TV-Serie:
The Alienist (Staffel 2)

Serien-Spezial von Jochen König (12.2020) / Titel-Motiv: © Kurt Iswarienko/netflix

Kreizlerama – Ein Kreis enger Freunde

Ein Alienist ist kein UFO-Forscher, sondern eine Bezeichnung für Psychoanalytiker im ausgehenden 19. Jahrhundert. Landläufig wurde angenommen, dass Geisteskrankheiten auf einer Entfremdung der Betroffenen von ihrer wahren seelischen Natur („alienated“) beruhten. Die behandelnden Mediziner der jungen Fachrichtung wurden Seelenärzte, oder lapidarer eben „Alienists“ genannt.

Der titelgebende „Alienist“ Dr. Laszlo Kreizler (in Caleb Carrs Roman Kreisler) ist ebenso begabt wie umstritten, zumindest in konservativ eingestellten Fachkreisen. 1896 holt ihn Theodore Roosevelt, ehemaliger Studienkollege und jetziger Polizeichef New Yorks, zu Hilfe, um ihn bei der Aufklärung einer brutalen Mordserie zu unterstützen. Opfer sind junge, männliche Prostituierte, die sich als Mädchen verkleiden.  

Kreizler schart mit dem Journalisten und Illustratoren John Moore, der Polizeisekretärin und späteren Privatdetektivin Sara Howard, dem jungen Stevie, sowie den beiden Kriminalbeamten (und frühen Forensikern) Marcus und Lucius Isaacson ein effektives Team um sich, das im Gegensatz zu einer durch und durch korrumpierten Polizei steht, für die Ergebnisse und Standesdünkel wichtiger sind als Wahrheit und Gerechtigkeit. Das kann dazu führen, dass auch unschuldige Verdächtige ihre versuchte Verhaftung nicht überleben.

Fortschrittlich gegen Korruption und Unterdrückung

Besonders der frühere Commissioner Byrnes und der später suspendierte Captain Conner behindern die Ermittlungen Roosevelts und Kreizlers machtvoll - und im Falle Conners mit äußerster Bösartigkeit. So müssen die Menschen um Kreizler nicht nur versuchen, einen Serienmörder dingfest zu machen, sondern auch mit ständigen polizeiinternen Intrigen und Behinderungen leben, während ihr moderner Ansatz der Verbrechensbekämpfung auf dem Prüfstand steht. 

In Staffel 2, die auf Carrs Roman Engel der Finsternis beruht, verändert sich der Fokus: Laszlo Kreizler wird zu einer Art exponierter Nebenfigur in seiner eigenen Serie, während die frischgebackene Privatermittlerin Sara Howard in den Mittelpunkt rückt.

Zu Beginn wird Martha Napp, eine junge Mutter, in einer sehr eindringlichen, erschütternden Szene auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet, verurteilt wegen des Mordes an ihrem gerade geborenen Baby. Die Leiche des Kindes wurde zwar nie gefunden, aber Aussagen der behandelnden Ärzte und Krankenschwestern und ein tumber Richter sorgten für das Todesurteil. Kreizler hingegen glaubt an die Unschuld Napps, kann ihren Tod aber nicht verhindern.

Sein Augenmerk richtet sich auf die Klinik, in der Martha Napp ihr Baby zur Welt brachte: ein Hospital, in das bevorzugt die schwangeren Mätressen reicher New Yorker eingeliefert werden, deren Zustand nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen soll. Kreizler entdeckt zwar Unregelmäßigkeiten um verschwundene Babys wie das von Martha Napp, doch er kämpft erneut gegen Windmühlen und um seine Reputation.

Die USA erklären Spanien den Krieg

Als das Kind der spanischen Diplomatenfamilie Linares entführt wird, übernimmt Sara Howard die Suche und schaltet natürlich ihre Freunde ein. Auf die Polizei kann man wieder nicht bauen, vor allem nicht am Vorabend des spanisch-amerikanischen Krieges. Erst später, als mächtige New Yorker Familien involviert werden, nimmt die Polizeipräsenz zu, und es kommt zu einer widerwilligen Allianz von Saras Team und Ex-Polizeichef Byrnes. 

