Paganinis Fluch

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2010, Titel: 'Paganinikontraktet', Seiten: 561, Originalsprache
  • Köln: Bastei Lübbe, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Wolfram Koch

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Jürgen Priester
Viel schmückendes Beiwerk

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2011

"Und macht Lust auf das, was noch folgen mag." Dieser Satz stammt aus den abschließenden Bemerkungen des geschätzten Kollegen Jochen König zu Der Hypnotiseur. Das, was da folgen sollte, liegt uns nun in gebundener Form Schwarz auf Weiß vor. Paganinis Fluch ist der zweite Kriminalroman des Autorenduos Alexander und Alexandra Ahndoril alias Lars Kepler. Auch hier treffen wir wieder auf den finnisch-stämmigen Kriminalkommissar Joona Linna von der Landeskriminalpolizei in Stockholm, der sich diesmal mit einem dubiosen Selbstmord, mehreren Morden und etlichen Kollateralschäden auseinandersetzen muss. Es geht um die illegale Ausfuhr von Waffen in Krisengebiete. Der positive Eindruck, den der Kollege König dem Erstling attestierte, kann der Rezensent für Paganinis Fluch nicht fortschreiben.

Keplers Debüt heißt Der Hypnotiseur und in der Geschichte spielt ein ebensolcher eine wichtige Rolle, weshalb der Titel wohl gerechtfertigt zu sein scheint. Nun ist es nicht zu erwarten, dass in Paganinis Fluch der Meister des virtuosen Geigenspiels einen Auftritt haben wird, doch eine Verbindung zu seinem Leben oder wenigstens zu seinem Nachlass wäre doch naheliegend. Dem ist aber nicht so, von einem Fluch ganz zu schweigen. Ist der Titel nun eine Mogelpackung? Die schwedischen Autoren locken mit "Paganini-Vertrag". Das klingt zwar nüchterner, ist aber genauso weit hergeholt. Es werden Verträge per Handschlag getroffen, die der dominante Vertragspartner "Paganini-Verträge"nennt, warum sie so heißen, können weder er noch die Autoren erklären. Es sind noch nicht einmal Verträge, sondern es ist Erpressung nach dem Motto: "Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt". Der ganze Paganini-Bezug steht auf wackeligen Beinen, ist wohlwollend als schmückendes Beiwerk, aber ehrlicher als Ablenkung von einem viel zu durchsichtigen Plot zu betrachten.

Wie eingangs erwähnt geht es um illegale Waffengeschäfte. Eine Schiffsladung Munition soll via Kenia an die islamistischen Milizen im Sudan geliefert werden. Die vier Hauptakteure – ein Rüstungsindustrieller, der Leiter der Waffenkontrollbehörde, ein Waffenhändler und eine Unterhändlerin – trafen sich zur Feinabstimmung ihres Deals an einem unbekannten Ort. Von diesem Treffen existiert ein heimlich aufgenommenes Foto, das der schwedischen Friedensaktivistin Penelope Lopez zugespielt wird. Deren jugendlich-naiver Freund Björn versucht sich in einem Anfall geistiger Umnachtung als Erpresser. Er schickt dem Rüstungskontrolleur Carl Palmcrona eine Bilddatei des diskreditierenden Fotos und verlangt Geld. Palmcrona, eh schon unter Druck, soll er doch gerade jetzt mit seiner Unterschrift den Waffendeal freigeben, gerät vollends in Panik und begeht Selbstmord. Damit ist die Sache für Björn und Penelope nicht ausgestanden. Ein Auftragskiller der Rüstungsmafia ist ihnen auf den Fersen. Während eines Bootsausflugs durch Stockholms Schären wird Penelopes jüngere Schwester Viola, die sich den beiden angeschlossen hatte, ahnungsloses Opfer des Killers.

Für die Mannen des Landeskriminalamtes, die sich um den alten Fuchs Joona Linna scharen, scheint es zwischen beiden Fällen keine Verbindung zu geben, bis sie im E-mail-Account Palmcronas einen Hinweis auf die versuchte Erpressung finden. Das Foto rückt in den Mittelpunkt des Interesses der Ermittler. Die vier abgebildeten Personen sind leicht zu identifizieren. Der Bildhintergrund verrät den Ort des Treffens. Von zentraler Bedeutung entwickelt sich die Frage, wann das Foto aufgenommen wurde. Dazu hat Joona Linna eine geniale Idee und der Wissensstand der Polizei nähert sich allmählich dem der Leser an.

