Unter Verschluss

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • New York: Dutton, 1999, Titel: 'The Quiet Game', Seiten: 433, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2001, Seiten: 669, Übersetzt: Bianca Güth

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Peter Kümmel
Wie Grisham in seinen besten Zeiten

Buch-Rezension von Peter Kümmel Okt 2003

Neben mir auf dem Autositz liegt - noch unbesehen - Greg Iles' Thriller "Unter Verschluss". Ich fahre durch die Waschanlage und habe bereits die ersten fünf Seiten verschlungen. Zum Glück steht das Wochenende an. Ich rate dringend davon ab, ein Buch von Greg Iles zu beginnen, wenn man wichtige Dinge zu tun hat.

Mit einfachsten Mitteln schafft es der Autor wie kein anderer, von Anfang an Spannung zu erzeugen, obgleich die Handlung noch träge dahinfließt:

 

"Irgendetwas in der Stimme meiner Mutter lässt eine Alarmglocke in mir klingeln. Ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber ich höre es zwischen ihren Worten heraus, so wie fast jeder bemerkt, wenn innerhalb der Familie irgendetwas nicht stimmt."

 

Natürlich muß man danach wieder zwei Kapitel warten, bis man den nächsten Brocken hingeworfen bekommt, doch hindert einen eine fremde Macht daran, das Buch während dieser zwei Kpitel beiseite zu legen. Auf diese Weise schafft es Iles, den Leser auch weit über 600 Seiten lang bei der Stange zu halten, ohne daß zu irgendeinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt.

Um nichts von dieser Spannung vorwegzunehmen, will ich auch nicht allzu viele Worte zum Inhalt verlieren. Zentrales Thema ist ein Verbrechen, das bereits 30 Jahre zurückliegt.

Der bekannte ehemalige Staatsanwalt und jetzige Autor von Justiz-Thrillern Penn Cage, der auch als Erzähler des Buches fungiert, steht nach dem Krebstod seiner Frau an einem Scheideweg seines Lebens. Da er alleine für seine 4-jährige Tochter Annie sorgen muß, gibt er sein großes Haus in Houston auf und zieht vorläufig zu seinen Eltern in seine Heimatstadt Natchez in Mississippi.

Und hier wird für den Iles-Kenner wieder einiges bekannt. Auch dem Protagonisten und Erzähler seines Vorgänger-Romans "@E.R.O.S." verlieh der Autor viele autobiographische Züge. Beide Hauptfiguren stammen wie Iles selbst aus Natchez und haben einen Arzt zum Vater, hier sogar näher beschrieben, dass der Vater in Deutschland arbeitete wie auch in Iles' Biografie nachzulesen ist. Und so verwundert es auch nicht, dass man in Cages Elternhaus das Haus aus "@E.R.O.S." wiederzuerkennen glaubt. Die Ähnlichkeiten sind mehr als frappant.

Wie könnte es bei Romanen, die im Staat Mississippi spielen, anders sein, stehen natürlich Rassenkonflikte im Vordergrund. Obwohl der Autor weit ausholt und außer Ku-Klux-Klan sowohl FBI als auch Politik bis hin zu den Präsidentschaftswahlen ins Spiel bringt, kratzt er dennoch nur an der Oberfläche. Bekannte Persönlichkeiten wie Richard Nixon und Edgar Hoover kriegen ihr Fett ab, doch Klischees und altbekannte Ansichten überwiegen.

Mit seiner bewährten Salami-Taktik führt der Autor den Leser durch die Handlung. Scheibchen für Scheibchen gibt er Informationen frei, um die Fakten immer mehr zu Verknüpfen. Dabei lässt er dem Leser genügend Zeit, um eigene Schlüsse zu ziehen, lockt ihn dabei mitunter auch auf falsche Fährten, um dann plötzlich wieder ein Indiz ins Spiel zu bringen, das der Leser vielleicht schon wieder verdrängt hat. Und am Schluß wird dann auch wieder eine der typischen amerikanischen Geschworenenverhandlungen mit Kreuzverhör und Einsprüchen geboten.

Man kennt Iles' Figuren. Ein auf die Stirn genageltes Schild beschrieben mit "Gut" und "Böse" könnte sie nicht deutlicher darstellen. Er nimmt sich für jede Person Zeit, doch trotz guter Visualisierung bleiben die Charaktere in ihren Schienen festgefahren. Und so manches Mal drückt der Autor beim Leser so sehr auf die Tränendrüse, dass die Handlung in Kitsch abzugleiten droht.

"Unter Verschluss" ist vergleichbar mit den frühen Werken von John Grisham aus dessen Glanzzeit. Wer Grishams "Die Jury" mag, wird von "Unter Verschluss" begeistert sein. Trotz fast 700 Seiten bleibt die Erzähldichte von Anfang bis Ende bestehen und keine Seite ist zuviel. An Iles' "@E.R.O.S" jedoch reicht der Thriller nicht ganz heran.

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