Der Stalker

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • London: Sphere, 2010, Titel: 'The creeper', Seiten: 468, Originalsprache
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2011, Übersetzt: Anne Weber, Bemerkung: gekürzt

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Silke Wronkowski
Männer sind die besseren Frauen!

Buch-Rezension von Silke Wronkowski Jul 2011

In Colchester werden zwei junge Frauen vermisst: Die eine aus reichem Hause, die andere aus ärmlichen Verhältnissen und ohnehin als Ausreißerin bekannt. Eine weitere junge Frau – Suzanne Perry - erstattet Anzeige gegen einen unliebsamen nächtlichen Gast, der scheinbar nur ihrer Phantasie und einem Gläschen Wein entsprungen ist. Niemand glaubt ihr. Und niemand ahnt die Zusammenhänge. Erst der Fund einer grausam verstümmelten und misshandelten Frauenleiche lässt vermuten, dass dies doch nicht alles Zufall ist. Als man am nächsten Tag ihre beste Freundin Zoe mit durchtrennter Kehle in Suzannes Wohnung findet und von Suzanne selbst jede Spur fehlt, gibt es für DI Brennan keine Zweifel mehr: Ein psychopathischer Frauenhasser macht Jagd. Sein Beuteschema: dunkle, lange Haare und braune Augen. Und in Brennans Team gibt es ein perfektes nächstes Opfer.

"Typisch!",möchte man fast ausrufen. Auch bei der britischen Polizei werden eben nicht alle Menschen gleich behandelt und auch dort geht es nur ums Geld sparen. So erfährt DI Phil Brennan nur durch einen blöden Zufall, dass neben der hübschen Julie Miller aus gutem Hause, von der alle Fernsehsender quoten-heischend berichten, auch die junge Mutter Adele Harrison vermisst wird – arm, kein Schulabschluß und ohnehin als Jugendliche schon auffällig gewesen. Zusammen mit Suzanne Perry, die mit Julie Miller im selben Krankenhaus gearbeitet hat, sind das schon drei Frauen, die sich äußerlich sehr ähneln. Doch als die Zusammenhänge langsam deutlicher werden, gibt es bereits eine übel verstümmelte Frauenleiche, die eindeutige Spuren von grausamer Folter und sexuellem Mißbrauch aufweist, und in Suzannes Wohnung keine Spur mehr von Suzanne. Zurückgelassen hat der Täter lediglich ihre beste Freundin Zoe, die mit ihrem blonden Haar so gar nicht in sein Schema passt und deshalb auch "nur" einen simplen Tod verdient: Kehle durchschneiden, ausbluten lassen, reicht.

Brennans Vorgesetzter DCI Ben Fenwick stimmt nur widerwillig zu eine Profilerin für die Erstellung eines Täterprofils zu engagieren – was das wieder kostet! - und präsentiert alsbald stolz die Doktorandin Fiona Welch, denn Marina Esposito – Phil Brennans Lebensgefährtin und frischgebackene Mama, die normalerweise Profilerin der Polizei Colchester ist, hütet Heim und Herd. Private Beziehungsproblemchen lenken DI Brennans ansonsten wachen Verstand ab, zu spät hört er auf sein ungutes Gefühl, dass Fiona nur ein Feld, Wald und Wiesen-Profil strickt und sich sein Team auf falsche Fährten begibt. Ein weiterer Dorn in seinem Auge ist Rose Martin, die Fenwick ihm zuteilt, da sie den "Vermissten-Fall" Julie Miller bearbeitet – ach ja, und nebenbei auch noch eine Affäre mit dem DCI - hat.

Alle Klischees und Zutaten für einen Standard-Thriller könnte man anhand einer Strichliste abhaken, angefangen bei der Tatsache, dass Der Stalker sich hervorragend einreiht in die Kategorie "Thriller mit viel Blut und Ekel, der von einer durchschnittlichen Amerikanerin in den besten Jahren mit durchschnittlichem Lebenslauf, durchschnittlicher Familie und durchschnittlichem Haus geschrieben wurde". Alles richtig gemacht Martyn Waites, sich das Pseudonym Tania Carver nebst Bild einer blondgelockten Frau für die Phil-Brennan-Reihe zuzulegen, die Sie gemeinsam mit Ihrer Frau Linda schreiben.

Ebenfalls gut gewählt sind die über hundert Kapitel für 480 Buchseiten. Die kurzweiligen Kapitel und abrupten Perspektiv- und Szenenwechsel tun der Spannung gut und animieren zum "page-turnen". Im Jahr 2011 darf natürlich auch Facebook nicht fehlen – wobei mir persönlich schleierhaft bleibt, wie die Polizei anhand meiner Freundesliste meinen Mörder ermitteln könnte – und die Autorin(nen) zeichnet durchweg greifbare Charaktere mit realistisch-wirkenden Biographien. Einzig der/die/das Täter kommt ein wenig dick aufgetragen daher – aber auch dies und die stereotypen Polizeibeamten, altbekannte Inspektoren mit Beziehungsproblemen, Vorgesetzte, die scheinbar keine Ahnung vom Ermittleralltag haben und selbstgefällige Universitätsprofessoren bleiben verzeihlich in der Liga der Tess Gerritsens und Karin Slaughters dieser Welt.

Martyn und Linda Waites haben hier zwar nicht den ultimativen Thriller geschaffen, aber liefern eine gekonnte Mischung aus Brutalität, Privatleben der Protagonisten und guter, alter Ermittlungsarbeit ab, würzen das ganze noch auf den Punkt genau mit britischem Humor und beweisen somit, dass das Konzept "weiblicher amerikanischer Thriller-Autor" wohl besser aufgeht, wenn die gewalt- und actionreiche Story von einem männlichen Briten erzählt wird.

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