es (offenbar) eine Lovestory, um möglichst viele Leser/innen zufrieden zu stellen. Also fallen auch Harry und Rachel irgendwann übereinander her - eine Szene, die ebenso zu erwarten war wie augenscheinlich so fehl am Platze ist, dass sie Connelly womöglich nachträglich auf Anraten seines Verlags eingebaut hat. Ansonsten müht sich Rachel wacker an Harrys Seite. Sie wurde vom Schicksal ebenfalls tüchtig durch die Mangel gedreht, ohne dass dies den Leser allerdings für sie einnimmt. Im Finale versagt sie natürlich im entscheidenden Moment und muss sich von Bosch vor dem Poeten retten lassen.

Ein Killergenius, der sich selbst aufs Kreuz legt

Jim Backus, der Poet, wirkt wie schon gesagt niemals wie die düstere Bedrohung, die Connelly in ihm sah und die ihn veranlasste diese Figur ein zweites Mal aufzugreifen. Doch er übertreibt es mit einem Serienkiller, der sich durch die ganze Welt metzelt und dabei einem absurden "Plan" folgt, der womöglich nicht einmal in seinem kranken Hirn aufgeht. Der Poet ist nur überzeugend, so lange uns nur die Folgen seiner Untaten präsentiert werden und er sich auf kurze Auftritte beschränkt. Je mehr wir dann über Backus erfahren, desto nachhaltiger verflüchtigt sich die Faszination. Schließlich bleibt nur der irre Bösewicht, der mit dem Helden raufen und dabei möglichst malerisch zu Tode kommen muss.

Nein, ein Höhepunkt der Harry-Bosch-Serie ist Michael Connelly mit "Die Rückkehr des Poeten" nicht gelungen. Wenn man auch diese Episode empfehlen kann, so liegt es daran, dass auch ein mittelmäßiger Connelly noch weit über den meisten seiner schreibenden Kollegen steht. Was vor allem fehlt, das ist die Intensität, mit der Harry Bosch auf die beruflichen und privaten Schrecken dieser Welt reagiert. Er ist ein bisschen zu sehr mit sich im Reinen; bleibt zu hoffen, dass sich dies zukünftig wieder ändert.

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