Der Hypnotiseur

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Köln: Lübbe Audio, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Wolfram Koch

Couch-Wertung:

86°
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Jochen König
Hör' auf mich, glaube mir. Augen zu, vertraue mir!

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2011

Eine bestialisch niedergemetzelte Familie und ein schwerverletzter Überlebender machen Kommissar Joona Linna schwer zu schaffen. Zudem gibt es noch eine Tochter, die nicht auffindbar ist. Um zu verhindern, dass der Täter ein weiteres Mal zuschlägt, muss der fünfzehnjährige Sohn Josef im Krankenhaus vernommen werden. Bedauerlicherweise schließen seine Verletzungen eigentlich eine zeitnahe Befragung aus. Doch wie wäre es mit einer Hypnose? Der Idee folgt die Tat und der Psychologe und Hypnotiseur des Titels Erik Maria Bark wird von Linna solange unter Druck gesetzt, bis er das Verhör unter Hypnose vornimmt. Etwas, dass er zehn Jahre zuvor als Resultat dramatischer Ereignisse kategorisch ausgeschlossen hatte.

Die Befragung ist ein Erfolg, aber der Bruch seines Versprechens wird für Bark und alle Beteiligten ein schwerwiegendes Nachspiel haben.

Lars Kepler ist ein Pseudonym, hinter dem sich das schwedische Ehepaar Alexandra Coelho und Alexander Ahndoril ohne große Geheimniskrämerei verbirgt. Der Hypnotiseur ist ihr Debüt. Ein höchst gelungenes und wagemutiges noch dazu.

In Leserbefragungen kommt oft zur Sprache, dass viele (Krimi)-Leser eins noch weniger schätzen als die personale Ich-Perspektive: Romane, die im Präsens geschrieben sind. Und genau dies ist beim 638 Seiten starken Der Hypnotiseur der Fall. Wenn man von einer 140-seitigen Rückblende in Vergangenheitsform absieht. Was noch ein Handicap für ein erfolgreiches Debüt sein könnte. Der Hypnotiseur ist ein wahrhaft verschachtelter Roman. Die Ausgangstat wird ziemlich schnell aufgeklärt. Nicht mal hundert Seiten braucht es, bis der Täter feststeht, der das Ehepaar Ek und die jüngste Tochter brutal ermordet und zerstückelt hat. Daraus entwickelt sich ein gänzlich anderer Fall, der weit in die Vergangenheit reicht, jetzt in die Gegenwart hineinwirkt und noch einige Nebenschauplätze mit sich bringt.

Es ist faszinierend zu lesen wie Kepler all diese Fäden aufnimmt, ver- und entwirrt, mit einer Vielzahl von Protagonisten aufwartet, ohne in Chaos und Abstrusität zu versinken. Selbst die Darstellung der verschiedensten Psychosen gerät den Autoren nicht zur selbstbefriedigenden Freakshow. Die Figuren handeln in Wahnsinn wie Vernunft glaubhaft. Dabei wirken die eher positiv konnotierten Protagonisten mitunter befremdlicher als ihre psychotischen Pendants, die wenigstens konsequent und berechenbar agieren.

Ausnahme ist der freundliche Polizist Joona Linna, der allerdings in einer seltsam distanzierten Liebes(?)-Beziehung lebt und einmal zu oft um Selbstbestätigung bittet. Aber für einen skandinavischen Kriminalbeamten ist er erfreulich gefestigt und problemfrei.

Was man von Erik Maria Bark nicht behaupten kann. Erst gefeiert, dann gefeuert; statt der Hypnose zu neuer Bedeutung bei der Heilung psychischer Defekte zu verhelfen, wird Bark unfreiwillig zum Totengräber seiner eigenen Forschung. Gleichzeitig gerät seine Ehe wegen eines eher verzweifelten denn lustbetonten Seitensprungs in eine Krise, die die nächsten zehn Jahre nachwirkt. Was zum großen Schwachpunkt des Romans führt: Simone Bark. Leidende Mutter (Sohn Benjamin ist Bluter), eifersüchtige Gattin, die die Nachtigall schon trapsen hört, wenn die Eier noch nicht einmal ausgebrütet sind. Ihre Hysterie und Verzweiflung ist zwar nachvollziehbar, aber nichtsdestotrotz nervend. Das Bark diese Mixtur aus stillem Vorwurf und aufgeregter Anklage zehn Jahre stoisch ausgehalten hat, ohne seine Frau zu verlassen oder aus dem Fenster zu schmeißen, zeugt von einer fast pathologischen Loyalität oder wahrer Liebe. Dass man den Autoren diese Anhänglichkeit abnimmt, zeugt von ihrem erzählerischen Können. Selbst als Simone eine Grenze überschreitet, der ihr Mann nur kurz nahe gekommen ist, steht Erik ihr bei. Geschickt lässt Kepler offen, ob dies aus Bestrafung oder Liebe geschieht. Wie auch am Ende eher ein vager Hoffnungsschimmer am Heiligen Abend, als ein ausgewachsen pathetisches Happy End steht.

So ergibt sich Summa Summarum ein hervorragendes Debüt mit kleinen Schwächen. Neben der Schnepfe Simone, ist das vor allem die Frage wie ein Wissenschaftler derart unbedarft an eine große Forschungsarbeit herangehen kann wie Erik Maria Bark. Gruppenhypnose mit mehreren psychisch äußerst labilen Probanden ohne Absicherung durch kontrollierende Assistenten und Kollegen scheint kaum denkbar – besonders nicht für das finanzierende Institut. Zu groß ist die Gefahr, dass aus einem Höhenflug ein freier Fall wird. Hier wird die Realität der Dramaturgie geopfert. Aber wir drücken beide Augen zu, weil es funktioniert. Denn der Hypnotiseur verliert den Boden unter den Füßen und bekommt ihn kaum je wieder zu spüren. Davon erzählt Lars Kepler gleichzeitig vertrackt und hochgradig spannend; hat zudem einige tiefsinnige wie hinterhältige Pointen auf Lager, flirtet geschickt mit Populärkultur und gibt auch wahnwitziger Gewalt ihren Raum, ohne auf den bloßen vordergründigen, grafischen Effekt bedacht zu sein. Dass sich dazu die Vermeidung allzu bekannter Klischees skandinavischer (Kriminal)-Romane gesellt sowie der Mut auf einen eindeutigen und die Geschichte allein tragenden Sympathieträger zu verzichten nötigt Respekt ab.

Und macht Lust auf das, was noch folgen mag. Obwohl Erik Maria Bark logischerweise im Zentrum der Erzählung steht, dürfte mit Joona Linna ein überzeugender Seriencharakter geboren sein. Warten wir es gespannt aber gelassen ab.

Der Hypnotiseur

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