Die schützende Hand

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2015, Übersetzt: Frank Arnold , Bemerkung: ungekürzte Ausgabe

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Jürgen Priester
Jenseits der Rechtsstaatlichkeit

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jul 2015

Vor einigen Wochen veröffentlichte Greenpeace NL große Teile der amerikanischen Verhandlungsposition zum TTIP-Abkommen. Die Dokumente bestätigten, ja übertrafen alles, was TTIP-Gegner seit Jahr und Tag an dem Abkommen kritisier(t)en. Selbst die deutschen Qualitätsmedien, die von Anfang an die Werbetrommel für TTIP rührten, mussten eingestehen, dass hier etwas ganz außerordentlich schiefläuft. Die Bundeskanzlerin ließ am Tag der Greenpeace-Veröffentlichung über ihren Regierungssprecher verkünden, dass sie an TTIP festhalte und es schnell zu Ende verhandelt werden müsse. Eine Position, die sie Arm in Arm mit dem amerikanischen Präsidenten wenige Tage zuvor bei der Eröffnung der Cebit-Messe geäußert hatte. Man wundert sich und fragt: Warum macht die Frau das? Man kann von Frau Merkel halten was man will, aber Dummheit wird ihr keiner unterstellen. Diese und andere nicht nachvollziehbare Entscheidungen führen nicht nur sogenannte Verschwörungstheoretiker, sondern auch immer mehr besorgte Bürger zu der Frage: Sind die Bundeskanzlerin und ihre Minister überhaupt souverän in ihren Entscheidungen?

In Die schützende Hand geht es nun nicht um das TTIP, sondern um die NSU-Verbrechen, speziell um den mutmaßlichen "erweiterten Selbstmord" von Mundlos und Böhnhardt. In einer Nebenhandlung beschäftigt sich Wolfgang Schorlau auch mit der Frage nach der bundesdeutschen Souveränität. Während der Recherchen zum vorliegenden Roman hat er festgestellt, dass es um die Eigenständigkeit der BRD nicht gut bestellt ist. In einem Nachwort schreibt der Autor:

 

"... wie wenig souverän und wie sehr fremdbestimmt das Land ist, in dem ich lebe."

 

Dazu gibt es dann eine schelmische Anekdote über den Stellenwert des amerikanischen Botschafters in Deutschland, die darin gipfelt, dass dieser Merkel und Schäuble in zehn Minuten klarmacht, wer in diesem Land das Sagen hat. Mit dieser kleinen, scheinbar nebensächlichen Episode will Schorlau verdeutlichen, dass man gravierende Entscheidungen und Ereignisse nie isoliert betrachten darf.

Am 4.11.2011 starben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt; Beate Zschäpe wurde am selben Tag verhaftet. Seit dieser Zeit versucht die Bundesanwaltschaft als oberste Strafverfolgungsinstanz der Bundesrepublik, das Trio als Einzeltäter für alle (insgesamt 27) Straftaten verantwortlich zu machen. In bisher elf Untersuchungsausschüssen in Bundestag und Landtagen sind erhebliche Zweifel an dieser Theorie dokumentiert worden. Der massive Einsatz von V-Leuten im rechtsextremen Umfeld des Trios stellt die Verbindung zu den deutschen Geheimdiensten her. Von denen ist es ja nicht mehr weit zu deren amerikanischen Kollegen, die das Land unkontrolliert und ungestraft ausspionieren dürfen.

Wolfgang Schorlau hat sich für den achten Fall seines Privatermittlers Georg Dengler mächtig ins Zeug geworfen. Seine umfangreichen Recherchen zu den Themen Rechtsterrorismus, NSU-Morde, speziell zum Komplex Mord/Selbstmord von Mundlos/Böhnhardt sind innerhalb des Textes und in einem Anhang größtenteils wiedergegeben. Quellennachweise, Abschriften von Dokumenten, wörtliche und schriftliche Zitate und sogar Tatortfotos unterfüttern eine Version des Tathergangs, die der Autor nicht für die wahre, aber für die wahrscheinlichere hält. Anhand des umfangreichen Materials können wir Leser uns selbst ein Bild machen und zu einem eigenen Urteil gelangen. Folgen wir also den Spuren von Georg Dengler.

