Das weiße Kleid des Todes

  • Knaur
  • Erschienen: Januar 2005
  • New York: Thomas Dunne, 2002, Titel: 'In the Bleak Midwinter', Seiten: 308, Originalsprache
  • München: Knaur, 2005, Seiten: 480, Übersetzt: Stefan Troßbach
  • München: Knaur, 2007, Seiten: 478
Das weiße Kleid des Todes
Das weiße Kleid des Todes
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Eva Bergschneider
77°

Krimi-Couch Rezension vonNov 2005

Mitreißende Spannung in Kaminfeuer-Atmosphäre

Ein furioses Debut ist Julia Spencer Fleming mit »Das weiße Kleid des Todes« gelungen, wurde es doch in Amerika mit nicht weniger als fünf angesagten Krimipreisen dekoriert. Literaturpreise sind zwar eine wichtige Anerkennung für einen Autor, garantieren jedoch nicht, dass das Werk auch beim Leser genau so großen Anklang findet. Der Originaltitel dieses Romans lautet »In the Bleak Midwinter« und es sind bereits drei weitere Romane mit den hier vorgestellten ungewöhnlichen Hauptcharakteren erschienen. Die amerikanischen Leser-Rezensionen fallen überwiegend positiv aus und begeistern sich vor allem für die sympathischen Charaktere. Die Masse der bereits vorhandenen unterschiedlichsten Krimi-Helden, scheint es beinahe unmöglich zu machen, herausragende Figuren zu erschaffen. Ist es Julia Spencer Fleming wirklich gelungen, ein einzigartiges Ermittlerduo zu kreieren?

Ein Baby auf der Kirchentreppe - die Mutter am Flussufer ermordet

An einem kalten Dezembertag wird in Millers Kill, einer Kleinstadt im Staat New York, ein Baby auf den Treppenstufen der Episkopalkirche St. Albans hinterlassen. Auf einer beigefügten Nachricht steht geschrieben, das Kind heiße Cody und solle dem Ehepaar Burns zur Adoption überlassen werden.

Die örtliche Polizei, in Millers Kill durch den Sheriff Russ van Alstyne vertreten, nimmt die Ermittlungen nach der Mutterauf, während das Rechtsanwaltsehepaar Burns auf eine möglichst schnelle Adoption des kleinen Cody drängt. Reverent Clare Fergusson, Pastorin der Episkopalkirche St Albans, versucht zwischen den Burns, die ihrer Gemeinde angehören und sich schon lange um ein Kind bemühen und der Polizei zu vermitteln. Kurze Zeit später findet man die Mutter, sie liegt ermordet im Schnee an einer Uferböschung.

Es wird sich heraus stellen, dass die junge Frau nicht etwa aus Verzweifelung Selbstmord begangen hat, sondern mit einem stumpfen Gegenstand verletzt in der Kälte zurückgelassen wurde und erfroren ist. Sheriff Russ van Alstynes Ermittlungen konzentrieren sich nun darauf, den Vater des Babies zu finden, der als Hauptverdächtiger für den Mord an der jungen Katie McWhorter in Frage kommt.

Reverent Clare Ferguson sieht es als ihre seelsorgerische Pflicht an, Katies Schicksal aufzuklären, zumal sie ein Förderprojekt für junge ledige Mütter in ihrer Gemeinde ins Leben rufen will. Um sich dafür die Unterstützung des Pfarrgemeinderates zu sichern, setzt sie sich außerdem für das Ehepaar Burns und ihr Anliegen ein. So übernimmt Clare einen Teil der Recherche, denn durch ihr vertrautes Verhältnis zu den Gemeindemitgliedern fördert sie wichtige Informationen zu Tage, die der knorrige Sheriff nie in Erfahrung gebracht hätte.

Einer der Männer in Katies Leben, die als Vater des Babies in Frage kommen, ist Ethan Stoner, ein Mitschüler aus ihrer High School Zeit. Katie hat ihm vor dem letzten High School Jahr den Laufpass gegeben. Aus dem im sozialen Brennpunkt aufgewachsenen Mädchen war eine kluge junge Frau mit ehrgeizigen Zielen geworden, während Ethan wenig mit sich anzufangen wusste. Eine Eifersuchtstragödie um das Kind eines vermeintlichen Nebenbuhlers?

