Das Blut der Schande

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • New York: Carrol & Graf, 2005, Titel: 'The Italian Secretary', Seiten: 266, Originalsprache
  • Freiburg im Breisgau: Audiobuch, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Hubertus Gertzen
  • München: Heyne, 2009, Seiten: 350

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Michael Drewniok
Sherlock Holmes auf irritierenden Abwegen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2006

Irgendwann in den späten Tages des 19. Jahrhunderts — ein exaktes Datum verschweigt uns der Verfasser, aber den Hund der Baskervilles deckt bereits der kühle Rasen — tritt Mycroft, der ältere Bruder des berühmten Privatermittlers Sherlock Holmes, mit einem Spezialauftrag an diesen heran: In Holyroodhouse, dem Sommerlandsitz der britischen Königin Victoria, sind zwei Männer auf grausige Weise zu Tode gekommen: Man fand ihre Leichen von unzähligen Klingenstichen durchbohrt; jeder Knochen im Leib war zerbrochen.

Mycroft, welcher der Regierung als "Berater" nahe steht, wähnt schottische Anarchisten oder sogar deutsche Spione am Werk. Diskret soll die peinliche Affäre aufgeklärt werden. Sherlock freut sich, denn zur Sorge seines treuen Gefährten Dr. Watson pflegt der sonst so rational denkende Detektiv seit einiger Zeit merkwürdige Theorien, die um die Existenz jenseitiger Welten kreisen. Holyroodhouse war vor drei Jahrhundert Schauplatz eines düsteren Ereignisses: Vor den Augen einer entsetzten Königin Maria Stuart ermordeten schottische Adlige ihren italienischen Sekretär und Vertrauten. Seither soll der Geist dieses David Rizzio im Westturm von Holyrood umgehen und rachedurstig die Unvorsichtigen packen, die ihm zu nahe kommen.

Schon die Reise nach Schottland wird für Holmes und Watson zum Abenteuer. Auf offener Bahnstrecke wird ihnen eine Bombe ins Abteil geworfen. Dem Anschlag glücklich entronnen, finden sie Holyrood als Haus der Angst und des Misstrauens vor. Seltsames geht zweifellos hinter den Kulissen vor, doch Holmes geht auf Gespensterjagd. Watsons Vorwürfe treffen indes den falschen Mann; der gute Doktor hätte eigentlich wissen müssen, dass Holmes einerseits einen Hang zum Theatralischen besitzt und andererseits sehr schnell herausgefunden hat, wie Landesverräter, Dunkelmänner und ein Gespenst aus dem 16. Jahrhundert Hand in Hand arbeiten können, wobei sogar noch Platz für einen mörderischen Psychopathen bleibt ...

Sherlock Holmes als Ghostbuster?

Ein neues Abenteuer von Sherlock Holmes & Doktor Watson, verfasst von einem Meister des historischen Kriminalromans — Caleb Carr, Schöpfer des "psychologischen" Ermittlers Dr. Lazlo Kreisler, der im New York der 1890er Jahre seine Fälle löst: Dies ist eine viel versprechende Ausgangssituation, die den Leser aufhorchen lässt. Carr hat sich auch hier Mühe gegeben, ist vor Ort, das heißt in Holyroodhouse gewesen und hat sich mit diesem Kapitel der britischen Geschichte ebenso vertraut gemacht wie mit der literarischen Welt des Mr. Holmes. Die Kulisse stimmt, die Story wurde sorgfältig in ihr geschichtliches Umfeld eingebettet. Der Plot weist diejenigen Elemente auf, die uns die Holmes-&-Watson-Geschichten so lieben lassen: Es ist kalt und neblig, der Ort des Geschehens ist ein verwunschener Palast im pittoresken Schottland, jenem Teil der britischen Insel, in dem sich Geister und andere Spukbolde bekanntlich pudelwohl fühlen. Mysteriöse Morde geschehen, die sich auf "natürliche" Weise nicht erklären lassen. Überall sieht Dr. Watson Verdächtige, während sich sein Meister in Schweigen hüllt bzw. sich schwer deutbaren Andeutungen ergeht.

Was kann unter solchen Voraussetzungen schief gehen? Caleb Carr führt es uns auf spektakuläre Weise vor. "Das Blut der Schande" ist nicht nur ein schlechtes Sherlock-Holmes-Pastiche. Auch als Kriminalroman taugt dieses Buch wenig. Erste Irritationen machen sich breit, als unsere beiden Helden allzu lange keine Anstalten machen die Bakerstreet Nr. 221b zu verlassen. Statt dessen müssen wir Holmes und Watson bei mehr oder weniger tiefsinnigen Gesprächen über das Übersinnliche belauschen. Nachträglich können wir erkennen, dass Carr hier falsche Fährten legen möchte, was er allerdings erschreckend plump angeht.

Es folgt eine schier endlose Bahnreise nach Schottland. Abermals wird diskutiert. Dieses Mal liefern sich Sherlock und Mycroft Holmes endlose Wortgefechte, die womöglich das Verhältnis dieser so ungleichen Brüder illustrieren, mit der eigentlichen Handlung jedoch schon wieder nichts zu tun haben und diese in den Leerlauf zwingen. Arthur Conan Doyle neigte vor allem in den Holmes-Romanen selbst zu diesem Fehler; ihn aus Gründen der Werktreue zu wiederholen, ist keine gute Idee ...

