Morgen früh, wenn du willst

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • London: Sphere, 2013, Titel: 'The Doll`s House', Seiten: 471, Originalsprache
  • Berlin: List, 2015, Seiten: 512, Übersetzt: Sybille Uplegger

Couch-Wertung:

80°
Wertung wird geladen
Andreas Kurth
In manchen Clubs ist es nicht nur dunkel

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jun 2015

Eine sorgfältig gekleidete Frau wartet im Prolog auf einen Gast. Sie ist nervös und voller Vorfreude. Doch im ersten Kapitel zeigt sich dann, dass es ein als Frau verkleideter Mann war. Er sitzt nun tot an der perfekt gedeckten Tafel, drapiert wie eine Puppe. Die offensichtliche Inszenierung wie in einem Puppenhaus gibt der Polizei um Detective Inspector Phil Brennan einige Rätsel auf. Der spektakuläre Fall beansprucht die volle Aufmerksamkeit von Brennan, der auch noch in neuer Umgebung und mit neuem Team ermitteln muss.

Speziell die distanzierte Haltung seiner neuen Kollegen in Birmingham macht dem erfahrenen Ermittler zu schaffen. Er möchte die Hilfe seiner Frau in Anspruch nehmen, doch die erfahrene Polizei-Psychologin hat nach ihrem erfolgreichen beruflichen Wechsel plötzlich ganz eigene Probleme. Und so führen die komplizierten Recherchen Brennan und seine Team-Mitglieder in ungeahnte Tiefen und Abgründe – der Weg zur Lösung des Falles ist lang und mehr als beschwerlich.

Kalte Schauer laufen den Rücken hinab

Tania Carver – hinter dem Pseudonym verbergen sich Martyn und Linda Waites – wird hier ihrem Ruf ein weiteres Mal mehr als gerecht. Der aktuelle Thriller führt den Leser in menschliche Abgründe, die auch routinierte Freunde der Spannungsliteratur an einige Stellen innehalten lassen. Das Buch ist nichts für zarte Seelen, aber das ist von Tania Carver ja mittlerweile bekannt. Ich will hier nichts verraten, aber als in der Gerichtsmedizin die genaueren Umstände des ersten Mordfalls geschildert werden, sind mir dann doch ein paar kalte Schauer den Rücken hinab gelaufen.

Der mysteriöse Beginn des Romans vermag den Leser sofort zu fesseln. Hinzu kommt, dass die Tätersicht relativ frühzeitig eingeführt wird, was für zusätzliche Spannung sorgt. Stichwort Täter: Es ist schon ein gewagter Ansatz, wenn sich ein psychopathischer Mörder selbst als "Arkadier" bezeichnet. Arkadien ist eine Landschaft im Zentrum der Peloponnes.

Bei Wikipedia ist nachzulesen: "Schon in der Zeit des Hellenismus wurde Arkadien verklärt zum Ort des Goldenen Zeitalters, wo die Menschen unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten lebten." Ich will hier nicht die ganze mythologische Verklärung referieren, die sich in der Literatur um die Arkadier rankt, aber einen Mörder so zu bezeichnen, wo sich doch die Arkadier als Hirten ihres Volkes gesehen haben – das ist schon heftig in meinen Augen.

Sensibles Thema wird auf rustikale Weise aufgegriffen

Aber das macht auch einen Teil der Faszination dieses Buches aus. Spannung erzeugt das Autorenduo durch die ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Perspektiven und Handlungssträngen. Die persönlichen Befindlichkeiten von Phil Brennan und seiner Frau Marina Esposito schaffen eine gute Verbindung zum Vorgängerband der Reihe, was auch Einsteigern die Lektüre erleichtern dürfte.

Es geht hier um menschliche Abgründe in verschiedenen Facetten, und die sind nichts für schwache Nerven. Tania Carver greift hier unter anderem auf rustikale Weise ein sensibles Thema auf. Selbstbestimmtes Sterben – hier in einer geradezu unvorstellbaren Form geschildert. Für den Leser wirft das viele ethische Fragen auf, aber um nicht zu viel zu verraten, werde ich hier nicht näher darauf eingehen. Denn die Frage der Selbstbestimmung beim Sterben wird deutlich überlagert von den wahrlich bestialischen Handlungen des gesuchten Psychopathen - und dem damit verbundenen Gedankengut.

Die Lage wird für Phil und Marina mehr als kompliziert

Das Ermittler-Ehepaar Phil Brennan und Marina Esposito ist der Gegenpol zu den verschiedenen Kriminellen in diesem Buch. Nach dramatischen Vorfällen im Zusammenhang mit vorherigen Fällen haben die beiden in Birmingham einen Neuanfang gemacht – der ihnen unterschiedlich schwer gefallen ist. Brennan muss in seinem neuen Team noch um Sympathie und Akzeptanz kämpfen. Er selbst ist fair und mitfühlend, aber auch durchaus berechnend. Aber Brennan kann differenzieren, persönliche Antipathie tritt in den Hintergrund, sobald er professionelle Kompetenzen bei seinen Mitarbeitern erkennt.

Marina Esposito hat – anders als ihr Ehemann - bei ihren neuen Kollegen an der Universität einen deutlich besseren Start gehabt. Sie wird erst durch unangenehme private Entwicklungen in den aktuellen Fall ihres Mannes hinein gezogen. Professor Hugo Gwilym versucht, bei Marina seine übliche Manipulationsmasche abzuziehen. Als sich dann herausstellt, dass er auch einer der Verdächtigen in den Ermittlungen von Brennans Team ist, wird die Lage für Phil und Marina mehr als kompliziert.

Keine Grenzen für die dunklen Gelüste der Besucher

Das Autorenduo lässt in seinem Thriller etliche verschiedene Charaktere auflaufen. Neben Gwylim, der vor allem seine gesellschaftliche Stellung für seine schmutzigen Aktionen ausnutzt, gibt es so einige dunkle Gestalten mit eher abwegigen Psychogrammen. Die Ermittlungen führen Brennan und seine Mitstreiter in einen ganz speziellen Teil der Schwulenszene. Aber es geht auch um die merkwürdigen Geschäftspraktiken in der Immobilienbranche, das Haifischbecken Universität - und schließlich um einen Club, in dem es offenbar keine Grenzen für die dunklen Gelüste der Besucher gibt.

Den Protagonisten werden von Tania Carver so einige Wandlungen im Laufe des wirklich guten Plots mitgegeben – der Leser kann dem nur staunend folgen. Morgen früh, wenn du willst ist ein Thriller, der diese Bezeichnung wirklich verdient. Teilweise atemlos, zuweilen richtig heftig, sehr gut lesbar. Der Schlussabschnitt bietet dann nochmals ganz neue Überraschungen, nachdem man bereits glaubte, das Ende zu erahnen. Der bereits großen Zahl von Fans dürfte dieses Buch bestens gefallen – und wer erstmals ein Werk von Tania Carver liest, sollte dann auch die Vorgängerbände zur Hand nehmen. Es lohnt sich.

Morgen früh, wenn du willst

Morgen früh, wenn du willst

Deine Meinung zu »Morgen früh, wenn du willst«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

BEHIND THE DOOR
Raum. Tat. Rätsel.

Lies die Geschichte, erkunde den Tatort und bringe Licht in das Dunkel um einen mysteriösen Kriminalfall. Welche Auffälligkeiten bringen die Ermittlungen voran? Welches Indiz überführt den Täter? BEHIND THE DOOR - spannende und interaktive Kurz-Krimis auf Krimi-Couch.de.

mehr erfahren