Tiefer Schnitt

Erschienen: Januar 1994

Bibliographische Angaben

  • New York: Holt, 1991, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1994, Seiten: 346, Übersetzt: Bernhard Schmid
  • München: dtv, 2009, Seiten: 368, Übersetzt: Bernhard Schmid
  • München: Goldmann, 1996, Seiten: 346

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Wolfgang Franßen
Auf der Straße

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Jan 2007

Und wieder wird ein Mann auf offener Straße erstochen, wieder eine Frau vergewaltigt und wagt nicht, gegen den Vergewaltiger auszusagen. Was einen zu Anfang stört, weil der Einstieg einem allzu bekannt vorkommt. Wäre da nicht John Harveys Ton, der menschliche Fassaden verstört, statt sie zu zerstören, sie stoisch mangels Alternativen aufrecht erhält, als handele es sich beim Durchhalten um den Kern des Lebens. Wer ist ohne Fehler? Charlie Resnick? Ein Mann, der sich Katzen hält, geschieden ist, dem die Frau davongelaufen ist und der einen durchgeknallten, ehemaligen Jazzmusiker mit zu sich nach Hause nimmt, um ihm alte Aufnahmen vorzuspielen?

Das bewährte Konstrukt des an sich gescheiterten Polizisten, der es nicht sein lassen kann, morgens zum Dienst zu erscheinen, Einbruchsdiebstähle zu delegieren, bewährt sich als Sympathieträger. Wir begleiten ihn ein paar Tage, werfen einen Blick ins britische Verbrechen und verabschieden uns wieder von ihm, nachdem wir nur zu Besuch waren. Diesmal bewegen wir uns im Milieu der Assistenzärzte, Krankenschwestern teilen ihre Überstunden, ihre Affäre, die dazu führen, dass sie zu früh einschlafen, statt sich dem ausgiebigen Liebesspiel hinzugeben. Die uralten Themen, von Lügen, Liebe, Ehrgeiz erscheinen mit einmal als etwas, dem man nicht ausweichen kann. Oder man lebt allein. Bescheidet sich.

Ein ganz normales Leben

Resnick ist nicht zu beneiden. Seine Bemühungen, etwas wie ein Liebesleben für sich zurück zu gewinnen, scheiterte, schon im Vorgängerroman Einladung zum Tanz. Wie überlebt so jemand? Indem er seinen Job tut, sich mit Kollegen herumschlägt und selten auf einen ehrlichen Menschen trifft. Jazz hört. Sich Respekt im Beruf verschafft. Im unausweichlich Fluss seines Alltags erkennen sich die Leser wieder, auch wenn sie nicht gleich eine Leiche finden oder einen Mörder festnehmen müssen.

Harveys Figuren sind längst nicht mehr auf der Flucht in ein besseres Leben. Sie klammern sich auch nicht an ein altes. Es ist einfach so, wie es ist. Die Stunden häufen sich. Man kommt nicht mehr zum Leben. Besser so. Doch dann gibt es immer wieder den einen. Der das nicht einsehen will. Der sein eigener Richter ist. Warum nicht etwas Verrücktes tun, warum sich nicht nehmen, was einem fehlt? Warum nicht Menschen abstrafen? In deren Nähe kommt manchmal einer um.Harveys Helden warten ab, ducken sich weg, wollen nicht auffallen, nicht erwischt werden. Ein wunderbares Feld für Verdächtigungen, Neugier, Halbwahrheiten.

Was quält einen Polizeibeamten mehr als ein Fall, den er nicht in den Griff bekommt, ein Motiv, dass er nicht versteht, wenn er all seinen Intellekt einsetzt, um zu reüssieren. Harvey wechselt die Orte, die Personen. Sie sprechen viel miteinander, aber was bleibt am Ende? Das Geständnis. Nicht selten klingt es bei Harvey wie ein Eingeständnis. Als beabsichtige der Autor uns zu sagen, über kurz oder lang verraten wir uns alle.

In Abwandlung von Josef Beuys: Jeder kann ein Mörder sein

Wie entsteht Gewalt? Warum kommt ein Mensch nicht zur Ruhe? Es erscheint fast so, als breche sie zufällig hervor. Als hätte sie weiter in sich geschlummert, wenn das eine, das Unumstößliche nicht eingetreten wäre. Als habe es eines winzigen Anlasses bedurft, um sich zu vergessen. Eine Prise Liebe zwischen Verlorenen und schon ist der Humus bereitet, um den Suspense subtil anwachsen zu lassen.

Die Reihe um Charlie Resnick ist hoch gerühmt, erfolgreich. Nicht immer birgt sie ein überraschendes Finale. Die Wege dahin führen bei John Harvey mitten durch die Nachbarschaft der anonymen Mietswohnungen. Kein Garten, in dem man den letzten Sonnenstrahl genießt. Eher eine Bar, in der es sich einen Platz an der Theke zu erkämpfen gilt und bei der sich jeder zum Volksredner aufschwingen darf.

Das Leben birgt keine Sieger, klingt es bei John Harvey nach. Egal wie hochtalentiert ein Assistenzarzt sein mag. Sieger sind jene, die sich dazu erklären und damit durchkommen, während andere nur zusehen.

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