Die Toten von Natchez

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Aufbau, 2017, Seiten: 1006
  • New York: William Morrow, 2015, Titel: 'The Bone Tree', Originalsprache
  • Berlin: Rütten & Loening, 2016, Seiten: 1008, Übersetzt: Ulrike Seeberger

Couch-Wertung:

78°
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Jürgen Priester
Semifinale unterm Knochenbaum

Buch-Rezension von Jürgen Priester Feb 2016

Wer auf dicke Wälzer steht, der ist zur Zeit beim amerikanischen Südstaaten-Autor Greg Iles gut aufgehoben. Mit jeweils 1000 Seiten stellen Band eins und zwei der "Natchez-Burning-Trilogie" eine echte Herausforderung dar. Und es ist anzunehmen, dass das noch unveröffentlichte "Unwritten Laws" ähnlichen Kalibers sein wird. Die bisherigen 2000 Seiten beschreiben einen sehr kurzen Zeitraum, eine Woche im Leben von Penn Cage, Bürgermeister der Kleinstadt Natchez, Mississippi. Wenn dieser Name fällt, muss man sich daran erinnern, dass genannte Trilogie im Kontext der Penn-Cage-Reihe zu sehen ist, die der Autor 1999 begann.

"A Quiet Game" (bei uns Unter Verschluss, 2001) hieß der Auftaktroman der Reihe. Es folgten in 2005 "Turning Angel" (Blackmail, 2007) und in 2009 "The Devil´s Punchbowl" (Adrenalin, 2011). Die für eine Reihe doch recht großen zeitlichen Abstände zwischen den Folgen und die Vielzahl der Einzelromane, die der Autor in jenen Jahren zwischenzeitlich veröffentlichte, lassen vermuten, dass Iles seinen Penn-Cage-Romanen keine besondere Aufmerksamkeit zukommen ließ. Das kann insofern verwundern, da der Autor doch über seine Heimatstadt Natchez schreibt und die Figur des Penn Cage durchaus auto(r)biographische Züge erkennen lässt.

Greg Iles ist nie der herausragende Schriftsteller gewesen, doch seine passablen bis guten Mainstream-Thriller verkauften sich, besonders in den USA, sehr gut. Welche Faktoren eine Rolle spielten, lässt sich im Nachhinein nicht sagen, aber Gerg Iles' Romane wurden immer schlechter. Der Tiefpunkt wurde 2009 mit 12 Stunden Angst erreicht. KC-Rezensent Wolfgang Weninger schrieb dazu unter der Überschrift: "Hirnlose Zeitverschwendung"

 

"Nach dem ziemlich mittelmäßigen Vorgänger Leises Gift war die Erwartungshaltung nicht sonderlich hoch, denn wenn ein Autor jedes Jahr einen Thriller aus dem Ärmel schüttelt, bleibt dabei zumeist die Qualität auf der Strecke."

 

In der Folgezeit war es dann auch still um Greg Iles. Das hatte aber einen anderen Grund. Der Autor erlitt 2011 einen schweren Autounfall und war lange Zeit schachmatt gesetzt. Umso bemerkenswerter dann sein Comeback im Jahr 2014 mit Natchez Burning. KC-Kollege Michael Drewniok hat diesen Wie-Phönix-aus-der-Asche-Auftritt in seiner Rezension gebührend gewürdigt und mit einer 95°-Wertung die Messlatte extrem hochgelegt. Seine abschließend indirekt formulierte Frage, ob die Fortsetzung Die Toten von Natchez ("The Bone Tree", 2015) das Niveau von Natchez Burning halten kann, soll im Folgenden beantwortet werden.

Die Handlung von Natchez Burning endete mit einem feuersbrünstigen Showdown; die Fortsetzung setzt gerade einmal eine Viertelstunde später ein. Man kann von einem nahtlosen Übergang sprechen. An dieser Stelle ist der Hinweis an potenzielle Leser naheliegend, aus Verständnisgründen zuerst Teil eins zu lesen. Das kann man machen, muss man aber nicht. Der Autor hat dem Umstand, dass viele Leser hier einfach unvorbereitet einsteigen, Rechnung getragen, indem er die entscheidenden Ereignisse und Entwicklungen Revue passieren lässt. Dazu bedient er sich eines Prologs, in dem ein FBI-Agent den Stand der Dinge zusammenfasst. Da das aber noch nicht reicht, werden im Lauf des Geschehens weitere Details aus der Vergangenheit eingestreut. Für den Neueinsteiger ist das notwendig und hilfreich, leider führt es dazu, dass die vielen Handlungsstränge nur schleppend vorankommen. Ist der Nachholbedarf des Neueinsteigers erst einmal befriedigt, treten die Langatmigkeit des Plots und mangelnde Spannung zum Vorschein, da selbst die Kontrahenten ob der vielen Scharmützel ermüdet zu sein scheinen.