Paganinis Fluch ist diese Art von Kriminalroman, bei dem der Leser nahezu allwissend ist und genüsslich mitverfolgen kann, wie sich die Ermittler dem Täter nähern oder eine völlig falsche Spur verfolgen. Diese übergeordnete Perspektive bietet viele Möglichkeiten einer spannenden Ausgestaltung. Man fragt sich schon, warum Lars Kepler so wenig Gebrauch davon machen. Da haben die Autoren mit Joona Linna ein Ermittler alter Schule am Start, der auf die Funktionstüchtigkeit seiner grauen Zellen vertraut, dem in dieser Folge mit Saga Bauer vom Staatsschutz ein Aktivposten im wahrsten Sinne des Wortes zur Seite steht, und doch weichen die Keplers ständig auf Nebenschauplätze aus.

So wird zu Beginn der Erzählung ellenlang eine Verfolgungsjagd über einen Inselwald beschrieben, bei der sich die Gejagten vor lauter Angst fast zu Tode stürzen, nur den Jäger sehen sie nicht. Können sie auch nicht, denn der ist woanders tätig, wie zumindest der Leser weiß.Noch ausführlicher wird das große Finale auf See vorbereitet. Es zieht sich wie Kaugummi und bringt leider nur sattsam bekannte Thriller-Action – viel zu ordinär, um den Ansprüchen eines Kriminalromans mit Niveau gerecht zu werden.

Wie wünschenswert es auch ist, die Hauptcharaktere eines Romans mit reichem Vor- und Innenleben auszustatten, so tun die Autoren im Falle des Axel Riessen des Guten zuviel. Riessen ist der Nachfolger des Selbstmörders Palmcrona im Amt des Rüstungskontrolleurs und steht somit im Brennpunkt des Geschehens. Als Kind war Riessen ein vielversprechendes Talent an der Geige, bis ein dramatisches Ereignis ihn völlig aus der Bahn warf. Seitdem leidet er an chronischer Schlaflosigkeit. Schlaftabletten oder Alkohol als Einschlafhilfen lassen seine kaputte Leber nicht mehr zu. Nur in den Armen der fünfzehnjährigen, psychisch-gestörten Beverly findet er Ruhe – nur Kuscheln, kein Sex – versteht sich. Eine ziemlich abgefahrene Geschichte, die – wäre sie etwas glaubwürdiger konstruiert – mehr Spannungspotential birgt als der Hauptstrang. Ein verhinderter Geiger, ein erfolgreiches Streichquartett, ein unkultivierter Geigen-Sammler – viel Geige um Nichts.

Der Waffenhandel, der hier eigentlich die erste Geige spielen sollte, gerät oftmals in den Hintergrund und das wird diesem brisanten Thema nicht gerecht. Aktuell liest man von Rekordumsätzen der deutschen Rüstungsindustrie in 2010. Politiker beklagen mangelnde Transparenz. Auch in Schweden boomt der Waffenexport – Umsätze haben sich seit 2002 vervierfacht. Angesichts des heißen Eisens, das Lars Kepler anfassen, hätte man sich von ihnen mehr Konzentration auf das Wesentliche gewünscht. Wenn man schon ein Thema mit realpoltischem Bezug wählt, dann ist man dem auch verpflichtet, sonst wird man unglaubwürdig. Keplers zum Teil skurriles Beiwerk lässt zumindest an ihrer Ernsthaftigkeit zweifeln.

Ein bisschen Paganini, kein Fluch, viele Geigen, ein zu offensichtliches Mordkomplott – mehr Thriller als Kriminalroman – macht unterm Strich: eine Story mit guten Ideen, die aber nur halbherzig ausgeführt wurden. Weder Serienheld Joona Linna, noch seine neue "Assistentin" konnten hier richtig punkten. Bei ihrem ersten gemeinsamen Fall haben die Autoren die Hürden zu niedrig angesetzt. Spannung – Mangelware!

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