Rezensionen zu den Büchern finden sich sowohl auf der Krimi- wie Histo-Couch, weshalb es – bis auf eine Anmerkung – hier nur um die Netflix-Serie geht. Was bei der Fernsehbearbeitung (zwangsläufig) unter den Tisch fällt, sind die Erzählperspektiven, die Caleb Carr gewählt hat: Wird Die Einkreisung aus der Sicht des Journalisten John Schuyler Moore geschildert, misst sich bei Engel der Finsternis Kreislers Zögling Stevie (die Figur ist eine kleine Hommage an Arthur Conan Doyles „Baker Street Irregulars“) mit seinem älteren Freund Moore als Erzähler. Die TV-Adaption entfernt sich von der Vorlage so weit, dass Stevie in Staffel 2 kaum mehr als eine Statistenrolle innehat.

Kaputte Seelen und ein Serienmörder

Erzählt wird in Die Einkreisung eine Serienmörderstory, die solide, aber relativ überraschungsfrei abgespult wird. In der Gegenwart angesiedelt würde die Story um den derangierten Kindermörder kaum punkten können. Doch beziehen sich Reiz und Spannung der Jagd auf den mysteriösen Killer aus dem Clash von Moderne und antiquierten Ermittlungsmethoden, die zudem von moralischem Verfall geprägt sind. Das sorgt für Aufmerksamkeit und hilft dem Zuschauer über manche Schwäche hinweg - dies und die hervorragende Wiederbelebung des historischen New Yorks (gedreht wurde in Budapest): Hier treffen Dunkelheit, Schmutz, die ständige Präsenz von Ausbeutung, die auch vor Kindern nicht Halt macht, auf prunkvolle Stadtvillen, deren (neu)reiche Bewohner ausschweifende Feste feiern und sich Gedanken über die langsame Veränderung gesellschaftspolitischer Zustände machen können. Diese Diskrepanz darzustellen, die auch das Verhältnis der Menschen zueinander (inklusive Rassismus und Antisemitismus) einbindet, gelingt The Alienist ausgesprochen gut.

Frühe Frauenpower

Das betrifft auch die Stellung der Frau, die besonders in der zweiten Staffel hinterfragt wird. Frauen haben den Platz einzunehmen, den ihnen die Männerwelt zuweist: Ehefrau, Mutter, Geliebte (wobei gerade dieser Begriff zu reinem Hohn verkommt), billige und willige Arbeitskraft sowie Prostituierte – das sind die Rollen, die den Frauen um die Jahrhundertwende zugeschrieben werden. Doch es gibt Auflehnung dagegen: Die ersten Suffragetten machen sich lautstark bemerkbar und Frauen wie Sara Howard besetzen Positionen, die vorher der Männerwelt vorbehalten waren. Konsequenterweise ist Sara die schlagkräftigste der drei Hauptfiguren, die sich auch körperlich am besten zur Wehr setzen kann.

Und das will was heißen, steht an ihrer Seite doch Luke Evans als Thomas Moore - und der hat sich anderweitig schon als Graf Dracula, Musketier Aramis, sardonischer Serienkiller (No One Lives) und Bard der Bogenschütze mit ganzen Armeen siegreich angelegt. Hier bringen ihn sogar weibliche Opponenten in lebensbedrohliche Bedrängnis, aus der ihn nur Sara Howard retten kann. Auch Laszlo Kreizler ist körperlich nicht in der Lage, zu helfen. Umso verwunderlicher – und ein Schwachpunkt der Serie –, dass die beiden Freunde beherzt, aber von vornherein chancenlos, gerne alleine gegen körperlich weit überlegene Gegner ins Feld ziehen. Diese Vermessenheit kostet Menschenleben. Von Geistesgrößen wie Kreizler und klugen Alltagsbeobachtern wie Moore hätte man mehr Umsicht (und einen wehrhaften Sidekick) erwarten dürfen.

