Little Scarlet

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Boston: Little, Brown, 2004, Titel: 'Little Scarlet', Originalsprache
  • London: Weidenfeld & Nicolson, 2005, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2007, Seiten: 303, Übersetzt: Uda Strätling

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Jochen König
Ein Fels in der Brandung

Buch-Rezension von Jochen König Sep 2007

1965 herrscht in Watts, einem Stadtteil von Los Angeles, Krieg. Eine Verhaftung zu viel lässt das hauptsächlich von Afroamerikanern bewohnte Viertel explodieren. Vandalismus, Plünderungen, Brandstiftung - die Nationalgarde rückt an. Bilanz am Ende: 34 Tote und über 1000 Verletzte, sowie zerstörte Gewerbebetriebe und Geschäfte (vornehmlich solche mit weißen Inhabern), vereinzelt griffen Brände auch auf Wohnhäuser über.

Am Ende dieser Unruhen wird eine junge schwarze Frau in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden. Als Täter vermutet die Polizei einen Weißen, der kurz zuvor mit knapper Not einem Schlägertrupp entkommen konnte. Aufgrund der brodelnden Situation hält sich die Polizei bedeckt und bittet den offiziell als Berater tätigen Privatdetektiven Ezekiel "Easy" Rawlins um Hilfe. Voller widerstrebender Gefühle übernimmt er den Auftrag, und beginnt mit einer Vollmacht des Deputy Chiefs in der Tasche, die Ermittlungsarbeit in einem Hexenkessel. Ziemlich schnell wird Rawlins dabei klar, dass die einfache und politisch gewünschte Lösung nicht die Richtige ist. Er stößt auf den Mörder und auf eine Welt, in der Rassenhass und Selbstverleugnung in intimste familiäre Bereiche reichen und traumatische Folgen für alle Beteiligten haben.

Little Scarlet ist ein Fels in der Brandung. Ein "klassischer" Hardboiled-Roman, der seine Geschichte auf den Punkt erzählt, schnörkellos und lakonisch und doch genau beobachtend. Selbst Wendungen, die eigentlich längst zum Klischee erstarrt sind, erhalten bei Mosley wieder Sinn. So wird aus dem mittlerweile abgeschmackten verbalen Geplänkel zwischen Privatdetektiv und Polizisten, bei Mosley eine Reaktion auf den alltäglichen Rassismus, der kaum eine andere Reaktion als Feindseligkeit und Ablehnung zulässt. Wie es überhaupt Mosleys Stärke ist, geschichtliche Ereignisse, Tagespolitik und moralphilosophische Betrachtungen in seine Romane einzubauen, ohne dabei plakativ zu werden.

Mosley verliert nie seine Geschichte und seine Figuren aus den Augen, zeigt dabei ebenfalls wie schwer es ist, sich aus einem gesellschaftlichen Kontext zu lösen und neue Wege zu beschreiten. Für einige Menschen bringt es den Tod, für andere die Chance auf eine Weiterentwicklung in eine aufgeklärtere Gesellschaft. Doch während Watts langsam zur Ruhe kommt, wächst im Hintergrund ein Konflikt, der weit mehr als 40 Todesopfer fordern wird. Der Vietnam Krieg, dem - wieder einmal - überproportional viele dunkelhäutige Heranwachsende und Erwachsene zum Opfer fallen werden.

Little Scarlet ist ein exzellenter Krimi, in dem sich Zeit- und Lokalkolorit, erzählerische Ökonomie und eine spannende Story wunderbar zusammenfügen.

Leider lässt sich das von der Übersetzung nicht behaupten, die ziemlich aseptisch und in vielen Fällen holperig, wenn nicht sogar verfälschend daherkommt (Schon mal jemand erlebt, der sich selbst "Nigger" nennt und etwas "pronto" einfordert? Italienische Vorfahren?). Es ist eigentlich längst an der Zeit, qualitativ hochwertige Übersetzungen zu fordern und fördern. Dazu gehört eine vernünftige Entlohung der jeweiligen Übersetzer(innen). So lange die ausbleibt, werden wir wohl mit schludrigen Schnellschüssen leben, oder gleich zum Original greifen müssen.

So lobenswert es vom Fischer Verlag ist, dieses Buch in Zeiten der salbadernden Quasselstrippen zu veröffentlichen (wenn auch ziemlich unpassend und mit Deppenleerzeichen "Ein Easy Rawlins Krimi" auf dem Buchdeckel prangt), so wenig scheint man dem eigenen Mut zu trauen: Warum sonst sollte im Klappentext darauf hingewiesen werden, dass es sich bei Little Scarlet um ein Werk vom "Meister des literarischen Kriminalromans" handelt. Was sollte das Buch denn sonst sein - ein Leberwurstbrot? Das erinnert mich an jene Zeit, als mir bei der Lektüre von Max Frischs Stiller, nachdem ich mich vorher Chandler, Hammett, Highsmith und Ross MacDonald gewidmet hatte, aufatmend bekundet wurde, dass ich ja endlich wieder was "Richtiges" lesen würde; man hatte sich schon Sorgen gemacht. Überflüssig zu erwähnen, dass Little Scarlet etwas Richtiges ist - Sorgen sollte man sich allerdings, wenn das Buch wie Blei in den Regalen liegen bleiben würde...

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