Mit Teufelsg´walt

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: ariadne, 2009, Seiten: 285, Originalsprache

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Peter Kümmel
Von vorne bis hinten nicht stimmig

Buch-Rezension von Peter Kümmel Okt 2009

Lisa Nerz, Schwabenreporterin, wird morgens um kurz nach sechs von großem Geschrei aus der Wohnung über ihr aus dem Schlaf gerissen. Eine Tatsache, die ihr absolut nicht behagt und deren Auswirkung die Verursacher zu spüren bekommen sollten. In der oberen Wohnung wohnt die arbeitslose Frau Habergeiß, die eine Tochter im Teenageralter sowie einen kleineren Sohn zu erziehen hat, jedoch des öfteren ihre Probleme im Alkohol ertränkt und den Tag verschläft, so dass die Kinder auf sich allein gestellt sind. Wie sich herausstellt, befinden sich nun in dieser Wohnung drei Damen vom Jugendamt in der Absicht, den kleinen Tobi mitzunehmen, wogegen sich dessen Schwester Katarina handgreiflich zur Wehr setzt. Dieses Mal können die Damen vonm Jugendamt noch an ihrem Vorhaben gehindert werden, doch rechtlich ist schwerlich etwas gegen den Beschluss zu machen.

Wenig später lernt Lisa die Familienrichterin Sonja Depper kennen, die sich in Begleitung von Lisas Freund, dem Staatsanwalt Richard Weber, befindet. Frau Depper ist (zufällig) verantwortlich für die Maßnahme des Jugendamtes, den kleinen Tobi in Gewahrsam zu nehmen. Und wie sich später herausstellt, ist Frau Depper auch zuständig für eine ganze Anzahl weiterer Entscheidungen in Sachen Inobhutnahme, die Lisa nicht nachvollziehen kann.

Am nächsten Tag überstürzen sich die Ereignisse: Lisa wird von Richard benachrichtigt, der gerade einen Anruf von Sonja Depper erhalten hat. Sie habe eine Dummheit begangen und warte im Wald vor Stuttgart auf ihn. Er bittet Lisa, ihn zu begleiten. Auf dem Weg wird Lisa im Treppenhaus von Katarina abgefangen, die total aufgelöst berichtet, Tobi sei auf dem Schulweg abgeholt worden. Lisa verspricht, sich darum zu kümmern, doch zunächst muss Sonja Depper gesucht werden. Richard und Lisa finden die Richterin schließlich tot im Wald auf, stranguliert von ihrem eigenen Schal. Und unter der Toten liegt ein Baby...

Brisantes Thema zu einseitig dargestellt

Die Machenschaften des Jugendamtes - mal ein ganz neues Thema in deutschen Kriminalromanen. Die Autorin liefert dazu interessante rechtliche Fakten, die - sofern die Informationen korrekt sind - zumindest diskussionswürdig sind und in Teilen nach gesundem Menschenverstand unserem Rechtsstaat konträr gegenüber stehen. Denn, so die vorgelegten Tatsachen, die Entscheidungen des Jugendamtes werden zumeist von den Gerichten mitgetragen und das Jugendamt kann einer richterlichen Anordnung widersprechen. Es muss ein Kind auch dann nicht herausgeben, wenn das Gericht so entscheidet. Diese Fakten bilden eine gute Grundlage, das Thema in der Krimihandlung näher zu beleuchten. Leider tut dies die Autorin allzu einseitig und stellt die Jugendämter als die Bösen hin, verkörpert von Klischeefigur Annemarie Hellwart, einer grauhaarigen Frau in "naturtrüber Kleidung biologischer Weltanschauung", die sich niemals zu Kindern hinunterbeugt.

Mit Christine Lehmanns Sprache hatte ich ab und an so meine kleinen Probleme. Da wird gekrustelt, geschubbelt und herumgebubelt. Worte, die ich noch nie gehört habe, die vermutlich aus dem schwäbischen kommen. Dies ist, falls es so sein sollte, leider das einzige, was eine schwäbische Atmosphäre in die Handlung bringt. Ansonsten hätte sich das Geschehen auch überall sonst abspielen können.

Lisa Nerz, eine "Scheußlichkeit in Parka, Springerstiefeln, Jeans und kurzem Karorock darüber" - als ich diese Beschreibung auf Seite 86 las, war in meinem Kopf bereits ein ziemlich anderes Bild der Reporterin entstanden. Vermutlich der Hauptgrund dafür, das dieser Charakter nie die Chance hatte, sich beim Lesen in meinen Gehirnwindungen zu manifestieren. Lisa Nerz blieb bis zum Ende der Lektüre für mich ein Fremdkörper, eine Protagonistin, die nie die Chance hatte, wirklich Sympathien zu erlangen. Wenn man einer Mutter, die zwei Kinder durch plötzlichen Kindstod verloren hat und für eine Adoption zu alt ist, sagt: "Dann gehen Sie doch ebayen", trägt dies zudem auch nicht dazu bei, die Frau zu mögen. Dazu ihr Freund - Lebensgefährte dürfte angesichts der lockeren Beziehung der falsche Ausdruck sein - Richard Weber, Staatsanwalt, mit "Kamelhaarmantel über Schlips und Kragen", diese Beziehung passt nicht.

Der Staatsanwalt, der ein Baby beim Mordopfer findet und sich fortan damit belastet, den Säugling quasi an sich gekettet zu bemuttern, während er seiner Arbeit nachgeht - das passt überhaupt nicht. Und dass sich keine der Behörden für das bei der Toten gefundene Kind wirklich interessiert? Schon sehr merkwürdig. Überhaupt scheint von offizieller Seite kaum im Fall Depper ermittelt zu werden. Unfall oder Fremdverschulden? Das bleibt lange unklar.

Im ganzen Buch finden sich weitere kleinere Unstimmigkeiten, die man an sich in einem Kriminalroman vernachlässigen könnte, würden sie nicht so gut zu den größeren passen. Hier soll jetzt keine Aufzählung erfolgen, man kann beim Lesen selber mühelos fündig werden. Das beginnt bereits auf der ersten Seite, als die Damen vom Jugendamt die Tür offen stehen lassen, damit Lisa Nerz mühelos hineinstürmen kann.

Nun ja, ich war trotz dieser Haken drauf und dran, dem Buch aufgrund des ansonsten ordentlichen Plots eine mittelmäßige Krimihandlung zuzubilligen, bis es zur Auflösung kam. Diese war leider absolut daneben, unglaubhaft und lächerlich. "Überraschende Wendungen" werden bei Krimis gerne hervorgehoben, manchmal kann es jedoch auch, so wie hier, eine zuviel sein.

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