Die kleine Schwester

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

- zuvor bereits veröffentlicht:

  • Boston: Houghton Mifflin, 1944, Titel: 'The Little Sister', Seiten: 249, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Nest, 0, Seiten: 315, Übersetzt: Peter Fischer, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Ullstein, 1957, Seiten: 192, Übersetzt: Peter Fischer
  • Zürich: Diogenes, 1975, Seiten: 286, Übersetzt: W. E. Richartz
  • Berlin: Volk und Welt, 1979, Seiten: 271, Übersetzt: W. E. Richartz
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1982, Seiten: 190, Übersetzt: Peter Fischer
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1992, Seiten: 190, Übersetzt: Peter Fischer

- aus dem Englischen von Robin Detje

- HC, 352 Seiten

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85°
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Jörg Kijanski
Klassiker in neuer Übersetzung

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2020

Der Hardboiled-Krimi entstand in den 1920er Jahren und zeigt den harten Privatermittler, der vor allem seinem eigenen Ehrenkodex verpflichtet ist. Konflikte mit Gesetz und Polizei nimmt er in Kauf, die Anwendung von Schusswaffen und Gewalt ebenfalls. Zu den Begründern des „amerikanischen Kriminalromans“ zählt vor allem Dashiell Hammett, aber auch Raymond Chandler, der seinen Protagonisten Philip Marlowe in The Big Sleep (Der tiefe Schlaf/Der große Schlaf) 1939 erstmals  ins Rennen schickte. Der bekannte amerikanische Krimiautor Michael Connelly nennt Chandler als seinen Lieblingsautor und wichtigsten Inspirator; sein Lieblingskrimi sei Die kleine Schwester, wie Connellys Nachwort zu entnehmen ist.

„Geht Sie das etwas an?“

„Mich geht nie etwas an.“

„Sie scheinen auf Ihre Fragen aber trotzdem eine Antwort zu erwarten.“

„Ich plaudere nur. Warte, dass etwas passiert. Irgendetwas wird in diesem Haus passieren. Es grinst mich aus allen Ecken an.“

Philip Marlowe hat schon spannendere Tage erlebt, als ihn die junge Orfamay Quest zunächst zögerlich kontaktiert: Ihr Bruder Orrin sei von Manhattan, Kansas nach Bay City gezogen, habe danach immer an Mutter und sie Briefe geschrieben, doch der letzte kam vor drei, vier Monaten an. Aus seiner zuletzt gemeldeten Unterkunft ist er ausgezogen, sie mache sich große Sorgen. Marlowe merkt, dass an den Aussagen der Frau etwas nicht stimmen kann, denn warum hat sie nicht schon längst die Polizei eingeschaltet, statt jetzt mit erheblicher Verzögerung einen ihr unbekannten Privatdetektiv zu beauftragen? Die angebotenen zwanzig Dollar sind selbst für Marlowe keine Gage, dennoch begibt er sich auf die Suche - zunächst an Orrins letzter Adresse. Dort trifft er auf einen Kleinganoven, der etliche Geldscheine zählt, einen betrunkenen Hausverwalter und in Orrins altem Zimmer einen Mann namens Hicks. Von Marlowe aufgescheucht, verschwindet der Geldeintreiber, und auch Hicks ist wenige Minuten später weg. Zurück bleiben ein leeres Zimmer und ein inzwischen mit einem Eispickel ermordeter Hausverwalter. Zurück in seinem Büro erhält Marlowe einen anonymen Anruf, der ihn zu einem Hotelzimmer führt, wo er von einer blonden Schönheit niedergeschlagen wird. Als er kurz darauf wieder aufwacht, entdeckt er einen weiteren Eispickel in einer weiteren Leiche: Hicks, der unter anderem Namen eincheckte.

Hollywood und Gangster? Kein Widerspruch.

Es folgt eine Reise durch Los Angeles, in die schöne Traumfabrik Hollywoods und das Reich der Gangster. Die schöne Unbekannte entpuppt sich als die aufstrebende Schauspielerin Mavis Weld, von der ein heimlich gemachtes Foto auftaucht, welches sie beim Lunch mit einem Mann zeigt, der am Tag der Aufnahme des Fotos eigentlich im Gefängnis saß; dessen perfektes Alibi für die Unschuld am Mord des Gangsters Sunny Moe Stein. Doch auch für Weld ist das Bild gefährlich, denn eine vermeintliche Gangsterbraut macht auf der Leinwand keine Karriere. Hier setzt Raymond Chandler großartig an und zeigt die verlogene Seite Hollywoods, in der skrupelloses Karrieredenken und Zickenkriege zum guten Ton gehören und die Gangster der Stadt in ständiger Reichweite sind. Dazu ein arrogant-vulgärer Tonfall - man ist schließlich wer und kann sich fast alles rausnehmen.

„Das hättest du uns verraten können, oder?

„Dann hätte ich alles verraten müssen. Damit hätte ich die Vereinbarungen meines Auftrages gebrochen.“

„Bei Mord sind alle Vereinbarungen nichtig. Bei zwei Morden sind sie doppelt nichtig. Und bei zwei Morden mit derselben Waffe dreifach. Du stehst nicht gut da, Marlowe. Überhaupt nicht gut.“

Philip Marlowe ist ein perfekter Vertreter seines Genres: ein in die Jahre gekommener Haudegen, lakonisch und zynisch, mit Hang zu Tabak und Alkohol sowie einem ambivalenten Verhältnis zu Frauen - und vor allem einem eigenen Ehrenkodex. Dies erfahren die nach rund einem Viertel des Romans erstmals auftretenden Polizeiermittler, denen Marlowe bis zum Ende nie die ganze Wahrheit erzählen wird. Schließlich hat er eine Mandantin - später sogar zwei -, die es zu schützen gilt.

Fazit

Was einen guten Krimi auszeichnet ist eine gern gestellte Frage. Eine mögliche Antwort lautet, dass man das Buch auch nach vielen Jahren immer wieder lesen kann, ohne dass es angestaubt wirkt. The Little Sister erschien 1949 und liegt nun in Neuübersetzung von Robin Detje vor. Eine gute Gelegenheit, den großen Raymond Chandler neu oder wiederzuentdecken.

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