Tote aus Papier

  • Lübbe
  • Erschienen: Januar 2003
  • Barcelona: Plaza & Janés, 2000, Titel: 'Muertos de papel', Seiten: 283, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2003, Seiten: 352, Übersetzt: Sybille Martin
  • Bergisch Gladbach: BLT, 2005, Seiten: 247
Tote aus Papier
Tote aus Papier
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Sabine Reiß
90°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Massentauglicher als Montalbán - ein Geheimtipp

Barcelona: Inspectora Petra Delicado und Subinspector Fermín Garzón werden mit den Ermittlungen im Mordfall Valdés beauftragt. Valdés war zu Lebzeiten Journalist der Yellow Press, und zwar einer von der übelsten Sorte. Neben seiner bärbeißigen Kolumne in einer Zeitschrift hatte er auch noch eine wöchentliche Sendung in Madrid, in welcher die eingeladenen Prominenten auf Schärfste in die Zange genommen wurden. Seine Todesart lässt darauf schließen, dass der Mord von einem Profikiller durchgeführt wurde. Delicado und Garzón haben zwar einen Ansatzpunkt, nämlich die Arbeit von Valdés, allerdings hat er sich dabei so unbeliebt gemacht, dass die Zahl der Verdächtigen immens groß ist. Als sie die Wohnung des Toten untersuchen, fällt Inspectora Delicado die Inneneinrichtung auf, die so gar nicht zu ihrem Besitzer passen will. Als die beiden Polizisten dann in die Redaktion der Zeitschrift kommen, findet sie in einer der Ausgaben des Magazins exakt diesen Stil wieder. Ihre Vermutung ist kühn, aber hat die Redakteurin des Dekorationsteils vielleicht mehr mit Valdés verbunden, als diese zunächst zugibt? So tastet sich das Ermittlerpaar Stück für Stück voran, spricht mit der Exfrau des Ermordeten, untersucht die Finanzen etlicher Prominenter und gerät in den Sumpf, den Petra Delicado eigentlich meiden wollte. Dabei segnen leider noch einige Personen das Zeitliche...

Ein sympathisches Ermittlerduo serviert Alicia Giménez-Bartlett dem Leser. Eine Rezension erweckte bei mir den Eindruck, Petra Delicado, die zweimal geschieden ist, sei ein Trampel, dabei ist sie eine äußerst kultivierte Frau, kulturbegeistert und mit leicht feministischen Anwandlungen, die ihrem Chef auch zeigt, wo der Hammer hängt und nur leider bei den Ermittlungen manchmal ihr Aussehen vergisst. Dass sie ungeschminkt und abgearbeitet erscheint, macht sie jedoch wett mit gelegentlichen Besuchen bei der Kosmetikerin, so zumindest im vorliegenden Roman. Mit ihrem Gehilfen Fermín verbindet sie eine vertraute Kollegialität, die nie zu privat wird. Sie bezeichnet sich und Fermín Garzón sogar schon als altes Ehepaar.

Die Ermittlungen sind ein Schwerpunkt des Romans, die privaten Dinge ein anderer. Dabei spiegelt sich das zentrale Thema in beidem wider: Eheprobleme, Trennung, Einsamkeit, ohne jedoch zu sehr in den Vordergrund zu treten. Brutalität, Gewalt und andere Thriller-Elemente spielen dabei keine Rolle. "Tote aus Papier" ist so etwas wie ein "sauberer" Krimi, wenn es so etwas gibt. Die Leiche wird gefunden, mehr nicht, die Untersuchungen beginnen. Dadurch, dass ein Profikiller eine Rolle spielt und niemand selbst Hand anlegen muss, wird dies noch unterstützt. Wo in manchen Krimis der Zeigefinger vom Autor recht deutlich erhoben wird, ist die Gesellschaftskritik hier nur im Thema (Journaille) versteckt und ist zudem nicht landestypisch, was Giménez-Bartlett von ihrem Landsmann Montalbán unterscheidet. Der Fall könnte auch außerhalb Spaniens angesiedelt sein, aber gerade dieser Schauplatz macht ihn so interessant, weil nicht schon zehn andere spanische Polizisten um die Gunst der Leser ringen.

Von der Art des Krimis drängt sich vielleicht ein Vergleich zu Donna Leons Commissario Brunetti auf. Und diese Aussage kommt von jemandem, der Vergleiche eher hasst. Keinesfalls kann man Brunetti und Delicado in einen Topf werfen, was die Persönlichkeit angeht, aber die Art des Falles ist ähnlich. Wenn Brunetti in Spanien leben würde, hätte auch er hier ermitteln können. Dabei stellt sich die Frage, warum Alicia Giménez-Bartlett hierzulande nicht schon einen höheren Bekanntheitsgrad hat. Liegt es an der Promotion? Das wäre schade.

"Tote aus Papier" liest sich flüssig und die Spannung ist gegeben, zwar nicht so, dass man fast unter Atemstillstand leidet, aber ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen lässt einen weiterlesen bis zur Auflösung. Zufrieden kann man das Buch zuklappen und hätte dabei noch ewig weiterlesen können. Keinesfalls langatmig sorgt die Autorin für detaillierte Charakterisierung ihrer Protagonisten, was sie sich dadurch leisten kann, dass sie die Zahl der Figuren in Grenzen hält. Für meinen Begriff ist die Spanierin weitaus massentauglicher als Montalbán, aber dadurch keinesfalls uninteressanter. Ein Geheimtipp für Deutschland...

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