Andererseits passen diese Verhaltensweisen ins Konzept der Serie - denn wenn es gelegentlich auch recht brutal zugeht, wird die Kraft des Geistes und der Emotionen beschworen, die letztlich (so die kleine frohe Botschaft einer ansonsten rabenschwarzen Serie) über Gewalt, Gier und menschenverachtende Berechnung zumindest Teilerfolge verzeichnen können.

Von Roosevelt zu Hearst – Ein Stelldichein großer Namen

War in der ersten Staffel Theodore Roosevelt eingebundener realer Zeitgenosse, bekommt in der zweiten Staffel William Randolph Hearst als einer der Väter der berüchtigten Yellow Press unrühmliche Auftritte. Legendär sein Ausspruch zu einem seiner Fotografen, kurz vor dem Ausbruch des Spanisch-Amerikanischen Krieges: „Sie liefern die Fotos, ich liefere den Krieg!“ („You furnish the pictures. I’ll furnish the war“). Thomas Moore ist im Begriff, Hearsts Paten- und Ziehtochter Violet Hayward zu heiraten, und bekommt so nicht nur beruflich mit dem Medienmogul mehr zu tun als ihm lieb ist; erschwerend gesellt sich hinzu, dass seine Beziehung zu Sara Howard nicht geklärt ist. Diese romantischen Komplikationen bremsen leider die wohlvorhandene Spannung ein ums andere Mal aus, sorgen allerdings für genehme Kaffeepausen.

Starke Akteure und beeindruckende Optik

Schauspielerisch liefert die hochkarätige Besetzung überzeugende Arbeit ab: Daniel Brühl passt sich nahtlos ins anglo-amerikanische Ensemble ein. Kritische Stimmen bemängelten zwar, er zeige zu wenig Regungen und käme mit einem Gesichtsausdruck aus. Brühl spielt einen körperlich und emotional verkrüppelten Menschen mit stark autistischen Zügen, der sein traumatisiertes Inneres hinter einer Maske der Professionalität verbirgt; diese Maske bildet Brühl hervorragend ab und bewerkstelligt beiläufig kleine, unbeholfene Gesten der Rührung, Freude und des Entsetzens. Gefühlsausbrüche, bei denen die Gesichtszüge entgleisen, wären bei Kreizlers Agenda völlig fehl am Platz. Das macht Brühl gut, inklusive der Synchronisation seiner selbst.

Herausragend agiert in Engel der Finsternis Rosy McEwen als Libby Hatch, die von freundlicher Hilfsbereitschaft bis zu explosivem Wahnsinn ein weites Spektrum an emotionalen Regungen und Verhaltensweisen trefflich darstellt. McEwen sollte man im Auge behalten.

Geglückte, spannende Reise in die Vergangenheit – Fortsetzung folgt

The Alienist geht zum Lachen nicht in den Keller, sondern steigt in den Hades hinab. Dort finden sich Traumata, Verzweiflung, Gewalt und Wahnsinn, die mit der Kraft des analytischen Denkens bekämpft werden - eine Sisyphos-Arbeit an der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert. Die Serie liefert eine visuell überzeugende, atmosphärisch stimmige Interpretation der Vergangenheit, die deshalb so gut funktioniert, weil sie nicht ständig durch zu lange Einstellungen oder Kamerafahrten auf die innewohnenden Schauwerte hinweist, sondern sie wie selbstverständlich präsentiert. Die dritte Staffel ist in Planung, und man darf gespannt sein, wohin die Reise geht. Für Sara endete sie vorerst mit vollen Auftragskörben, während Dr. Laszlo Kreizler auf ein Treffen mit Sigmund Freud zusteuert.

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