Die Polizei in Millers Kill steht unmittelbar vor einer Verhaftung, als die Situation eskaliert und ein weiterer Mord geschieht. Die Ermittlungen erhalten einen völlig veränderten Blickwinkel und spitzen sich dramatisch zu.

Können ein Mann und eine Frau befreundet sein ?

Sheriff Russ van Alstyne und Clare Fergusson verbindet bald mehr, als nur das gemeinsame Interesse daran, Katies Mörder zu finden.

Beide sind vorher Berufssoldaten in der US-Army gewesen, der Sheriff war Militärpolizist in Mannheim und die Pastorin eine begeisterte Hubschrauberpilotin, bevor der "Ruf" sie erreichte. Russ, der immer wieder betont, Atheist zu sein, hat in Clare eine kluge Ratgeberin gefunden, die immer mal wieder seinen durch Vorurteile beschränkten Horizont erweitern kann und bald eine moralische Instanz jenseits der Gesetzte darstellt. Er ist verheiratet, kann aber mit seiner Ehefrau Linda nicht über das, was ihn im Polizeialltag berührt, sprechen, sondern vertraut sich lieber Clare an.

Clare wiederum sieht sich von Russ als Mensch, nicht als Pastorin, wahr genommen. Sie kann mit Russ Geschichten aus der Armeezeit austauschen und herzlich lachen, einfach ein Kumpel sein. Sie kann ihm aber auch ihr Herz ausschütten, wenn die Seelentrösterin mal selbst Zuspruch braucht. Beide gehen absolut ehrlich und offen miteinander um und fühlen sich als Seelenverwandte.

Schaffen es Russ und Clare einfach nur richtig gute Freunde zu sein oder wird sich eine engere und somit problematische Beziehung entwickeln?

Herzlich Willkommen in Millers Kill

Die Geschichte um das ausgesetzte Baby und die Ermordung seiner Mutter ist ein eher unspektakulärer, aber gut durchdachter und bis zuletzt logisch konstruierter Fall, ab einem bestimmten Punkt allerdings vorhersehbar.

Trotzdem sind Passagen mit atemberaubenden und mitreißenden Spannungsmomenten enthalten, die dem Leser sehr deutlich die Bedeutung des Begriffs "Page-Turner" vor Augen führen. Es fällt am Ende wirklich ungemein schwer, dass Buch aus der Hand zu legen.

Die eigentliche Faszination dieses Buches liegt aber in der tiefgründigen und liebevollen Charakterisierung der Personen und in der authentischen, detailverliebten Art, diese Kleinstadt und die ganze Atmosphäre zu beschreiben. Man fühlt sich als Leser beinahe heimisch in Millers Kill, Land und Leute erscheinen einem vertraut.

Die Hauptfiguren Russ und Clare sind couragierte und warmherzige Menschen, die aber auch ihre Schwächen und Eitelkeiten haben und auch mal falsche Entscheidungen treffen. Mit diesem ungleichen Ermittlerduo kann man sich leicht identifizieren, denn sie sind keine strahlenden, sondern eher verborgene Helden.

Etwas negativ fällt die manchmal mitschwingende Soldatenehre auf, die Kriegsaktionen der USA werden zu unkritisch betrachtet.

Ein Krimi nach alter Tradition im neuen Gewand

»Das weiße Kleid des Todes« ist ein Krimi, der in der Art der "traditional mystery" Romane konzipiert wurde, dabei aber modern und mit viel Humor erzählt. Der Sheriff Russ und die Pastorin Clare erinnern ein bischen an die Ermittler-Teams von Dorothy L. Sayers oder Elizabeth George, sind aber dennoch in ihrer sturen und liebenswerten Art etwas ganz Besonderes.

Ein Krimi für Leser, die die raffiniert konstruierte Spannung der spektakulären vorziehen und ein Faible für etwas kautzige Protagonisten haben.

Das weiße Kleid des Todes

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