Unter dem Eis

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Frechen: Delta Music, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Edda Fischer und Simon Roden
  • Berlin: Ullstein, 2007, Seiten: 363, Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2009, Seiten: 363

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Jörg Kijanski
Selten waren Figuren so lebendig

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2008

Nach ihrem letzten gemeinsamen Fall vor sechs Monaten, dessen Finale nicht gerade glücklich verlief, wurde Kriminalhauptkommissarin Judith Krieger auf eigenen Wunsch beurlaubt und ihr Partner Manfred Korzilius in die Vermisstenabteilung versetzt. Nun, eine Woche vor ihrer Rückkehr zur Mordkommission, wird Judith von einem früheren Schulkameraden gebeten, ihre damalige gemeinsame Schulfreundin Charlotte zu suchen, die seit einigen Wochen wie vom Erdboden verschwunden ist. Eine heiße Spur führt Krieger in die Wildnis Kanadas, wo die Vogelforscherin den rotäugigen Eistaucher beobachten wollte und zudem offenbar ihre große Liebe gefunden hat. Doch angesichts ihres bevorstehenden Wiedereinstiegs bei der Kripo bleiben ihr nur wenige Tage, um Charlotte zu finden.

Währenddessen schwitzt Korzilius im heißen Köln und sucht fieberhaft nach dem vermissten vierzehnjährigen Jonny, der übers Wochenende ein Jugendzeltlager besuchen sollte, jedoch von einem Spaziergang nicht zurückkam. In das Visier der Ermittler gerät Jonnys Stiefvater der angibt, sich zurzeit von Johnnys Verschwinden in dem Zeltlager aufgehalten zu haben, was – wie sich herausstellt – jedoch nicht stimmt. Zu der Frage, wo er sich stattdessen aufhielt, schweigt er beharrlich. Auch von Johnnys Rauhaardackel Dr. D. fehlt zunächst jede Spur. Erst nach dem Einsatz einer Hundestaffel findet sich ein erster Hinweis. Ein abgeschnittenes Hundeohr wird unweit des Zeltlagers gefunden. Doch das merkwürdige Verhalten einer alten Frau und eines Mitschülers von Jonny behindern ungewollt die Ermittlungen.

 

"Die Maschinerie ist angelaufen, der Polizeiapparat tut seine Pflicht und fischt ein weiteres Mal mit voller Kraft im Trüben."

 

Manfred Korzilius schmollt vor sich hin, denn seine Arbeit in der Vermisstenabteilung sieht er als Strafversetzung an, schließlich wollte er immer in der Mordkommission, der KK 11 der Kölner Polizei, arbeiten. Und war es nicht seine Partnerin Judith Krieger, die mit ihren eigenwilligen Ermittlungsmethoden den letzten Fall vor nunmehr rund einem halben Jahr zu einem zweifelhaften Abschluss brachte? Doch Judith ist offenbar bei ihrem Chef beliebt und darf in wenigen Tagen zurück zur KK 11, so dass Manfred nur die Hoffnung bleibt, bis dahin den vermissten Johnny gefunden zu haben. Natürlich lebend, denn sonst würde womöglich ausgerechnet Judith gleich zum Einstieg "seinen" Fall übernehmen.

"Unter dem Eis" spielt sechs Monate nach dem beachtenswerten Debütroman "Der Wald ist Schweigen" und setzt insbesondere den privaten wie beruflichen Werdegang der beiden Protagonisten Judith Krieger und Manfred Korzilius kongenial fort. Judith, offenbar gut erholt und wieder positiv auf das Leben eingestellt, ist zwar immer noch für unkonventionelle Methoden zu haben, gleichwohl mutiert sie gegen Ende des Plots geradezu zu einem Teamplayer. Wer hätte das für möglich gehalten? Langsam aber sicher finden Judith und Manfred als (berufliche) Partner zueinander, während ihre Privatleben weitgehend im Argen liegen. Manfreds ungeliebter Vater ist schwer erkrankt, ringt mit dem Tod und Judith schmeißt sich in Kanada dem erstbesten Mann an den Hals, der jedoch möglicherweise für das Verschwinden der gesuchten Schulfreundin verantwortlich ist.

Gisa Klönne beweist mit ihrem zweiten Roman erneut ihr großes erzählerisches Können. Wo andere Autoren direkt auf Action setzen tritt in "Unter dem Eis" zunächst einmal die Nebenfigur der 82-jährigen Elisabeth Vogt auf. Diese lebt in einem kleinen Haus im beschaulichen Dorf rund vierzig Kilometer von Köln entfernt. Nachdem ihr Mann schon vor Jahren gestorben ist hat sie nur noch ihren Schäferhund Barabbas. Doch wie lange noch? Ihrem Alter entsprechend hat sie leichte Gebrechen und fürchtet, dass man, allen voran Tochter Carmen, ihr das Haus wegnehmen möchte. So gerät Elisabeth in Panik als bei einem Spaziergang Barabbas vermeintlich einen Dackel zu Tode beißt. Wird man ihr jetzt auch noch den geliebten Hund wegnehmen? Dies darf nicht passieren und so entschließt sich Elisabeth den Hund zu begraben und somit die Spuren von Barabbas Vergehen zu verwischen.

 

"Sie glauben, dass der Dackel in dem Teppichrest transportiert worden ist. Tot."
"Bleibt die Frage: Wer?""
"Und womit? Und von wo?""
"Was für eine Scheiße.""
"Ja."

 

Mit großer Detailverliebtheit und viel Einfühlungsvermögen erschafft Gisa Klönne Figuren, die den Lesern/innen ans Herz wachsen. Und dies gilt eben nicht nur für die beiden Protagonisten!! Durch ständige Wechsel der Szenarios – Judith, Manfred, Elisabeth, Johnnys Schulfreund Tim und andere – wird man förmlich durch die Handlung gejagt, obwohl auf den ersten Blick eher wenig passiert. Elisabeth macht sich Sorgen um Haus und Hund, Tim wird von seinen Mitschülern schikaniert und so weiter. Dies hat mit einem Krimiplot zunächst nicht viel gemein, erklärt aber auf ganz wunderbare Weise nach und nach warum die einzelnen Figuren so handeln wie sie es tun.

Die Ermittlungsarbeit wird ebenfalls ausführlich dargestellt und beide Ermittlungen (die Suchen nach Johnny und Charlotte) werden nachvollziehbar aufgeklärt. Wer einmal keinen 08/15-Krimi lesen möchte, sondern gleichzeitig Wert auf anspruchsvolle und wohl formulierte Unterhaltung legt, der sollte sich Unter dem Eis nicht entgehen lassen. Selten hat einen das Schicksal eines Rauhaardackels so bewegt.

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