Der Kinderfänger

Erschienen: Januar 1996

Bibliographische Angaben

  • London: Viking, 1992, Titel: 'Off minor', Seiten: 260, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1996, Titel: 'Vermisst', Seiten: 350, Übersetzt: Bernhard Schmid
  • München: dtv, 2010, Seiten: 350, Übersetzt: Mechthild Sandberg-Ciletti

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Thomas Kürten
Behutsame Annäherung an ein furchtbares Verbrechen

Buch-Rezension von Thomas Kürten Mai 2009

Gewaltverbrechen an Kindern gehören zu dem grausamsten Vergehen überhaupt. Ein gefährliches Unterfangen für einen Autor, dies in einen Krimi und somit vordergründig einen Unterhaltungsroman zu packen. Der Engländer hat dies 1991 gewagt und sich mit dem Kinderfänger (Originaltitel: Off Minor) vorsichtig an dieses Thema gewagt.

Vorsichtig, weil er zunächst nur beschreibt, wie die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden wird. Das Mädchen galt zuvor mehrere Monate als vermisst. Auf das Verbrechen selber und die Ermittlungen der Polizei geht der Autor zunächst nur sehr beiläufig ein. Dann jedoch verschwindet ein weiteres kleines Mädchen und die Einheit um Detective Charlie Resnick beginnt wieder fieberhaft mit den Ermittlungen.

Keine Spuren, wenig Verdächtige

Doch die Suche gestaltet sich schwer. Niemand hat beobachtet, wie die kleine Emily Morrison aus dem Garten ihres Elternhauses entführt wurde. Nur ganz wenige Beobachtungen von Nachbarn geben Anhaltspunkte bei der Suche nach Zeugen oder Verdächtigen: ein unbekanntes Auto, ein Jogger, mehr nicht. Der junge Raymond, der die Leiche des ersten Opfers fand, scheint aufgrund seines aufbrausenden Charakters potenziell zur Gewalt zu neigen, doch er hat ein wasserfestes Alibi, war zur Tatzeit arbeiten. Wer sonst hätte die Gelegenheit gehabt?

Harvey präsentiert im weiteren Fortgang der Handlung insgesamt vier Verdächtige. Bemerkenswert: keiner von ihnen ist unschuldig bzw. handelt moralisch einwandfrei. Jeder von ihnen hat irgendwelchen Dreck am Stecken. Bis zum Schluss bleibt offen, wer von ihnen der Kinderfänger ist und ob die kleine Emily noch gerettet werden kann.

Der Autor präsentiert ein Wechselbad der Gefühle: die Verzweiflung der Eltern versteht er immer wieder mit den Emotionen der Detectives um Resnick zu vermischen. Und auch hier geben sich Licht- und Schattenseiten ein Stelldichein. Vom verlassenen Ehemann zum ersten Rendezvous und wieder zurück. Alles ein bisschen kurz und knapp gehalten, nicht so, dass beim Leser eine engere Bindung oder gar Identifikation entstehen könnte. Das Gerücht jedoch, das auch Polizisten ab und zu mal ein geordnetes Privatleben im Rahmen ihrer Familie haben, bleibt wenigstens standhaft ein Gerücht.

Mitunter wirkt die Geschichte sehr sprunghaft erzählt. Innerhalb eines Kapitels wird schon mal mehrfach die Szene gewechselt, sei es um lediglich in 5 Zeilen zu beschreiben, wie zwei Eheleute beim Frühstück die Zeitung lesen. Auch hier wirkt der Roman noch ein wenig unausgereift.

Ja, der Kinderfänger hat deutliche Stärken. Bis zum Ende bleibt er spannend, bietet mal hier, mal dort eine schöne falsche Fährte. Verzweiflung, Verbitterung, Leere. All das fängt Harvey gut ein. Beim Beiwerk ist der Eindruck jedoch eher zwiegespalten. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Aber insgesamt doch ein sehr gefälliger Krimi.

Der Kinderfänger

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