Im Sommer sterben

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Claasen, 2005, Seiten: 335, Originalsprache
  • Berlin: List, 2006, Seiten: 335, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Ein Debütroman für Freunde klassischer Krimis

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2007

Mit Michael Theurillat betritt ein neuer, noch recht junger Autor (Jahrgang 1961) aus der Schweiz die Krimi-Szene und überzeugt mit einem viel versprechendem Debütroman.

Es ist heiß in Zürich, wo am 15. Loch eines renommierten Golfplatzes die Leiche von Philipp Bettlach gefunden wird. Wie die Rekonstruktion des Mordes ergibt, handelte es sich dabei förmlich um eine Exekution des allseits beliebten Bankers, da der Mörder ihn mit einem Distanzschuss aus rund 600 Meter Entfernung erschossen hat. Wie der ermittelnde Kommissar Eschenbach weiß, gibt es von derartigen Präzisionsschützen nur gut zwei Dutzend im Land der Eidgenossen, wo ein Gewehr zu jeder Wohnungsgrundausstattung gehört. Diese sind nahezu ausschließlich Militärrangehörige.

 

"Der Schweizerische Schützenverband hat über eine halbe Millionen Mitglieder. Tausende von Jungschützen inklusive. In fast viertausend Sektionen landesweit ballern sie rum. Schießen ist bei uns Volkssport. Militärpflicht. Obligatorisch. Wie französisch... und neuerdings auch Englisch. Gleich nach dem Schnuller kommt die Knarre."

 

Doch zunächst kommt Kommissar Eschenbach in dem Fall nicht weiter. Keine Tatwaffe, kein Verdächtiger und vor allem kein Motiv. Erst nach und nach gelingt es Eschenbach das Leben des Bankers zu durchleuchten und stellt dabei reichlich unerfreuliche Dinge fest. Nicht nur dass der 56-jährige Bettlach ein kurzes Verhältnis zu der jungen Doris Hottiger, einer Mitarbeiterin des Golfplatzes, hatte, er hatte offenbar auch ein besonderes Faible für Kinderpornografie. Während die feine Fassade des Ermordeten mehr und mehr Risse bekommt und schließlich in sich zusammen fällt, findet Eschenbach erste Verdächtige.

 

"Philipp war krank...aber er war auch ein Freund. Ein kranker Freund eben; und nicht nur medizinisch betrachtet, halte ich Mord für eine äußerst ungeeignete Methode, um Kranke zu therapieren."

 

Als aus Basel der vermeintliche Selbstmord eines jungen Musikers gemeldet wird, wird Eschenbach hellhörig. Die äußeren Umstände deuten keineswegs auf einen Selbstmord hin, vielmehr scheint es sich um einen aufwendig inszenierten Mord zu handeln, genauso wie im Fall Bettlach. Gibt es womöglich eine Parallele zwischen den beiden Fällen?

Kommissar Eschenbach (ohne Vornamen) ist ein mitunter zynischer Zeitgenosse, der gerne auch mal mit dem Kopf durch die Wand geht. Gleichwohl hat Autor Theurillat einen sympathischen Ermittler erschaffen, dem man trotz seiner zahlreichen Ermittlungsfehler bzw. Misserfolge mehr Fälle wünscht.

Offenbar leidet der einstmals jüngste Chef der Züricher Kriminalpolizei unter der enormen Hitze, denn andernfalls sind einige Ermittlungsschwächen kaum erklärlich. Dieser klassisch aufgebaute Kriminalroman kommt ohne jegliche Action daher, es gibt keine wilden Verfolgungsjagden, Schießereien oder ähnliches, sondern in erster Linie langweilige Polizeiroutine. Diese bringt der Autor gekonnt herüber und erklärt somit den ein oder anderen Fehlschlag Eschenbachs. So spielt halt das Leben, man hat nicht immer Erfolg, liegt mitunter falsch.

Die übrigen Figuren sind recht oberflächlich gehalten. Allein Eschenbachs Praktikant Claudio Jagmetti, der - noch neu bei der Polizei - direkt in einen dicken Fettnapf tritt als er sich zu einer Liebesnacht mit Doris Hottiger, immerhin eine mögliche tatverdächtige Person, hinreißen lässt, bildet eine kleine Ausnahme. Zudem ist die Handlung anfangs etwas zäh geraten, da die Ermittlungen wenig bis nichts ergeben; nur langsam nimmt die Handlung Fahrt auf.

Ganz im Gegenteil dazu dann die rund letzten 80 Seiten, wo Theurillat offenbar versucht, das Versäumte nachzuholen. Etwas gewöhnungsbedürftig, wenngleich nachvollziehbar kommt die Auflösung daher, bei der den Leser gleich mehrere überraschende Wendungen erwarten. Die aufgezeigten familiären Beziehungsgeflechte der beteiligten Personen scheinen dabei ein undurchdringbares Dickicht darzustellen (bzw. sind sehr stark konstruiert, um hier einmal ein bisschen in Understatement zu machen).

Im Sommer sterben ist ein erfreulich kurzweiliges und mit pointiertem Humor gespicktes Lesevergnügen für alle Freunde lupenreiner Kriminalromane, eingebettet in die Themenfelder Scharfschützen und Kinderpornografie. Nicht nur für Eidgenossen oder Züricher Leser eine gute Wahl, allerdings bietet der Schluss ein bisschen zu viel des Guten.

 

"Von Matt erzählte, er sei im Lawinencorps gewesen."
"Wer, von Matt?"
"Nein. Der Hund natürlich."
"Logisch. Dumm von mir. Von Matt kann gar nicht Ski fahren."
"Würde mich wundern, wenn es der Hund kann."

 

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