Bei einem Roman epischen Ausmaßes ist es müßig, auf einzelne Details einzugehen. Kurz zusammengefasst geht es in der Natchez-Trilogie um die Auseinandersetzung zweier verfeindeter Parteien, die durch zwei Familien repräsentiert werden. Penn Cage mit seinen Eltern, Tochter, Verlobter und einigen Freunden und Bekannten treten für die Guten an. Auf der anderen Seite steht die Familie Knox, die den harten Kern einer rassistischen Verbrecherbande namens "Die Doppeladler" bildet. Die Feindschaft beider Gruppen lässt sich bis in die 1960er Jahre zurückverfolgen, als Tom Cage (Penns Vater) als junger Arzt einem Mafia-Boss näher stand, als es schicklich war. Im Schatten des Organisierten Verbrechens waren damals auch besagte "Doppeladler" aktiv, denen Morde, Vergewaltigungen, Raubüberfälle und Folterungen angelastet wurden, ohne dass es zu Verurteilungen kam. Der an den Verbrechen unbeteiligte, aber mit dem Wissen über die Gräueltaten belastete Tom war zum Stillschweigen verurteilt, weil er das Leben einer ihm nahestehenden Zeugin schützen wollte. Jetzt in der Gegenwart, 40 Jahre später, taucht die Zeugin aus ihrem Unterschlupf bei Tom Cage in Natchez auf. Die Doppeladler müssen nun fürchten, auf ihre alten Tage doch noch zur Rechenschaft gezogen zu werden. Beweise ihrer Schuld sollen am legendären "Knochenbaum", einer uralten Zypresse inmitten eines undurchdringlichen Sumpfes, zu finden sein.

Romane diesen Umfangs erfordern das, was die meisten von uns kaum noch haben, nämlich: Zeit. Die Toten von Natchez empfiehlt sich deshalb als Urlaubslektüre oder für einen anderen Zeitrahmen, in dem man kontinuierlich lesen kann. Das zahlreiche Personal und die vielen Handlungsstränge verlangen schon eine stetige Aufmerksamkeit, sonst läuft man Gefahr, einen Faden zu verlieren. Und gerade diese Vielschichtigkeit macht den großen Unterhaltungswert des Romans aus. Auch wenn Greg Iles auf viele Spannungselemente des Thrillers zurückgreift, kann man schon allein wegen des Volumens nicht von einem Thriller sprechen. Iles selbst wird wohl eher den Großen Amerikanischen Roman, von dem jeder amerikanische Schriftsteller träumt, vor Augen gehabt haben, denn er ist zwanghaft bemüht, seinem Roman eine historische Komponente, in der es um die Ermordung des amerikanischen Präsidenten Kennedy im Jahre 1963 geht, zu geben. Zu den Schüssen auf Kennedy in Dallas, Texas, gibt es ja verschiedenste Verschwörungstheorien u.a.die, dass die Mafia dahintersteckte. Eben diese hat Iles aufgegriffen, recht plausibel vorgestellt und ganz geschickt mit seiner fiktiven Handlung verbunden, doch die Nebenhandlung wirkt wie ein Fremdkörper.

Wer aus welchen Gründen auch immer ein Faible für die amerikanischen Südstaaten hat und deren teilweise opulente Literatur zu schätzen weiß, dürfte an der "Natchez-Trilogie" Gefallen finden. Iles' Opus mit den großen Gefühlen und den dramatischen Familiengeheimnissen steht eher in der Tradition einer Margaret Mitchell oder einer Alexandra Ripley, auch wenn deren Romane im 19. Jahrhundert spielen. In den ländlichen Gebieten der USA ist die Zeit eh stehengeblieben und Menschen verhalten sich so archaisch wie vor 150 Jahren.

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