Finale mit Feuerwerk & Gespenstergastspiel

In Holyrood bemüht sich der Verfasser um "gotische" Gruselstimmung. Ihm gelingt durchaus eine zünftige englische Spukhausatmosphäre, doch genutzt wird sie nicht. Plötzlich wird aus der Verschwörungs- und Geistergeschichte das Drama um einen modernen Gilles de Rais: Ein sadistischer Menschenschinder und Serienmörder taucht auf. Wie sich das zum bisher Erzählten reimen soll, überforderte wohl auch den Verfasser selbst: Als "Finale" fällt ihm nichts als ein nächtlicher Feuerüberfall der Schurken auf Holyroodhouse ein, in dem sich Holmes und seine wenigen Getreuen wie in einem Fort verschanzen und sich rasante Gefechte liefern. Als sich der Rauch verzieht, ist die Geschichte vorbei. Sie erweist sich in der Rückschau als banal und denkt man auch noch ernsthaft über sie nach, fallen einem ihre gewaltigen logischen Löcher auf.

Carr ist sich nicht einmal zu schade sein Publikum im folgenden Zweifel zu lassen: Es könnte sein, dass sich im finalen Getümmel der Geist des seligen Rizzio unter die Kämpfenden mischt. Das ergibt — wieder einmal — weder Sinn noch ist es notwendig. Statt dessen nötigt es den Verfasser zu einer überflüssigen Coda, in der Holmes einen Vortrag über die Macht der (Auto-) Suggestion und ihre Rolle als "Treibriemen" für den Glauben an das Übernatürliche hält.

Das Rationale gegen das Psychologische

Sherlock Holmes ist außer sich — nicht dass ihn die typische Kaltblütigkeit nur einen Moment verlässt. Alle persönlichen Eigenheiten sind da, genial ist Holmes auch, aber er ist trotzdem "anders". Wir erkennen ihn nicht und — das wiegt schwerer — wir mögen ihn nicht. Zunächst führen wir es auf seinen neu entfachten Glauben an Geister zurück. Erst das Nachwort von Jon Lellenberg, dem US-amerikanischen Verwalter des literarischen Nachlasses von Arthur Conan Doyle, bringt uns auf die richtige Spur: Carr versucht sich in "Das Blut der Schande" an einer "Kreuzung" zwischen Doyles Sherlock Holmes und seiner eigenen Serienfigur Laszlo Kreisler. Er hätte wissen müssen, dass das Resultat unfruchtbar wie ein Maulesel sein würde. Zu unterschiedlich sind die Figuren, die Carr hier zusammenbringen will.

Lellenberg bringt es auf den Punkt (ohne freilich das Scheitern von "Das Blut der Schande" damit in Verbindung zu bringen): Doyle hat Holmes als strengen Rationalisten konzipiert, der mit der "modernen Torheit" der Psychologie, die sich in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte, rein gar nichts zu tun haben wollte. Holmes genügen sein Vergrößerungsglas, starker Tabak und sein kriminalistisch geschultes Hirn zur Lösung seiner Fälle. Verbrechen, die nicht in dieses Schema passen, sparte Doyle einfach aus; es ist kein Zufall, so Lellenberg, dass sich Doyles Holmes niemals am Fall des Jack the Ripper versuchte.

Diese "Lücke" ist natürlich nicht nur ihm aufgefallen. Die Literaturkritik hat es damit versucht zu erklären, dass Doyle sich in "viktorianischer Zurückhaltung" um dieses an grausigen Details reiche Geschehen drückte. Doch das ist sicher nicht der einzige Grund: Nach Lellenberg ist Jack the Ripper ein Verbrecher, der jenseits des Holmes'schen Horizontes agiert. Den Ripper treiben nicht Rache oder Habgier, sondern die sadistische Freude am Töten und Verstümmeln. Anders ausgedrückt: Er ist geisteskrank.

Im Abgrund des Bösen ist kein Platz für Mr. Holmes

Auch Holmes bekam es dank Arthur Conan Doyle mit geistig derangierten Tätern zu tun. Dies waren indes die klassischen, das heißt vor allem theatralischen "Irren", die eine Zeitlang genial "funktionierten", sich aber andererseits mit reichlich sinnlosen Untaten vergnügten und im Finale entweder gnädig umkamen oder in einer Anstalt verschwanden. Jack the Ripper war jedoch ein völlig anders gelagerter, beunruhigend "realer" Charakter — und damit kein Fall für Sherlock Holmes, sondern für Dr. Laszlo Kreisler, den Psychologen, der in die Abgründe der menschlichen Seele blicken kann, weil er sie — anders als Holmes — als gegeben akzeptiert; nicht umsonst bezeichnet man ihn (und im zeitgenössischen England oder US-Amerika einen "Irrenarzt" generell) auch als "Alienisten", verfolgt er doch Menschen, deren Denken und Handeln den meisten Zeitgenossen fremd oder unmenschlich vorkommen.

