Der Widersacher

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • New York: Little, Brown and Co., 2011, Titel: 'The drop', Seiten: 388, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2014, Seiten: 464, Übersetzt: Sepp Leeb

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Marcel Feige
Und wenn sie nicht gestorben sind, mampfen sie noch heute

Buch-Rezension von Marcel Feige Mai 2013

»Nichts ist Zufall«, findet Harry Bosch. Dummerweise hängt bei der Aufklärung seiner beide neuen Fälle so gut wie alles von eigentümlichen Zufällen ab und von alten Mordfällen, in denen er vor Jahren mal ermittelt hat.

Wohlwollend könnte man einwenden, Bosch arbeite nicht umsonst bei der Cold Case-Unit des LAPD. Aber es sind dann eben doch allzu große Zufälle, dass die Aufarbeitung ungelöster Mordfälle über kurz oder lang immer wieder alte Fälle von ihm tangiert. Als gäbe es sonst keine anderen Verbrechen und anderen Ermittler in einer Stadt, die mit die höchste Verbrechensquote Amerikas aufweist.

Aber nun gut, darüber könnte man hinwegsehen, wäre die Mördersuche Boschs eine runde, flotte, spannende Angelegenheit. Hier kann Connelly punkten, und als ehemaliger Polizeireporter eine Menge Hintergrundwissen einbringen.

Aber das alleine macht die Geschichten nicht rund, flott, spannend. Im Gegenteil: Connelly macht sie geschwätziger (um nicht zu sagen: langweiliger), wenn er Bosch und seinen Partner Chu wiederholt über Taco-Buden in East Hollywood, Downtown Los Angeles oder weiß Gott wo austauschen lässt, über Salsa-Flaschen und Taco-Soßen, die bei den LAPD-Cops angeblich so beliebt sind.

 

Weil keine anderen Gäste da waren, nahm Bosch die Salsa-Flasche zum Auto mit. Er wusste, dass es bei Imbiss-Tacos vor allem auf die Soße ankam. Um sich nicht mit Saft oder Soße zu bekleckern, aßen sie über die Motorhaube gebeugt.
»Nicht übel, Harry.« Chu nickte, während er kaute.
Bosch nickte mit vollem Mund zurück. Schließlich schluckte er und drückte mehr Salsa auf seinen zweiten Taco. Dann reichte er seinem Partner die Flasche über die Motorhaube.
»Klasse Salsa«, bemerkte er dazu. »Warst du mal bei dem El Matador-Stand in East Hollywood?«
»Nein, wo steht der?«
»An der Ecke Western und Lex. Das Essen hier kann sich zwar durchaus sehen lassen, aber an den Matador kommt es nicht ran. Er ist aber nur abends da, und abends schmeckt sowieso alles besser.«
»Wie kommt es eigentlich, dass die Western Avenue in East Hollywood ist?«

 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann mampfen sie noch viele Seiten weiter. Zu diesen für die Geschichte völlig irrelevanten Ausführungen gesellt sich eine lieblose Sprache.

Okay, inzwischen ist bekannt, dass Connelly nicht das Zeug hat zum großen Literaten. Ein bisschen mehr Liebe zum Detail (oder ein gescheites Lektorat!) würde man sich dann aber doch bei einem Erfolgsautor seines Formats wünschen - und nicht Passagen wie diese:

 

Er ging rasch den Flur hinunter, räumte kurz im Bad und im Schlafzimmer auf, nahm frische Laken aus dem Schrank und bezog das Bett neu. Dann ging er in die Küche, um den Wein aufzumachen. Er ging mit der Flasche und zwei Gläsern auf die Terrasse zurück.

 

Ja, so ging das auch noch seitenweise weiter. Und als wäre dieser stilistische Murks nicht schon schlimm genug, durchzieht die komplette Geschichte die fragwürdige Moral Boschs oder gar Connellys?

Denn Boschs Tochter Maddie hat mittlerweile beschlossen, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Sie möchte Polizistin werden. Dabei zählt für sie aber zu keiner Zeit die Verbrechungsbekämpfung oder -verhütung oder gar der Wunsch, die Menscheit ein Stück besser machen zu wollen.

Nein, für Harry Bosch ist klar:

 

Die meisten Eltern zogen künftige Bürger groß, Ärzte, Lehrer, Mütter, Erben von Familienunternehmen.
Bosch zog eine Kriegerin auf.
[Weshalb er seiner Tochter fortan alles beibringt ...]
»... was man über Gebrauch, Pflege und Lagerung von Schusswaffen wissen musste. Zu einer Grundsatzdiskussion kam es darüber nicht. Bosch war Polizist und hatte Waffen im Haus. Das war einfach so, und er sah nichts Verfängliches darin, seiner Tochter den Umgang mit Waffen beizubringen.

 

Bosch und seine Tochter wünschen sich am Abend keine gute Nacht, sondern unterhalten sich so:

 

»Alles klar. Mach dir ein Sandwich, wenn du Hunger hast, bevor ich heimkomme. Und sieh zu, dass die Haustür abgeschlossen ist.«
»Ich weiß, Dad.«
»Und du weißt, wo die Glock ist.«
»Ja, ich weiß, wo sie ist, und ich weiß, wie man damit schießt.«
»Braves Mädchen.«

 

Wohlgemerkt: Das Mädchen ist 15 Jahre alt. Na dann, gute Nacht!

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