Privatdetektiv und Ex-BKA-Zielfahnder Georg Dengler ist mal wieder knapp bei Kasse, hat sogar beträchtliche Mietschulden bei seiner reizenden Vermieterin. Wie es in Romanen nun mal so ist, muss er jetzt nicht zum Jobcenter und Hartz4 beantragen, sondern bekommt rettende Post. Zuerst erreicht ihn ein Einweg-Handy, dann folgt ein Briefumschlag mit 15.000 Euro in druckfrischen Fünfzigern. Als er abends in der Kneipe mit Freunden den unerwarteten Geldsegen feiert, rührt sich das Handy. Eine elektronisch verzerrte Stimme outet sich als Geldgeber und beauftragt Dengler, den "Mord" an den beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aufzuklären.

Dengler informiert seine Freunde über das kurze Telefonat. Als das Wort "Mord" fällt, löst es allgemeine Verwunderung im Freundeskreis aus, da alle eigentlich nur die offizielle Version des Tathergangs kennen: Nach einem Überfall auf die Sparkasse Eisenach und ihrer Flucht auf Fahrrädern seien die beiden Terroristen in ihrem Wohnmobil im Eisenacher Stadtteil Stregda von einer Polizeistreife entdeckt worden. Dann sei etwas passiert, dass einer Berliner Kriminologe später eine "Spontane De-Radikalisierung" nennen wird: angesichts der Übermacht von zwei Streifenbeamten hätten sich die beiden zu einem erweiterten Selbstmord entschieden. Mundlos erschoss Böhnhardt, legte im Wohnmobil Feuer und erschoss sich dann selbst.

Denglers Freunde diskutieren noch lange, sind an einer Mitarbeit interessiert. Auftrag ist Auftrag, und 15 Mille sind viel Geld denkt sich Dengler, obwohl ihm bei der Sache nicht ganz geheuer ist.

Auch Jahre nach seinem Abschied vom BKA hat Dengler noch gute Kontakte dorthin und zu anderen übergeordneten Dienststellen und als Privatdetektiv verfügt er über ein breites Netz von Informanten. Schnell hat er genügend Material zusammengetragen, um eine Einschätzung abzugeben. Auf einen ersten flüchtigen Blick sieht es tatsächlich so aus, als ob die offizielle Version des Tathergangs stimmen könnte. Doch dann stößt er auf immer mehr Ungereimtheiten, Auslassungen und Falschaussagen. Sein abschließendes Urteil ist vernichtend.

Hätte es ein Krimiautor je gewagt, seinen Lesern einen solch hahnebüchenen Plot unterzuschieben, die meisten hätten den Roman wohl wutentbrannt in die Ecke gepfeffert. Die bisherigen Untersuchungsergebnisse im Todesfall Mundlos/Böhnhardt gleichen einer Farce und sind, wie mittlerweile hinlänglich bekannt, kein Einzelfall. Die Fehlleistungen betreffen den gesamten NSU-Komplex und der Verdacht drängt sich auf, dass Methode dahintersteckt. Es gibt in der deutschen Nachkriegsgeschichte genügend Beispiele dafür, dass Bundesbehörden vor rechtsextremen Auswüchsen grob fahrlässig die Augen verschlossen. Wenn wundert´s, wenn schon die Erstbesetzung des BKA in den 1950er Jahren aus ehemaligen NSDAP-, SS- oder SA-Mitgliedern bestand.

Wolfgang Schorlaus Die schützende Hand ist ein spannender und gleichzeitig bedrückender Kriminalroman über eine nicht heilen wollende Schwäre deutscher Geschichte. Er sollte Pflichtlektüre nicht nur für Krimileser, sondern für jeden gutgläubigen Bürger sein. Die Wahrheit ist selten offensichtlich; man muss sie suchen.

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