Sechseläuten

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2009, Seiten: 304, Originalsprache
  • Berlin: List, 2010, Seiten: 304, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Hinter dem unspektakulären Titel verbirgt sich solide Krimikost

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2008

April 2008 - Zwei Monate vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft: Beim traditionellen Sechseläuten sind Kommissar Eschenbach und seine Chefin Elisabeth Kobler Ehrengäste. Doch der Scheiterhaufen will nicht so richtig abbrennen und als plötzlich eine Frau zusammenbricht entsteht ein großes Durcheinander. Die Frau, Charlotte Bischoff, stirbt noch vor Ort, doch weder ihr Arbeitgeber, der Weltfußballverband FIFA, noch die Familie scheinen an einer Aufklärung der genauen Todesursache interessiert zu sein.

Lediglich Eschenbach glaubt nicht an ein plötzliches Herzversagen und vermutet, dass ihm ein kleiner Junge, den man bei der Toten fand, weiterhelfen kann. Doch dieser ist völlig verstört und spricht zunächst nicht. Als er dann zögerlich ein paar Worte herausbringt, versteht Eschenbach kein Wort, denn der Junge spricht jenisch, einen selten gewordenen Dialekt der Landfahrer. Für Eschenbach kommt es noch dicker, denn nachdem dieser erfolglos versuchte der Verstorbenen am Unglücksort erste Hilfe zu leisten, wird ihm genau dies nun vorgeworfen. Er habe sich aufgespielt und so das Eingreifen anwesender Ärzte verhindert. Eschenbach versteht die Welt nicht mehr als er kurzerhand von Kobler suspendiert wird.

Doch Eschenbach wäre nicht Eschenbach, wenn er nicht trotzdem der Sache nachgehen würde. Gemeinsam mit seiner Sekretärin und seinem ehemaligen Mitarbeiter Claudio Jagmetti begibt er sich auf Spurensuche als plötzlich der kleine Junge verschwindet. Offensichtlich sollte er ins Ausland gebracht werden. Bei seinen Untersuchungen kommt Eschenbach einem riesigen Skandal auf die Spur, der die Geschichte der Schweiz in ihren Grundfesten erschüttert. Offenbar wurden Jahre lang, Kinder von Landfahrern ihren Eltern weggenommen und zur Adoption weiter vermittelt, um sie auf diese Weise sesshaft zu machen. Eine Spur führt dabei in die Schaltstelle der mächtigsten Sportvereinigung der Welt, der FIFA...

Krank und suspendiert ermittelt Eschenbach in seinem dritten Fall

Der dritte Roman aus der Kommissar-Eschenbach-Reihe kommt mit einem schon geradezu sensationell unspektakulären Titel daher. Unter dem Sechseläuten vermag man sich hierzulande nur wahrlich nichts vorzustellen und so erfreut es den Krimileser immerhin, dass auf dem Buchcover wenigstens ein paar Friedhofskreuze zu finden sind. Doch trotz des zunächst irritierenden Titels, er bezeichnet ein traditionelles Fest, bei dem der Winter verjagt wird, geht es recht schnell spannend zur Sache. Wobei man darauf hinweisen sollte, dass die Eschenbach-Romane vom Erzähltempo her an Klassiker wie Maigret oder in Deutschland an Kommissar Bienzle erinnern.

Aber wozu braucht man Action und Tempo, wenn der Protagonist durch einen eingegipsten Fuß streng genommen arbeitsunfähig ist und zudem direkt zu Beginn der Geschichte suspendiert wird? Und als wäre dies alles nicht schlimm genug, bekommt er gleich bei erstbester Gelegenheit noch eins mit der Bratpfanne über den Schädel, woraufhin er im Krankenhaus landet.

Landfahrer in der Schweiz - Ein trübes Kapitel für die Eidgenossen

Eschenbach jedoch ist hart im Nehmen und wie aus den ersten beiden Fällen bekannt mitunter ein recht eigenwilliger, um nicht zu sagen sturer Ermittler. So lange seine geliebten Brissagos griffbereit liegen, kennt er nur den starren Weg geradeaus. Dabei stößt er auf ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte, welches nicht von Autor Michael Theurillat erfunden wurde, sondern tatsächlich stattgefunden hat. Das "Hilfswerk für die Kinder der Landstraße" versuchte Kinder aus Landfahrerfamilien herauszunehmen und an Adoptivfamilien zu vermitteln, um sie so sesshaft zu machen. Betroffen hiervon waren nicht nur die Roma, sondern vor allem jenische Landfahrer. Ein interessanter, gleichwohl nachdenklich stimmender Teil des Romans.

Der Bezug zur Fußball-EM ist (fast) überflüssig

Dass die Geschichte vor dem Hintergrund der Euro ´08 stattfindet ist im vorliegenden Fall kein Kaufanreiz für Fußballfans. In erster Linie dient es als Deckmantel dafür, dass die Polizei die offiziellen Ermittlungen gleich wieder einstellt und sich mit der Diagnose Herzversagen zufrieden gibt. Denn die EM-Vorbereitungen sind der Grund, warum kein Personal abgestellt werden kann und so kommt auch Jagmetti, Eschenbachs ständiger Freund und Helfer, kaum zum Einsatz, da er mit den Sicherheitsvorkehrungen ausgelastet ist. Ein hohes Tier der FIFA ist zwar in den Fall involviert, aber interessante Aspekte, speziell für Fußball begeisterte Leser, bietet Sechseläuten nicht.

Alles in allem ist der dritte Eschenbach-Fall einmal mehr grundsolide Krimikost, die durch den geschichtlichen Bezug zusätzlich an Interesse gewinnt. Einen deutlichen Punktabzug gibt es dennoch, denn der Spannungsbogen beziehungsweise die Auflösung des Falles kommt sicher nicht für alle Leser überraschend.

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