Malefizkrott

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Argument, 2010, Seiten: 256, Originalsprache

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Dieter Paul Rudolph
Die Sache mit dem Kippschalter

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Aug 2010

Kriminalliteratur ist einfach gestrickt. Entweder muss man seinen Verstand ein- oder ausschalten, um sie genießen zu können. Wohl dem, der eine Art Kippschalter im Gehirn hat, mit dem sich der entsprechend benötigte Modus bequem einstellen lässt. Krimis, für die eine solche Vorrichtung vonnöten ist, sind auch meistens die interessanteren – aber problematisch ist das Ganze dennoch, wie sich an Christine Lehmanns Malefizkrott zeigt.

Lehmanns Serienheldin Lisa Nerz verschlägt es diesmal in die atemberaubende Welt des literarischen Betriebs. Die siebzehnjährige Lola Schrader hat ein Werk voller Sex und Gewalt veröffentlicht, der alljährliche Hype um ein literarisches Fräulein Wunder also, auch Plagiatsvorwürfe stehen schnell im Raum und ein ehrgeiziger Herr Papa zieht seine Publicityfäden. Das erinnert an den diesjährigen Trubel um Helene Hegemanns Axolotl Roadkill und soll es auch. Bei der ersten Lesung des neuen Fräulein Fatale sind auch Lisa Nerz und ihr Freund, Oberstaatsanwalt Richard Weber anwesend und müssen miterleben, wie die Buchhandlung abgefackelt wird. Da Lola Drohungen erhalten hat, steht für alle Beteiligten fest: Das Attentat richtete sich gegen die Jungautorin – oder ist Teil eines bösen Spiels um mediale Aufmerksamkeit. Dann erwischt es den Buchhändler, eine Kultperson mit dem schönen Namen Durs Ursprung, Lisa wird auserkoren, als Bodyguard auf Lola zu achten, weitere Anschläge und Morde folgen.

Und jetzt kommen wir zum Kippschalter. Schon die Eröffnungsszene mit der Lesung in Durs Ursprungs Buchhandlung ist mehr als dubios. Da entdeckt Weber "zufällig" ein Buch, das er selbst vor Jahrzehnten besessen hat. Einen verstaubten Schmöker aus dem 19. Jahrhundert, in den ein "terroristisches Manifest" aus den turbulenten Tagen der Achtundsechziger eingebunden ist. Eine unglückliche Liebesgeschichte ist zudem damit verknüpft, vor allem aber der Rückgriff auf die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg anlässlich des Schahbesuchs am 2. Juni 1967 und die Anfänge des RAF-Terrors. Die geübte Leserin, der misstrauische Leser ahnt sofort: Aha, das ist der Haupterzählstrang des Romans und wiegt bei so viel Zufall schon leicht den Kopf.

Doch damit nicht genug. Zufälle und Ungereimtheiten geben sich von nun an das Staffelholz der Story in die Hände. Dass ausgerechnet Lisa Nerz dazu auserkoren wird, Lola Schrader zu beschützen, ist unlogisch. Arbeitet die Nerz neuerdings als Detektivin? Wir kennen sie eher als Journalistin, aber was solls. Spätestens, wenn es dem Finale zutreibt und aus dem Namen des Buchhändlers ein sprechender Name wird ("Ursprung"), tut man gut daran, den Kippschalter umzulegen und das logisch getaktete Hirn auszuschalten. Denn einmal abgesehen von der schreienden Unlogik und dem Bemühen allererstaunlichster Zufälle ist Malefizkrott natürlich ein spannender Krimi. Christine Lehmann kann schreiben, ihre Beobachtungen sind pointiert und mit hübschen Sottisen durchsetzt, das macht ihr hierzulande kaum jemand nach. Zudem ist der Roman hochaktuell, selbst die gewalttätigen Unruhen um "Stuttgart 21" sind bereits verarbeitet. Man hat schon das Gefühl, Malefizkrott sei mit heißer Nadel gestrickt worden und habe das Lektorat nur kurz von innen gesehen (der "deutsche Herbst" war denn auch nicht 1978, sondern 1977). Aber auch das geht in Ordnung.

Nun ist es aber so: Irgendwann legt man den Kippschalter doch wieder um und beginnt mit dem Denken. Was für einen Roman hat Christine Lehmann hier eigentlich vorgelegt? Einen, auch das fällt auf, in dem fast jedes der Vorgängerbücher um Lisa Nerz erwähnt wird. Einen, der überhaupt sehr viel mit Literatur und Illusion, mit Geschichtsklitterung und subjektiven Sichtweisen zu tun hat. Einen auch, dessen Finale während der Frankfurter Buchmesse 2010 stattfindet. Lisa Nerz jagt den Mörder durch die Bücherflure und stolpert geradezu über den Stand eines kleineren, dafür aber umso feineren Verlags. Sie kommt mit der Verlegerin ins Gespräch, einer gewissen "Else", erzählt ihr einiges und wird quasi vom Fleck weg als Krimiautorin engagiert. Der Verlag heißt natürlich Ariadne, Else trägt den Nachnamen Laudan, nur eins stimmt nicht: Im wirklichen Leben war Ariadne überhaupt nicht auf der Buchmesse 2010.

Das ist also merkwürdig. Malefizkrott ist nicht einfach ein Krimi, der sich krampfhaft um "Logik" bemüht. Er ist eine Zusammenfassung all dessen, was "den literarischen Betrieb", auch in seinem Krimisegment, ausmacht. Ein mühseliges Verfertigen von Illusion aus Wirklichkeit, bei dem die Täuschung (Zufälle und andere Hilfsmittel) allgegenwärtig ist. So könnte man das – Kippschalter auf "Denken" – sehen, muss man aber nicht. Man kann dieses Buch – pfeif auf die Logik! – auch einfach nur so lesen und sich an der Erzähltechnik Christine Lehmanns erfreuen. Kein ungelenker Satz, bei dem man die deutsche Sprache vor Schmerz schreien hört, keine biedere Küchenpsychologie, dazu die androgyne Heldin Lisa Nerz, die auch sexuell auf ihre doppelten Kosten kommt. Ist allemal mehr, als man von deutschen Gegenwartskrimis sonst erwarten darf.

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