Lebwohl, mein Liebling

Erschienen: Januar 1958

Bibliographische Angaben

  • London: Hamish Hamilton, 1940, Seiten: 320, Originalsprache
  • München, Wien, Basel: Desch, 1958, Titel: 'Betrogen und gesühnt', Seiten: 246, Übersetzt: Georg Kahn-Ackermann, Bemerkung: Die Mitternachtsbücher; Bd. 2
  • Zürich: Diogenes, 1976, Titel: 'Lebwohl, mein Liebling', Seiten: 302, Übersetzt: Wulf Teichmann
  • Berlin: Volk und Welt, 1980, Seiten: 332, Übersetzt: Wulf Teichmann

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Thomas Kürten
Marlowe ist der Herr im Ring

Buch-Rezension von Thomas Kürten Mai 2003

In einem Farbigenviertel von L.A. begegnet Philip Marlowe einem irgendwie deplaziert wirkenden Weißen im Anzug. Moose Malloy sucht seine Freundin Velma, eine Striptänzerin. Jedenfalls war sie mal seine Freundin, denn Malloy ist gerade erst nach 8 Jahren Knast wieder auf freien Fuß gekommen. Marlowe gibt dem hünenhaften Klotz seine Karte, weil sich das nach einem spannenden Fall anhört, als er unmittelbar danach erkennen muss, dass Malloy noch immer gemeingefährlich ist: Er knallt nämlich den neuen, farbigen Besitzer des Florian's kurzerhand ab und verschwindet.

Am gleichen Tag erhält Marlowe einen Anruf von einem Mr Marriot, der Marlowe auf Empfehlung als Bodyguard engagieren möchte. Marriot will nämlich ein Jadecollier einer Freundin bei Juwelendieben freikaufen. Doch beide geraten in einen Hinterhalt, Marlowe wird nieder geschlagen und Marriot erschossen. Doch da der Privatdetektiv gerade knapp bei Kasse ist, besucht er kurzerhand die Besitzerin der Kette, eine durchtriebene Femme Fatale und nebenbei Millionärsgattin, und lässt sich von ihr mit der Suche nach dem Schmuckstück beauftragen. Doch ein kleines Detail lässt Marlowe bei seinen Ermittlungen erkennen, dass die verschwundene Kette auch mit der Suche nach Velma zusammen hängen könnte, da der tote Marriot die Witwe des ehemaligen Nachtclubbesitzers Mr Florian mit Bargeld versorgt. Bevor Marlowe jedoch die Dimension dieses Falles erahnen kann, steckt er abermals in tödlicher Gefahr.

Kalifornische Klischees

Philip Marlowe tänzelt in diesem zweiten Roman der Serie zwischen Figuren, die ihre Wesenszüge stellvertretend für je eine Facette des amerikanischen Traums erhalten haben dürften. Ein naiver und liebeskranker Killer, ein träger Bulle, korrupte Bullen, eine versoffene und verarmte Witwe, ein allein durch Geld miteinander verbundenes Millionärspaar. Die Liste ließe sich noch weiter führen. Phasenweise erfüllen diese Nebencharaktere die Klischees der kalifornischen Gesellschaft besser als Marlowe in diesem Roman sein eigenes Klischee (nämlich das, das ihm Humphrey Bogart verpasst hat) bedienen kann. Marlowe wirkt getrieben, zeitweise verwirrt, unter Drogen gesetzt und wird ordentlich vermöbelt. Trotzdem behält er aufgrund seines geradezu übermutig anmutenden Humors immer wieder die Oberhand und täuscht zumindest an, Herr im Ring zu sein.

An Konstellationen zwischen den einzelnen auftretenden Personen kann Chandler hier volles Geschütz auffahren. Der Nachteil dabei: ein zu dichtes Beziehungsgeflecht kann Verwirrung herauf beschwören. Sobald das droht, schafft Chandler es irgendwie, seine Leser gerade noch mal abzuholen. Nicht gerade überzeugend ist die anfängliche Verbindung zwischen den beiden Fällen, die Marlowe bearbeitet. Und dennoch merkt man Chandler in einem Punkt eine klare Steigerung an: Er hat als Autor Geschmack an seiner Figur gefunden und konzentriert sich hier deutlich mehr auf den Protagonisten als noch in Der große Schlaf auf die Kulisse.

