Blackmail

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • New York: Scribner, 2005, Titel: 'Turning Angel', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: Kluckert, Tobias
  • Köln: Bastei Lübbe, 2011, Seiten: 621

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Wolfgang Weninger
Sex und Crime, Arm und Reich, Schwarz und Weiß

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Dez 2007

Natchez, Mississippi, knappe 18.000 Einwohner, etwas weniger als die Hälfte gutbürgerliche Weiße, etwas mehr als die Hälfte weniger bürgerliche Farbige. Und genau dort hat der Autor Greg Iles seinen Wohnsitz, und genau dort lässt er auch den Anwalt Penn Cage zur Ehrenrettung seines besten Freundes, des Arztes Drew Elliott, in "Turning Angel" antreten, dass im Bastei Lübbe Verlag in der Übersetzung von Axel Merz zu Black Mail eingedeutscht wurde.

In der St. Stephen´s School, einer Privatschule für begüterte Weiße, die allerdings auch gelegentlich wegen der Political Correctness den einen oder anderen Afroamerikaner mit besonders guten Noten mitschleppt, sitzen im Vorstand lauter ältere Damen und Herren, die offensichtlich besonders gut mit ihren Scheuklappen leben, denn sie ignorieren geflissentlich alle Untugenden, die in den Gängen und Klassenzimmern einer Schule auftreten können. Aber diesmal wird es ernst für den Schulrat, denn (mindestens) einer ihrer Honoratioren hat Dreck am Stecken. Sein Name ist Doktor Drew Elliott und er ist mit Penn Cage seit Kindergartentagen befreundet.

Der allseits geschätzte Arzt hat sich mit dem minderjährigen Babysitter seiner Tochter vergnügt. Und nicht nur das. Der von der Midlife Crisis geschüttelte Akademiker, dessen Frau medikamentensüchtig ist, entbrannte in heißer Liebe zu der bildhübschen Siebzehnjährigen und möchte mit ihr in einer anderen Stadt ein neues Leben beginnen. Doch der Tod macht ihm einen Strich durch die Rechnung, denn Kate Townsend, das hübscheste Mädchen der ganzen Stadt, wird brutal vergewaltigt, erschlagen, erwürgt und in den Mississippi geworfen.

Natchez steht vor den Nominierungen zur Wahl des neuen Bürgermeisters. Im Sog der hoffentlich siegreichen Kandidaten, zu denen sich auch Penn Cage gesellen will, hoffen auch die höheren Beamten der Exekutive auf einen Aufstieg in die neu zu bestellenden Planposten und so legen sich Polizei und Staatsanwaltschaft ordentlich bei der Aufklärung des Verbrechens in die Riemen, ohne dabei jedoch in die selbe Richtung zu rudern. Schnell wird somit auch Dr. Elliott dingfest gemacht, dessen Spermaspuren eindeutig auf sexuellen Kontakt kurz vor dem gewaltsamen Ableben hindeuten könnten, und als Hauptverdächtiger landet er prompt im Untersuchungsgefängnis, ohne Aussicht auf Kaution entlassen zu werden. Penn Cage, der eigentlich wegen Befangenheit die Verteidigung seines Freundes nicht übernehmen will, organisiert einen hochqualifizierten Rechtsverdreher, kümmert sich aber im weiteren Verlauf der Handlung, gemeinsam mit einer Schulkollegin der Ermordeten, um die Beschaffung von Beweisen, die seinen Freund entlasten sollten.

Denn Kate Townsend war alles Andere als ein Kind von Traurigkeit. Umfassende sexuelle Praktiken mit Drogendealern, Schülern und jedem anderen potenten Kerl scheinen bei ihr an der Tagesordnung gewesen zu sein. Mia Burke, die bei Penn Cage die Tochter hütet, weiß mit Sicherheit mehr über Liebesleben und Leidenschaften der heutigen Schuljugend und gemeinsam mit dem Anwalt, in den sie natürlich total verliebt ist, geht sie auf die Jagd nach dem wirklichen Mörder ...

Selbst für einen amerikanischen Thriller ist die Ansammlung an Vorurteilen und Plattitüden, die hier die sechshundert Seiten füllen, mehr als nur umfassend. Was Greg Iles hier dem amerikanischen Leser an Sex und Crime bietet, reicht vom körperlichen Kontakt mit Minderjährigen bis zum Analverkehr, von der alles überschwemmenden Drogenszene an einer reichen Privatschule bis zum peinlichen Lobbyismus und verstecktem Rassismus in amerikanischen Wahlkämpfen. Bei so vielen brisanten Ansätzen zu einer Story, die der Autor in Black Mail eingebaut hat, müsste eigentlich für jeden Leser etwas dabei sein, oder es wird daraus ein Schrotthaufen von verkaufswirksamen Werbestrategien.

Greg Iles schafft die Gratwanderung, in dieser Geschichte trotz haarsträubenden Szenarios einen durchgehenden Handlungsstrang zu knüpfen, der zwar nicht für hochgeistige Literatur sorgt, aber gelungene und spannende Lesemomente bietet. Auf Grund der flüssigen Sprache und des sehr ordentlich durchorganisierten Ablaufs baut sich die Spannung stetig auf und lässt durch einige unerwartete Wendungen auch nicht nach. Wer leichte amerikanische Kost mag, die thematisch knapp über dem Anspruch eines Schulmädchenreports liegt, wem es egal ist, ob hier Arm und Reich und Schwarz und Weiß so ziemlich dasselbe sind, wen amerikanisches Wahlsystem und Korruption nicht am Einschlafen hindern, dem kann man Black Mail vorbehaltslos empfehlen. Das ist anspruchslose Unterhaltung pur, wenn man nicht über die Kulissen nachdenkt.

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