Arsène Lupin - Der Gentleman-Gauner
- Anaconda
- Erschienen: August 2025
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Charmant, edel und nicht zu fassen.
In neun Kurzgeschichten werden uns Leben und ‚Werk‘ eines Mannes vorgestellt, der mehr als ein Meisterdieb ist bzw. sein möchte:
- Arsène Lupin wird verhaftet (L'Arrestation d'Arsène Lupin; 1905), S. 7-27: Auf einer Dampferfahrt über den Atlantik verschwindet kostbares Geschmeide, aber am Kai des Zielhafens wartet schon die Polizei.
- Arsène Lupin im Gefängnis (Arsène Lupin en Prison; 1905), S. 28-56: Unter den Augen der Justiz setzt Meisterdieb Lupin aus dem Gefängnis heraus seine kühnen Diebestaten fort.
- Arsène Lupin entkommt (L'Évasion d'Arsène Lupin; 1906), S. 57-86: Er hat seine Flucht angekündigt, weshalb das Gesetz erst recht düpiert ist, als Lupin den Worten die Tat folgen lässt.
- Der mysteriöse Fahrgast (Le Mystérieux Voyageur; 1906), S. 87-109: Ausgerechnet Lupin wird überfallen und ausgeraubt, was er keinesfalls auf sich beruhen lassen wird!
- Das Halsband der Königin (Le Collier de la Reine; 1906), S. 110-133: Lupins erster Diebstahl ist auch ein Akt der Rache an dem reichen, herrischen Paar, das einst seine Mutter schlecht behandelt hat.
- Herz Sieben (Le Sept de Cœur; 1907), S. 134-182: Irgendwo im Haus wurde ein wichtiges Dokument versteckt, das ein Dieb, ein Mörder und Arsène Lupin unbedingt finden wollen.
- Der Tresor von Madame Imbert (Le Coffre-fort de Madame Imbert; 1906), S. 183-199: Bevor er sich Meisterdieb nennen durfte, musste Lupin einen peinlichen Rückschlag erleben.
- Die schwarze Perle (La Perle Noire; 1906), S. 200-219: Lupin, der Dieb in der Nacht, findet statt der Beute die ermordete Eigentümerin, woraufhin er beschließt, den Täter zu ermitteln.
- Herlock Sholmes kommt zu spät (Herlock Sholmès Arrive trop Tard; 1906), S. 220-256: Natürlich anlässlich eines Diebstahls kreuzen sich zum ersten Mal die Wege des französischen Meisterdiebs und des englischen Ermittlergenies.
So lange es uns nicht trifft ...
Normalerweise lieben wir den Dieb, der uns in der Nacht heimsucht, überhaupt nicht, und den Räuber, der uns in persona fordernd und bedrohlich entgegentritt, hassen wir. Das ändert sich, wenn wir selbst nicht von solchen Verbrechen betroffen sind, die darüber hinaus einen ‚moralischen‘ Hintergrund aufweisen. Schließlich kennen wir alle die Legende von Robin Hood, der die bösen Reichen beraubt, um seine Beute den hilflos Armen zu geben.
Zwar wissen wir, dass wir uns hier auf märchenhafte Pfade begeben, denn der Mensch ist gemeinhin nicht für seinen Altruismus bekannt. In der Regel nutzt er für persönliche Begehrlichkeiten, was er sich nimmt - und Arsène Lupin ist mitnichten eine Ausnahme! Nun gut: die Mitbürger ohne Geld lässt er in Frieden, aber dies in dem Wissen, dass bei ihnen nichts zu holen ist. Er sucht jene heim, die ihm aus gleich noch zu nennenden Gründen missfallen mögen, aber vor allem auf reich gefüllten Geldsäcken und Schmuckschatullen hocken. Mit ihnen hatte schon das Lektüre-Publikum des beginnenden 20. Jahrhunderts wenig Mitleid, denn es gehörte mehrheitlich zu denen, die sich vor Lupin nicht fürchten mussten.
Lupin ist ein Mensch, der ungeachtet seiner ‚fachlichen‘ Kenntnisse menschliche Schwächen aufweist. Dass sein Ruhm eine Existenz als normaler Bürger (und Ehegatte) verhindert, macht ihm mehr als einmal zu schaffen. Überhaupt ist er vor allem deshalb ein Dieb geworden, weil reiche Leute ihn und erst recht seine Mutter nicht unbedingt misshandelt, aber unterdrückt und boshaft gepiesackt haben („Das Halsband der Königin“) Lupins Gedächtnis für erlittenes Unrecht ist elefantös, und sein Hang zum Rache-Raub kann sich auf Pechvögel ausweiten, denen ähnliches Unglück widerfuhr. Dabei geht er sogar so weit, einen Coup abzubrechen, um sich selbst als Ermittler zu betätigen („Die schwarze Perle“).
Der Ruf steht über dem Gewinn
Arsène Lupin ist in gewisser Weise das dunkle Spiegelbild des zeitgenössischen Adels der „Belle Époque“. Er setzt auf Stil, kann sich in höchste Gesellschaftsschichten integrieren, und für seinen Ruf ist er zu jedem Risiko bereit. Das zeigen u. a. die Storys „Arsène Lupin im Gefängnis“ und „Arsène Lupin entkommt“, in denen sich der Meisterdieb nur fangen bzw. gefangensetzen lässt, um aus seiner Zelle heraus kriminell zu agieren; dies nicht, um sich zu bereichern, sondern um die Polizei zu blamieren, deren Versagen seinem Ruf als Genie des Verbrechens nützen wird.
