Alptraum in Pink

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 1967
  • 3
  • New York: Fawcett Gold Medal, 1964, Titel: 'Nightmare in Pink', Originalsprache
  • München: Heyne, 1967, Titel: 'Alptraum in rosarot', Seiten: 155, Übersetzt: Hans Maeter
  • München: Heyne, 1978, Titel: 'Alptraum in rosarot', Seiten: 155
  • Hamburg: Rotbuch, 2000, Seiten: 206, Übersetzt: Joachim Dörr
Alptraum in Pink
Alptraum in Pink
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Michael Drewniok
10°1001

Krimi-Couch Rezension vonApr 2005

Finale in Frankensteins Drogenklinik

Weit, weit weg von seinen üblichen Jagdgründen, nämlich in New York, bewegt sich Travis McGee, Freigeist und Lebenskünstler, der sich lieber auf seinem beim Pokerspiel gewonnenen Hausboot, der "Busted Flush", im Hafen von Lauderdale an der Küste Floridas aalen würde. Entsprechend unbehaglich fühlt er sich in der großen Stadt. Aber ihm ist das Geld ausgegangen, und dann ist da noch der Hilferuf von Mike Gibson, Freund und Kriegskamerad, der in Korea jene Kugel einfing, die eigentlich für McGee bestimmt war. Gibsons Tochter Nina ist nach New York gezogen. Dort hat sie sich mit dem jungen Howard Plummer verlobt. Der wurde gerade bei einem Überfall umgebracht - und die trauernde Braut findet in seinem Nachlass 10.000 Dollar in bar, die ganz gewiss nicht legal dort hingeraten sind! War der Verblichene etwa ein Gauner? Hat er seinen Arbeitgeber, den schwerreichen Bankier und Finanzberater Charles McKewn Armister IV., bestohlen? Das soll McGee für den schwer kranken Freund herausfinden.

Obwohl er sich wie üblich der Damenwelt kaum erwehren kann, entdeckt McGee einige seltsame Ungereimtheiten. Howard hat die 10.000 Dollar offenbar rechtmäßig erworben. Aber wieso hat ihm Armister so viel Geld gezahlt? Und wieso benimmt sich der bisher so steife Finanzmagnat plötzlich so ausgelassen, verlässt Frau und Familie für Wein, Weib und Gesang und beginnt, immer mehr Geld aus seinem Geschäft abzuziehen?

Die Fäden laufen offenbar in einer mysteriösen Privatklinik zusammen, in der Armister nach einem Nervenzusammenbruch einige Monate verbracht hat, bevor man ihn als "geheilt entließ. Nun befindet er sich im Bann seines Rechtsberaters Baynard Mulligan, der im Hintergrund die Fäden zieht. McGee versucht, über die Frauen in Mulligans Umgebung an Armister heranzukommen. Aber er unterschätzt seinen Gegner sträflich - und findet sich gefangen in einem Albtraum, der stark an Dr. Frankensteins Labor erinnert...

St. Travis predigt den Haltlosen und den Frauen

Da ist er also wieder, Travis McGee, Detektiv, Moralist und Womanizer, außerdem Held in 23 Romanen, die stets eine Farbe oder einen Farbton im Titel tragen und in den USA absoluten Kultstatus besitzen. John D. MacDonald (1916-1987) genießt eine Reputation, die an Ehrfurcht grenzt. Zahlreiche namhafte Schriftsteller nennen ihn als Vorbild und Quelle der Inspiration. Dieses Mal ist es Joseph Wambaugh, selbst nicht gerade ein literarisches Leichtgewicht, der ihm Tribut zollt. Auflagen in Millionenhöhen belegen, dass ein großes Publikum diese Bewunderung teilt.

Bloß wieso, wieso...? An der ausgefeilten Handlung kann's nicht liegen, denn die ist sogar für einen vierzig Jahre alten Thriller mehr als schlicht und über weite Strecken definitiv lahm geraten. Normalerweise stört dies bei der Lektüre nicht - wer verlangt von einem Unterhaltungsroman schon Sachlichkeit und Realismus? MacDonald wäre nicht der Erste, der sein Publikum mit blühendem Blödsinn fesselt - wenn es ihm denn gelingen würde. (Und man glaube mir - in der zweiten Hälfte wird's wirklich krude!)

Doch über beinahe 150 Seiten scheint es MacDonald wichtiger zu sein, seinem Helden scheinbar schlaue Sprüche über den Zustand der modernen westlichen Welt in den Mund zu legen - und die haben es in sich! Schon in "Abschied in Dunkelblau entpuppt sich der angebliche Nonkonformist McGee (abgesehen davon, dass kein Mann mit Selbstachtung es dulden würde, von aller Welt als "Trav angesprochen zu werden) als ziemlich konservativer Charakter. Die Welt ist schlecht und Travis McGee fühlt sich jederzeit berufen, ihr und seinem Publikum das unter die Nase zu reiben. Er selbst sieht sich freilich nicht ungern als Ritter, zwar nicht frei von Fehlern, aber doch ausgestattet mit Weitblick und attraktivem Weltschmerz.