Lebwohl, mein Liebling war 1944 der erste Marlowe-Roman, der verfilmt wurde. Dick Powell als Darsteller von Marlowe bleibt nahe an Chandlers Romanvorlage und ist nicht der toughe Detektiv, den zwei Jahre später Humphrey Bogart in der Verfilmung von Der große Schlaf spielte. Vielleicht steht er deshalb in seiner Bekanntheit hinter den anderen Romanen Chandlers zurück. Irgendwie ist Lebwohl, mein Liebling ein vergessener Roman, der jedoch kaum hinter den anderen Marlowe-Klassikern zurück steht.

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Letzte Kommentare:
02.06.2012 10:12:32
Banon

Das Marlowe nicht nur ein ganz harter Kerl ist, beweist dieser Band der Reihe um den "Klassiker" unter den Hardboiled-Privatdetektiven.
In "Lebwohl, mein Liebling" gerät Marlowe erst an einen übermächtigen Hünen, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und für den ersten Toten sorgt. Dann soll er an einer undurchsichtigen Geldübergabe mitwirken - und schon steckt Marlowe in einem weiteren Fall mit Todesfolge. Es wird undurchsichtig. Dazu tragen auch die unterschiedlichsten Typen von Polizisten bei, denen der Detektiv begegnet.

Nachdem ich zuletzt von "Payback" enttäuscht war, hat mich dieser Band der Marlowe-Reihe überzeugt. Besonders der trockene Humor, der sich in den unnachahmlichen Dialogen wiederfindet, machen diesen Krimi zu einem besonderen Leseerlebnis. Marlowes Begegnungen mit Frauen stechen hier ebenso heraus, wie seine kalkulierten Provokationen gegenüber den staatlichen Ermittlern.

Am Ende des Buches wird Marlowe von einer Protagonistin treffend charakterisiert: "Sie sind ...so tapfer, so entschlossen, und Sie arbeiten für so wenig Geld. Jeder haut Ihnen eins über den Schädel, würgt Sie, knallt Ihnen was aufs Kinn und pumpt Sie voll mit Morphium, aber Sie klopfen unbeirrt weiter auf den Busch, bis allen schließlich die Puste ausgeht."

So ist er, der Philip Marlowe. Und in diesem Buch macht er seinen Job richtig gut!

01.06.2012 19:33:05
Peter Huemer

Chandler ist zweifellos ein Gigant! Seine sentimentalen Buch-phasen, seine herrlichen Vergleiche, schade dass die Anzahl seiner Bücher relativ gering ist!
"Betrogen und gesühnt", neuer Titel: "Lebwohl, mein Liebling" ist einer der "Lustigsten", wenn diese Bezeichnung gestattet ist, "Der lange Abschied", finde ich, der Beste!

26.01.2007 21:28:54
Fabian

Das Größte was Chandler neben dem langen Abschied geschrieben hat.Die Sprache ist toll (Ich las es auch auf Englisch!)ebenso wie die Übersetztung aus dem Diogenes Verlag.

17.09.2006 16:25:14
hoffmann peter

Chandler gehört neben Hammet zum Besten , das es in diesem Genre
weltweit gibt. Ich lese beide Autoren alle paar Jahre wieder und bin immer wieder erstaunt, daß man schlagartig in die Welt dieser großen Kriminalromane eintaucht und am liebsten gar nicht mehr heraus möchte. Übrigens, speziell die Verfilmung dieses Buches gehört zu den besten Krimiverfilmungen aller Zeiten; aber: nur die mit Robert Mitchum in der Hauptrolle (es gibt nämlich mehrere Verfilmungen).