Flammenkinder

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2011, Titel: 'Eldvittnet', Seiten: 561, Originalsprache
  • Köln: Lübbe Audio, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Wolfram Koch

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Jörg Kijanski
Packender Pageturner mit Sogkraft

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2012

In einer Einrichtung für schwer erziehbare Mädchen in Sundsvall ereignet sich ein wahres Blutbad. Ein Mädchen wird in dem Isolierzimmer des Hauses brutal ermordet, ebenso wie die verantwortliche Betreuerin, der zunächst noch die Flucht in ein Nebengebäude gelingt. Die Polizei des Westlichen Norrlands übernimmt die Ermittlungen und möchte sich nicht reinreden lassen, doch die zuständige Staatsanwältin Susanne Öst verbockte ihren letzten Fall und wurde von den Medien heftig kritisiert. Daher bittet sie die Landeskriminalpolizei um Unterstützung. Diese schickt ihren besten Mann, Kommissar Joona Linna, obwohl dieser sich aus privaten Gründen im Urlaub befindet und der aufgrund eines laufenden Ermittlungsverfahrens gegen ihn keinen Einsatz leiten darf.

Der Fall scheint schnell aufgeklärt. Die fünfzehnjährige Vicky, in deren Heimzimmer die Mordwaffe gefunden wird, ist verschwunden. Wenig später alarmiert eine Frau die Polizei, deren Auto nahe Sundsvall von einem jungen Mädchen gestohlen wurde. Auf der Rücksitzbank befand sich Dante, der vierjähriger Sohn der Frau. Trotz einer sofort eingeleiteten Suchaktion mit umfangreichen Straßensperren bleiben Vicky und Dante verschwunden. Als später der gesunkene Wagen in einem Fluss leer vorgefunden wird, ist für die Polizei der Fall gelöst. Die Mörderin starb auf ihrer Flucht durch einen bedauerlichen Unfall. Joona Linna glaubt als Einziger nicht daran, dass Vicky die Morde begangen hat und als wenig später Hinweise auftauchen, dass Vicky wie auch Dante noch leben, ermittelt er überwiegend auf eigene Faust. Dabei erhält er von unerwarteter Seite Hilfe, während die übrigen Mädchen aus dem Heim nichts von den schrecklichen Ereignissen mitbekommen haben wollen...

Nur der Superstar blickt durch.

Lars Kepler, Synonym für das inzwischen sehr erfolgreiche Ehepaar Ahndoril, ist noch nicht lange auf dem Krimimarkt zuhause. Flammenkinder ist erst der dritte Fall für Kommissar Joona Linna, der von seinen geistigen Eltern, dennoch gleich mal - in aller Bescheidenheit - als erfolgreichster Ermittler von ganz Skandinavien eingeführt wurde. Alle Achtung, denn man kann als Krimifan beileibe nicht behaupten, dass es an skandinavischen Autoren respektive Ermittlern mangelt. Ganz im Gegenteil! Linna ist also der Ermittler, der in den letzten fünfzehn Jahren die meisten schweren Fälle löste und so bleibt es ihm auch in seinem neuen Fall vorbehalten, die Dinge klarer zu sehen als der Rest der Ermittlerschar. Soweit ist das Muster bekannt. Der eigentlich zuständige Ermittler ist eine von sich überzeugte Pfeife und die ermittelnde Staatsanwältin glänzt durch ebenso übertriebenen wie undurchdachten Aktionismus. Bleibt nur eine Person, die die berühmten Kohlen aus dem Feuer holen kann. Sieht man ferner davon ab, dass die Figuren recht farblos gezeichnet sind (wie in solchen Konstellationen üblich), so überrascht Flammenkinder dennoch positiv. Denn wenngleich auch die Lösung einem sehr bekannten Modell entspringt, so ist deren Auflösung im vorliegenden Fall, dank einer äußerst gelungenen Finte, sicher nicht für jeden ersichtlich.

Krimi aus dem Baukasten? Na und.

Etliche Wendungen und zahlreiche Wechsel der Szenarien sorgen für ein ordentliches Tempo und immer wenn man meint, jetzt wäre ja alles geklärt und die Lösung nahe, deutet ein Blick auf die Seitenzahl an, dass da noch einiges kommen muss. Kepler liefert – und zwar einen lupenreinen Pageturner, der am Ende kaum Fragen offen lässt. Und sollte doch jemand einen Logikfehler finden, hat er kaum Zeit sich lange damit aufzuhalten. Der Thriller entwickelt eine gewaltige Sogkraft, man fiebert mit der Hauptverdächtigen mit, die es doch angesichts erdrückender Beweise sein muss. Aber immer wieder entdeckt Linna Spuren, die alle anderen nicht sehen, und so drückt man ihm halt gebannt die Daumen und liest weiter, immer weiter. Die 621 Seiten verteilen sich auf rekordverdächtige 194 (!) Kapitel, wobei am Ende eines Kapitels – selbst wenn dieses nur aus einer Zeile auf der letzten Seite besteht – zum nächsten Kapitel umgeblättert werden muss. Dies hat zur Folge hat, dass man großzügig hundert Seiten "Weißfläche" vom Buchumfang abziehen kann; anders formuliert, auch so können "dicke Krimis" entstehen. Der überaus treibende Erzählstil und eine verzwickte Problemstellung sorgen dafür, dass Flammenkinder im Rekordtempo verschlungen wird und die Vorfreude auf den nächsten Fall – auch aufgrund eines Cliffhangers auf der letzten Seite – hoch ist.

Trotz etlicher Baukastenelemente: Weiter so!

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