Und niemand bedarf seiner Führung stärker als die Frauen dieser Welt! Sind sie jung und hübsch, dann fallen sie unter die Kategorie "Mädchen und müssen - da trotz aller zur Schau gestellten Selbstständigkeit im Grunde hilflos - beschützt werden, es sei denn, McGee fühlt sich gerade dazu aufgelegt, seine legendären Talente als Liebhaber unter Beweis zu stellen. Nach dem Beischlaf gibt's kaffeesatzpsychologische Weisheiten vom großen Meister gratis dazu.

Sind die Frauen alt und immer noch geil, womöglich erfolgreich und tatsächlich in der Lage ihr Leben ohne Ritter zu meistern, kann etwas mit ihnen nicht stimmen. Kostprobe gefällig? Dr. McGee urteilt über die (zugegebenermaßen schurkische) Komplizin des bösen Mulligan wie folgt: "Ich lächelte sie an und dachte, dass sie das fieseste Stück war, das mir seit langem begegnet war. Ich konnte mir vorstellen, wie erbarmungslos sie ihre Karriere verfolgte. Und wie sie sich gleichermaßen erbarmungslos sexuelle Befriedigung verschaffte. Sie war das Produkt von einem Dutzend unerbittlich miteinander konkurrierender Büros, von gekonnter Nahkampftechnik, von gnadenlosen Intrigen. Ihr Herz war so kalt wie ein Stein auf dem Grund eines Gebirgssees... Und so geht das weiter - zweieinhalb Seiten ohne Pause! MacDonald war zweifellos ein Schriftsteller, der mit Worten umzugehen wusste, aber hier schimmert mehr als nur ein wenig Besessenheit durch.

Schlimmer noch: Travis McGee ist nicht nur ein selbstgefälliger Snob - er ist ein übler Heuchler. Hier erläutert er Nina Gibson, wie er über die Frauen denkt: "Ich bin der Ansicht, dass sie Menschen sind. Und keine niedlichen Schmuckstücke. Ich glaube, die Ursünde besteht darin, dass Menschen einander Schmerz zufügen. Bei einer Frau zu landen, nur um des Erfolges willen, setzt einen Mann herab. Ich kann Frauen nicht achten, die keine Selbstachtung haben. McGees Glaubensgrundsatz. Deshalb bekomme ich auch keine Kreditkarte von Playboy. Ich bumse nicht mit den Bunnies. (S. 49). Sind das nicht - die üblichen pathetischen Klugscheißereien lassen wir hier einmal unbeachtet - goldene, herzerfrischende Worte; besonders Jahrzehnte vor der Erfindung des Feminismus'?

Stellen wir ihnen folgenden Satz kommentarlos gegenüber:

 

"Ich wollte wieder an Bord meiner `Busted Flush' sein..., auf meinem... Hausboot, das ich mit meiner bevorzugten Sorte reizender Mädchen bestücken konnte, mit den braun gebrannten, sorglosen, willigen Galeerensklavinnen mit salzigem Haar, sandigen Hintern, mit bierdosenöffnenden, angelnden, glücklich machenden Mädchen in ausgebleichten Stoffen und Sonnenstrahlen im Haar. (S. 7)

 

Ah ja, ein Krimi war da ja auch noch irgendwo...

Meint MacDonald dies etwa ironisch? Wohl kaum, denn Humor oder gar Ironie sind ihm und Travis McGee absolut fremd. Statt dessen füllt sich Seite um Seite mit dröhnendem, plattem, ödem Prediger-Geschwätz und Geschwafel. Erst als sich MacDonald auf den letzten fünfzig Seiten plötzlich darauf besinnt, dass er ja eigentlichen einen Kriminalroman und keinen Bericht zur moralischen Lage der Nation schreibt, kommt die Handlung wieder in Gang. Originell ist die Auflösung nicht, aber zeittypisch und von daher wenigstens interessant - einer dieser 60er-Jahre-Paranoia-LSD-Lobotomie-Mad Scientist-Plots, die man auch in zahlreichen Kinofilmen dieser Zeit finden kann und die viel von der realen Furcht des gesunden, fleißigen, gottesfürchtigen Durchschnitts-Amerikaners vor potrauchenden Hippies, Kriegsdienstverweigerern, der freien Liebe, Rockmusik, vorlauten Journalisten, umstürzlerischen Kritikern oder oberschlauen Wissenschaftlern verrät.

Travis McGee hat dagegen sein Vaterland in Korea verteidigt! Er haut nur jene, die es wirklich verdienen! Und er wird nie müde den Frauen zu erklären, was sich für sie ziemt! Damit hat er sich sein Leben auf der sonnigen Seite und den Neid seines zahlreichen amerikanischen Publikums, das offenbar genau davon träumt, wohl wirklich verdient. Für den denkenden Leser hierzulande stellt sich hingegen die Frage, ob das jetzt noch neunzehn Bände so weitergeht. Zu diesem Zeitpunkt gibt es jedenfalls keinen Grund, seine Zeit mit diesem angeblichen Großmeister des amerikanischen Kriminalromans zu vergeuden!

Alptraum in Pink

John D. MacDonald, Heyne

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