In "Das Blut der Schande" versucht Carr aus Holmes einen "Alienisten" zu machen. Es gelingt nicht, es kann nicht gelingen, denn es widerstrebt völlig Holmes' Wesen. Carr scheitert auch, weil er dem psychopathischen Widerpart des Detektivs nie echte Aufmerksamkeit schenkt. Es wird nicht deutlich, wen oder besser was Holmes in Gestalt des Mörders von Holyrood jagt. Carr traut sich nicht den letzten Schritt zu gehen und Holmes offen mit dem realen Grauen eines brutalen Serienmörders zu konfrontieren. (Dass dies gelingen kann, demonstrierten ansatzweise bereits 1967 Ellery Queen mit "A Study of Terror", dt. Sherlock Holmes und Jack the Ripper , oder — wesentlich drastischer doch besser — 1978 Michael Dibdin mit "The Last Sherlock Holmes Story", dt. "Der letzte Sherlock-Holmes-Roman".)

Was sonst nicht stimmt

Watson erfährt in "Das Blut der Schande" mehr Aufmerksamkeit, als man ihm in allzu vielen Holmes-Pastiches zubilligen möchte. Der aufmerksame Leser bemerkt, dass schon Arthur Conan Doyle in Watson deutlich mehr als einen Wasserträger und Stichwortgeber sah. Holmes & Watson bilden ein Team, in dem der Detektiv das Wissen und der Doktor jene soziale Kompetenz einbringt, die Holmes abgeht, deren Existenz und Bedeutung er jedoch nicht leugnet. Caleb Carr lässt Watsons Licht sogar in kriminalistischer Hinsicht heller leuchten als sonst; er weist sehr richtig darauf hin, dass der gute Doktor in seinen vielen Jahren der Zusammenarbeit mit Holmes ein gutes Maß an Fachwissen aufgeschnappt haben müsste.

Mycroft Holmes ist Carr als Figur katastrophal misslungen. Man kann auch hier geltend machen, dass der Verfasser neue Wege zu gehen versucht. Doch Carrs Mycroft ist ganz und gar nicht die exzentrisch-geniale ältere Version des agileren Sherlock, die Doyle in ihm sah. In "Das Blut der Schande" irrt Mycroft am laufenden Band, streitet kindisch mit seinem Bruder, lässt sich wie ein Botenjunge schicken, lässt sich seinen angeblich so logischen Geist von patriotischen Nebeln vernebeln. Eine maßgebliche Rolle findet Carr nicht für ihn; Mycroft wirkt wie ein Statist, der seinen Auftritt nur deshalb absolviert, weil ihn die Holmes-Fan gern sehen. Unter diesen Umständen wundert es, dass unter den Befreiern von Holyroodhouse nicht auch Inspektor Lestrade auftaucht.

Das Tüpfelchen auf dem traurigen I(h!), das dieses Möchtegern-Holmes-Garn darstellt, setzt einmal mehr der deutsche Verlag: Wer hat aus welchem Grund den Originaltitel "The Italian Secretary" — gemeint ist damit natürlich der unglückliche Rizzio — mit "Das Blut der Schande" nicht "übersetzt", sondern ins Sinnlose entstellt?

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Letzte Kommentare:
13.04.2008 13:27:10
Elmar Fässler

Die Story ist ganz in Ordnung, die manngelnde Dynamik in der Story zeigt die Qualitäten des Originals:

Conan Doyle lullt den Leser bei Pfeifentabak und Tee in der Bakerstreet zuerst ein, dann fängt der "Fall" langsam an und nimmt zusehends Fahrt auf...
Gegen Ende wird das Tempo wieder extrem rausgenommen und man sitzt wieder am Ausgangspunkt bei Tee + Gebäck.

Carr lässt seine Figuren schwafeln, anstatt auf 350 Seiten schrieb Conan Doyle seine Plots (da sie meist zuerst in der Zeitung veröffentlicht wurden) auf vielleicht 50 Seiten - bei höherer Dichte und Intensität..

Der Plauderton der Holmes - Erzählungen trift Carr aber sehr gut !

27.03.2006 18:33:43
Stefan

Unterm Strich ziemlich gut gelungen!

Die klassische Holmes/Watson-Atmosphäre findet sich wieder und wurde treffend verarbeitet und auf das Edinburgh des 19. Jahrhunderts projiziert. Die Dialoge zwischen Holmes und Watson enthalten genau die Mischung aus englischer Zurückhaltung und Rafinesse, die auch die Romane von Conan Doyle auszeichnete. Die Geschichte ist originell, aber dennoch geradlinig und liest sich flott.

Lediglich der Charakter des Mycroft Holmes erscheint gegenüber den Conan Doyle-Geschichten als "out of character", aber das ist meines Erachtens entschuldbar.

Im Nachwort wird die Hoffnung geäußert, dass Sherlock Holmes und "Dr. Kreisler" aus "Die Einkreisung" und "Engel der Finsternis" mal zusammen in einem Roman von Caleb Carr auftauchen könnten. Dazu kann ich nur sagen: bitte zeitnah!