Winterkartoffelknödel

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Berlin: DAV, 2010, Seiten: 4, Übersetzt: Christian Tramitz

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Wolfgang Franßen
Herr, lass Hirn wachsen

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2010

Was für ein Leben könnte der Polizist Franz Eberhofer führen, wenn der Papa nicht die Beatles hören, die Oma nicht halbtaub den Sonderangeboten bei Deichmann nachjagen würde, wenn Bruder Leopold nicht die Rumänenschlampe Roxana am Hals hätte - ihres Zeichens die große Liebe und ein Busenwunder mit der Neigung, fremde Konten leer zu räumen – wenn es da nicht den Flötzinger, den Simmerl, den Schäferhund Gorbatschow gäbe?

Franz könnte jeden Abend neue Rekorde mit dem Ludwig aufstellen. Auch wenn er für eine Eins-siebzehn-Runde schon mal eins-fünfundzwanzig benötigt. Was weniger an dem Hund als am Herrchen liegt, der sich allzu leicht auf seinen Spaziergängen ablenken lässt. Nur leider bricht das Verbrechen selbst in die Idylle ein und überzieht "Niederkaltenkirchen" gleich mit einem Vierfachmord, der wie eine Anhäufung von Zufällen erscheint, so dass der Richter Moratschek nicht daran glauben mag.

Mit Rita Falks Erstling zieht der Ton Ludwig Thomas ins Genre des deutschen Kriminalromans ein. Er ist von bissigem Witz, ohne dem Zynismus zu verfallen, verzichtet auf jegliche Bloßstellung und findet eine ureigene Sprache, um von den Momenten am Rande zu erzählen, die das Leben ausmachen. Wer an ausgefeilten Plots, den perversen Abgründen der Psyche interessiert ist, ist bei Rita Falk falsch aufgehoben.

Bei dieser Autorin fühlt man sich schnell an die eigene verschrobene Familie erinnert, über deren Ticks man nie hat lachen können. Tolstois berühmter erster Satz aus Anna Karenina: "Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich." wird hier ad absurdum geführt. Sieht so verschroben wie im Winterkartoffelknödel nicht das Glück aus? Wenn wir trotz allem über die Nackenschläge schmunzeln können?

Wenn der Polizist Franz Eberhofer auf den Plattenspieler des kiffenden Vaters schießt, weil er die Beatles nicht mehr hören kann, die Oma vor dem Obi Franz Wagen von innen verriegelt und darin einschläft, so dass der arme Franz anschließend Stunden um den Wagen schleicht, weil die Oma nicht wach zu bekommen ist, wenn einem Fußballspieler einfach nicht beizubringen ist, dass er nach der Halbzeitpause und vollzogenem Seitenwechsel, Eigentore erzielt, wenn er die Richtung nicht wechselt, sind das Schicksalsschläge, die das deutsche Wesen bewegen.

Dabei kann man beileibe nicht behaupten, dass Rita Falk zimperlich ist, wenn es darum geht, Menschen ins Jenseits zu befördern. Da fällt dem einen Opfer ein Container auf den Kopf, erleidet ein Familienoberhaupt ein tödlicher Stromschlag, wird eine Mutter im Wald gleich zwangsaufgehängt, stirbt eine Familie wie die Fliegen aus, weil ihre Mitglieder sich nacheinander weigern, ein Grundstück zu verkaufen. Wer dem bayrischen Wesen eines Karl Valentins zugeneigt ist, wird den leicht anarchischen Humor der Autorin als pure Unterhaltung empfinden.

Rita Falk beschreibt das Leben mit jener Nachsicht, die skurrile Charaktere erst interessant machen. Sie alle entspringen der heilen Welt der Nachbarschaft, in der jeder jeden kennt und Geheimnisse nur solange unter der Decke bleiben, wie sie nicht von allgemeinem Interesse sind. Nicht selten mündet eine solche Einstellung in dem Spruch: Wenn keiner mehr über dich spricht, bist du tot.

Auch Franz Eberhofer birgt ein Geheimnis. Nachdem er Parksünder in München mit der Waffe bedroht hat, weil er es nicht verkraftet hat , dass sein ehemaliger Partner Rudi Birkenberger glaubte, in seiner Anwesenheit via Selbstjustiz einen Sexualstraftäter kastrieren zu müssen, wird Eberhofer in die Provinz strafversetzt. Um den Verkehr zu regeln, um Schülern über die Straße zu helfen. Und ausgerechnet so einer kommt an, und will einen Vierfachmord aufklären. Was nicht ganz ohne die Hilfe seines ehemaligen Kollegen Birkenberger geht, der nach absolvierter Haft inzwischen Kaufhausdetektiv ist.

Man kann das Leben tragisch sehen. Man kann auch davon wie Rita Falk es tut, spitzbübisch, augenzwinkernd, erzählen und es als eine Ansammlung von Augenblicken betrachten, in denen man sich kneifen muss um nicht zu verzweifeln. Ein amüsanter "Provinzkrimi", der zum Weiterlesen zwingt, auch wenn der Kriminalfall zu grob gestrickt erscheint.

Ein bissiges Vergnügen. Was selten im deutschen Krimiwesen ist.

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