Die Toten, die dich suchen

  • Pendo
  • Erschienen: Januar 2016
  • 2
  • München : Pendo, 2016, Seiten: 432, Originalsprache
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Jörg Kijanski
85°1001

Krimi-Couch Rezension vonJul 2016

Judith Krieger ist (endlich) zurück

Bereits 2011 erschien Nichts als Erlösung, der fünfte Band der erfolgreichen Judith-Krieger-Reihe von Gisa Klönne. Viele Fans der Serie mussten lange auf ein Wiedersehen mit der ebenso eigenwilligen wie charismatischen Heldin warten, die eigentlich mit ihrem Freund aussteigen wollte. Doch nach einem Jahr, welches sie vor allem in Kolumbien verbrachte, kehrte sie zurück, traf eine folgenschwere private Entscheidung und drückte nochmal die Schulbank bei der Polizei. Es folgten zwei Jahre auf der Kriminalwache in Olpe, wo sie Führungsverhalten "trainieren" durfte und jetzt die fulminante Rückkehr nach Köln als Leiterin der Vermisstenfahndung, dem KK 62. Die Sache hat nur einen Haken, denn vermisst wurde Judith Krieger hier keineswegs, jedenfalls nicht von ihrem sogenannten Team.

 

"Jaramillo. Eine Latina in rotem Kleid. Jesus. Ihre Leben müssen zusammenhängen, ihre Geschichten..."
"Ja, aber nicht unbedingt mit dem Bürgerkrieg, oder?"
"Vielleicht verheddere ich mich auch, vermische das alles mit meinen Erinnerungen. Aber andererseits: Nein, tu ich nicht! Frieden schließen. Sich versöhnen. Das ist so scheißeschwer. Ich hab schon Probleme mit meiner eigenen Mutter, mit meinem Team..."

 

Joost Herzog hatte sich bereits zwei Mal auf Judiths neuen Job beworben. Er fühlt sich übergangen, macht nur widerwillig seine Arbeit und wirft der neuen Chefin permanent Steine in den Weg. Dazu Nosback, ehemaliger Mordermittler, inzwischen stark auf die Rente zugehend, völlig ausgepowert und zu guter Letzt noch Dinah Makowski. Eine junge Polizistin, die sich gleich großartig einführt als sie beim ersten gemeinsamen Einsatz der neuen Chefin gleich mal vor die Füße kotzt und dadurch den Tatort verunreinigt. Dabei könnte vor allem Dinah die Ermittlungen vorantreiben, doch private Probleme sorgen dafür, dass sie sich einer Zusammenarbeit mit Judith verweigert.

Der erste Tag im KK 62, der endlich keine Toten mehr bringen soll, führt Judith zu einem verlassenen Kellerraum im rechtsrheinischen Deutz. Dort liegt die vielfach gefesselte Leiche des kolumbianischen Geschäftsmannes Angelo Jaramillos. Die Todesursache ist brutal, sein Mörder ließ ihn qualvoll verdursten. Eigentlich ist es ein Fall für die Mordkommission, aber da Jaramillo seit zweieinhalb Wochen vermisst wurde, haben die Kollegen vom KK 62 schon einige Erkenntnisse gesammelt und so kommt es zu einer gemeinsamen Sonderkommission "Keller", die von Judith geleitet wird. Schließlich hat sie in Kolumbien gelebt, kennt das Land und seine Geschichte, was für die weiteren Ermittlungen noch hilfreich sein wird.

 

"Sie kennen Kolumbien?"
"Ein wenig."
"Und wie hat es Ihnen gefallen?"
"Ein schönes Land. Mit einer Menge Problemen."
"Die Last der Geschichte. Das ist in Kolumbien nicht anders als in Deutschland."

 

Eigentlich müsste Judith sich auf ein Wiedersehen mit ihrem früheren Partner Manfred Korzilius freuen, doch dieser ist verständlicherweise nicht gut auf Judith zu sprechen. Zudem gab es schwere Komplikationen bei der Geburt seiner Tochter, so dass er (zunächst) ohnehin beurlaubt ist. Die Ermittlungen gestalten sich derweil schwierig, Zeugen sind rar und schweigsam, das neue Team arbeitet kaum zusammen. Und dann führen Spuren immer wieder nach Kolumbien, jenem Land das inzwischen als eines der demokratischsten Länder der Welt gilt. Eine neue Staatsverfassung legte 1991 hierfür den Startschuss, während noch zwei Jahre zuvor Pablo Escobar zu den reichsten Männern der Welt zählte und Kolumbien achtzig Prozent des Weltkokainmarktes beherrschte. Doch sechzig Jahre Bürgerkrieg, der drei Generationen ihrer Freiheit beraubte, sind nicht spurlos verschwunden. Die brutale Gewalt der linken, von der Volksrevolution träumenden FARC-Rebellen sowie der rechten, regierungsnahen Paramilitärs sind nicht vergessen. So bilden die Geschichte und die Lebensweisen der Menschen in Kolumbien einen wichtigen und zentralen Bestandteil des sechsten Falles für Judith Krieger, der atmosphärisch nahtlos an die Vorgänger anknüpft.

Das Privatleben der einzelnen Figuren mag manchem Leser ein bisschen zu viel Platz einnehmen, macht aber aus diesem guten Krimi zusätzlich eine ebensolche Erzählung mit vielschichtigem Inhalt. Die großen Themen wie Flucht und Vertreibung, die gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise hochaktuell sind, aber auch die Hoffnungen und Sehnsüchte auf ein friedliches, besseres Leben werden behandelt. Am Ende des Romans ist zumindest eine Erkenntnis gewachsen, nämlich jene, dass wir uns hierzulande oft über Erste-Welt-Probleme aufregen, die bei genauerer Überlegung kaum eine Erwähnung wert sind. Bleibt abschließend der Wunsch, dass der nächste Judith-Krieger-Roman nicht wieder fünf Jahre auf sich warten lässt.

Die Toten, die dich suchen

Gisa Klönne, Pendo

Die Toten, die dich suchen

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