Kein Wunder also, dass Lupin jegliche Nachsicht fallen lässt, als er selbst Opfer eines Kriminellen wird („Der mysteriöse Fahrgast“). Da dieser ohnehin ein gemeiner Mörder ist und (nicht nur) aus Lupins Sicht jegliche Existenzberechtigung verloren hat, ist es ihm ein echtes Bedürfnis, den Frechling buchstäblich an den Galgen (bzw. unter die Guillotine) zu bringen! Ansonsten nimmt er Rückschläge als zu zahlendes Lehrgeld („Der Tresor von Madame Imbert“) oder Berufsrisiko („Arsène Lupin wird verhaftet“) sportlich hin: Auch einen Meister kann das Pech treffen, und in diesem Fall stachelt es den Betroffenen erst recht zu Höchstleistungen an, wie er sie in „Herz Sieben“ unter Beweis stellt!
Mit „Herlock Sholmes kommt zu spät“ erlaubt Leblanc sich und seinen Lesern das Vergnügen, den König der Diebe und den König der Ermittler gemeinsam auftreten zu lassen („Herlock Sholmes kommt zu spät“). Obwohl die Copyright-Gesetze noch lasch waren, befand sich England (= die englische Justiz) ein wenig zu nahe an Frankreich, weshalb Leblanc Sherlock Holmes vorsichtshalber in „Herlock Sholmes“ umbenannte. Den Zorn des Verfassers Arthur Conan Doyle musste er nicht fürchten, denn dieser nahm ‚seinen‘ Holmes nicht bierernst und genoss sogar die schon zu seinen Lebzeiten zahllosen Pastiches und Persiflagen. Leblanc sorgte außerdem für ein ausgeglichenes Treffen und ließ sowohl Lupin als auch Holmes gut aussehen. Eine echte Konfrontation wird angekündigt (denn Lupin hat es nicht lassen können, dem Detektiv wenigstens einen kleinen Streich zu spielen); Leblanc gedachte dieses Pulver nicht mit einem Schuss zu verbrauchen! Franzose und Brite würden sich erneut publikumswirksam begegnen.
Verbrechen lohnt sich (zumindest literarisch)
Maurice Leblanc wurde am 11. November 1864 in Rouen, einer kleinen Hafenstadt an der Seine, geboren. Wie es in im 19. Jahrhundert üblich war, wollte der Vater dem Sohn eine ‚sichere‘ Zukunft anbefehlen, was für Maurice die Übernahme einer Stellung im Verwaltungsapparat der Textilindustrie bedeutet hätte. Doch Leblanc wollte lieber Schriftsteller werden. Er zog nach Paris und arbeitete zunächst als Journalist. Erste ‚ernsthafte‘ Romane wurden von der Kritik zwar freundlich aufgenommen, verkauften sich jedoch nicht.
Immerhin weckten Leblancs Versuche als Autor das Interesse des Herausgebers Pierre Laffitte. Er erteilte ihm 1905 den Auftrag, für das Monatsjournal „Je Sais Tout“ eine Kurzgeschichte zu schreiben. Sie trug den Titel „Die Festnahme von Arsène Lupin“, gefiel außerordentlich und war Start einer langen Reihe von Romanen, Geschichten und Theaterstücken um den zwar skrupellosen, aber keineswegs unmoralischen Helden, der gegen Gauner-‚Kollegen‘ vorgeht, die gegen seine Grundsätze verstoßen.
Leblanc entlieh sich den Namen „Arsène Lupin“ vom Pariser Stadtrat Arsène Lopin. Obwohl Lupin nur die Reichen und Rücksichtslosen bestiehlt, war sein ‚Pate‘ nicht begeistert. Obwohl der Autor es verneinte, ist Lupins Charakter wohl vom Anarchisten Marius Jacob (1879-1954) inspiriert, der als genialer Einbrecher zum Volkshelden aufstieg und den Staat, die Justiz und die Polizei immer wieder einfallsreich vorführte.
Der Dieb in Film, Fernsehen und Stream
Arsène Lupin gehört zu den Literaturfiguren, die ihren Schöpfer - Maurice Leblanc starb am 6. November 1941 im südfranzösischen Perpignan - überlebten und auch außerhalb der gedruckten Medien erfolgreich waren. So wurde ein erster (stummer) Lupin-Film bereits 1908 gedreht. Auch ins Fernsehen (bzw. ins „Netflix“-Universum) stieß Lupin vor: Ab 2021 verlieh ihm Omar Sy in der französischen Serie „Lupin“ Gestalt, und der Enkel des Meisterdiebs ist Held der japanischen Anime-Serie „Lupin III“.
Fazit
Die neun ersten Geschichten um den Meisterdieb Arsène Lupin sind ebenso felsenfest wie nostalgisch ihrer Entstehungszeit verhaftet. Natürlich ist Lupin kein ‚normaler‘ Dieb, was seine Taten vergnüglich unvorhersehbar werden lässt: Krimi-Klassik kann auch aus nicht-angelsächsischen Gefilden stammen!

Maurice Leblanc, Anaconda







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