Der Winter des Commissario Ricciardi

  • Suhrkamp
  • Erschienen: Januar 2009
  • Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009, Seiten: 246, Übersetzt: Carla Juergens
  • Rom: Fandango, 2007, Titel: 'Il senso del dolore: l´inverno del commissario Ricciardi', Seiten: 247, Originalsprache
Der Winter des Commissario Ricciardi
Der Winter des Commissario Ricciardi
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Jörg Kijanski
75°

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2009

Commissario Ricciardi hat das Potenzial zum Serienhelden

Der Debütroman von Maurizio de Giovanni lebt in erster Linie von seinem Protagonisten. Commissario Luigi Alfredo Ricciardi ist der klassische Einzelgänger, dem die Kollegen nicht vertrauen und der sich seinen Vorgesetzten nicht unterordnen will. Früh verlor Ricciardi seine Eltern und verheimlicht seither seine adelige Herkunft und das damit verbundene große Vermögen, das ihm eigentlich ein Leben ohne jedwede Arbeit ermöglichen würde. Doch wir schreiben das Jahr 1931, Neapel ist wie ganz Italien in der Hand der Faschisten unter deren großem Führer, dem Duce. Da outet man sich nicht mal eben als reicher Aristokrat, zumal wenn jemand wie Ricciardi ohnehin nur eines im Leben kennt, nämlich seine Arbeit als Polizist.

Ricciardi verfügt über eine ungewöhnliche Gabe, die es ihm ermöglicht, die letzten Gedanken jener Toten im Moment ihres Sterbens zu hören, die durch Gewalteinwirkung umkamen. So führt ihn sein aktueller Fall geradewegs in das Königliche Theater San Carlo, in dem der berühmte Opernsänger Arnaldo Vezzi ermordet in seiner Garderobe aufgefunden wird. Vezzis letzte Gedanken bei seiner Ermordung galten einer Liedzeile aus einer Oper, doch deren Sinn erschließt sich Ricciardi zunächst nicht. Vielleicht auch deshalb, weil der Einzelgänger keine Hobbies und keine Freunde hat, mit denen er sich über die Musik oder andere Themen unterhalten könnte. Wie schon erwähnt, lebt er nur für seinen Beruf und einer mittäglichen Portion Sfogliatella, mal abgesehen von einer rein platonischen Beziehung zu seiner Nachbarin, die er heimlich abends bei ihrer Hausarbeit beobachtet.

Der Fall des ermordeten Vezzi erfordert Ricciardis vollen Einsatz, denn sein Vorgesetzter Garzo verlangt nach einer schnellen Aufklärung des Verbrechens. Aber halt, laut offizieller Anordnung gibt es im faschistischen Italien ja gar keine Verbrechen. Diese sind per Gesetz verboten. Nun hält sich dummerweise nicht jeder Mensch an die bestehende Rechtslage und so befindet sich Vezzi nun eben doch mit durchschnittener Kehle in seiner Garderobe. Nicht nur Garzo will eine rasche Aufklärung, sogar Rom drängt auf zügige Ermittlungen, denn Vezzi war der Lieblingstenor  Mussolinis. Aber wer hatte überhaupt ein Motiv? Ricciari wird schnell das Ausmaß des Falles bewusst, denn alle die je mit Vezzi zu tun hatten kommen als Täter in Frage. Der Startenor war arrogant und selbstverliebt, nahm sich bevorzugt Frauen anderer Männer als Geliebte. Für die Außenwelt ein Superstar mit göttlicher Stimme, in seinem Umfeld ein gehasster Egozentriker.

Ricciardi und sein einziger Freund, Brigadieri Raffaele Maione, müssen sich zunächst in der geheimnisvollen Welt der Oper zu Recht finden und stellen bald fest, dass sich hinter bunten Verkleidungen manche Abgründe verbergen…

Ricciardi hat das Potential zum Serienhelden, wenngleich es eigenbrötlerische Ermittler ja schon zur Genüge gibt. Aber dieser nur von seiner Arbeit besessene Ermittler, der dank seiner Gabe selbst die undurchsichtigsten Fälle löst, ist selten sympathisch. Zweifelnd und mit seiner eigenen Situation oftmals im Unreinen kann er dennoch nur seinen ihm vorbestimmten Weg gehen, um so den Toten in der Welt der Lebenden ihre letzte Ruhe geben zu können. Hört sich etwas abgehoben an, aber dass ein Krimi der bei Suhrkamp erscheint etwas Außergewöhnliches beinhalten muss, war ja irgendwie klar. Oder ist Ihnen der renommierte Suhrkamp-Verlag bislang als Spezialist für Kriminalromane aufgefallen?

Der Protagonist überzeugt, der Spannungsbogen ist ordentlich und die Atmosphäre in der Welt der Oper wird gelungen wieder gegeben. Als Minuspunkt ist anzumerken, dass man leider an nahezu keiner Stelle merkt, dass der Roman 1931 spielt. Vor dem Hintergrund der Herrschaft Mussolinis hätte man hier wenigstens ein bisschen über das Alltagsleben in Zeiten des Faschismus erfahren müssen. Daher Punktabzüge.

Der Winter des Commissario Ricciardi

, Suhrkamp

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