Nordlicht - Das fremde Gesicht (Boisen & Nyborg 7)

  • Blanvalet
  • Erschienen: März 2026
  • 2
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Thomas Gisbertz
76°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2026

Spannender Krimi, dem diesmal aber etwas das Besondere fehlt.

Als ob das schwüle, drückende Juli-Wetter, das Norddeutschland seit Tagen im Griff hat, nicht schon belastend genug wäre, muss sich die Flensburger Kommissarin Vibeke Boisen auch noch mit einem rätselhaften Mordfall auseinandersetzen: Auf einem Gestüt nahe der dänischen Grenze wird der Pferdewirt Falk Tauber-Hansen tot aufgefunden. Das Opfer wurde mit über dem Kopf gefesselten Händen an einem Seil aufgehängt, Mund und Nase wurden mit Gaffer-Tape verklebt. Der Tote ist qualvoll erstickt. In seinem Mund findet das Ermittlungsteam ein kleines Foto mit einem unbekannten Jugendlichen.

Als im nur wenige Kilometer entfernten dänischen Tønder ein Pub-Besitzer und im Kopenhagener Hafenviertel ein Geschäftsmann auf gleiche Weise mit Klebeband getötet werden und man auch bei ihnen ein Foto im Mund findet, wird die deutsch-dänische Sondereinheit GZ Padborg zusammengerufen. Auch wenn dem Team um Vibeke Boisen und ihrem dänischen Kollegen Rasmus Nyborg schnell klar wird, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben, bleibt das Motiv lange Zeit rätselhaft. Während man noch herauszufinden versucht, was die Opfer verbindet, taucht bereits eine weitere Leiche auf. Erst eine überraschende Entdeckung bringt die Sondereinheit auf die richtige Spur, die nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch zu einer menschlichen Tragödie führt.

Fortsetzung der Bestsellerreihe

Eins kennzeichnet sämtliche Bände der erfolgreichen NORDLICHT-Reihe der gebürtigen Hamburgerin Anette Hinrichs: Sie sind akribisch und zugleich äußerst liebevoll recherchiert. Darüber hinaus legt die Autorin Wert auf psychologische Tiefe statt auf spektakuläre Action. Die dichte, detailliert gezeichnete Atmosphäre und die glaubhafte Ermittlungsarbeit zeichnen darüber hinaus – ähnlich wie bei den Wisting-Romanen des norwegischen Autors Jørn Lier Horst – ihre Romane aus. Mit „Das fremde Gesicht“ erscheint bei Blanvalet nun der siebte Band rund um die deutsch-dänische Sondereinheit. Zwar gibt es auch diesmal einen grenzüberschreitenden Fall, es fehlt aber etwas das typisch verbindende Element zwischen den beide Nationen, welches ansonsten das besondere Merkmal der Reihe ist. Die Mordserie hätte sich tatsächlich überall ereignen können, da sie nichts zwingend mit der Grenzregion verbindet. Aber es ist naturgemäß nicht immer einfach, in jedem Roman einen die Länder verbindenden Grund zu finden, warum die GZ Padborg ermitteln sollte.

Dass Hinrichs’ NORDLICHT-Reihe übrigens nicht nur deutsche Leser zu fesseln versteht, beweist der Umstand, dass im März zeitgleich mit „Das fremde Gesicht“ in Dänemark der erste Band der Reihe „Die Tote am Strand“ zunächst als eBook und Hörbuch erschien. Gyldendal, der größte und renommierteste Verlag Dänemarks, erwarb die Rechte an der Reihe. Für Juni ist nun sogar die Veröffentlichung der Printausgabe geplant – wahrlich ein Ritterschlag für die deutsche Autorin. Die dänische Leserschaft darf sich bereits jetzt auf eine unterhaltsame Krimireihe freuen.

Ermittler und Vater

Neben der Haupthandlung rückt auch immer das Privatleben des Ermittlerduos in den Fokus der NORDLICHT-Romane. Diesmal verfolgt Rasmus Nyborg verstärkt den Spuren eines Drogenboss, der aus seiner Sicht für den Tod seines Sohnes Anton verantwortlich ist. Dabei macht der dänische Ermittler regelrecht Jagd auf den Kopenhagener Kopf des Serben-Kartells. Selbst während der Ermittlungen zur aktuellen Mordserie stellt Nyborg weitere Nachforschungen an, um endlich mit Dimitri Markov den vermeintlich Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Am Ende bekommt die Suche nach dem Kriminellen noch eine ganz spezielle Note, wenn das Motiv des Täters, den die GZ Padborg sucht, aufgedeckt wird. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Anette Hinrichs tut gut daran, dieser Nebenhandlung mehr Platz einzuräumen, zumal die Ermittlungen in den zahlreichen Gaffer-Tape-Morden lange Zeit sehr ähnlich verlaufen. Besonders die ungewöhnlichen Reaktionen der Angehörigen bei den Befragungen bekommen am Ende aber noch eine wichtige Bedeutung. Dennoch fehlt der Handlung im Mittelteil etwas der überraschende Moment und der inhaltliche Fortschritt. Dazu tragen auch Perspektivwechsel bei, deren Relevanz sich nicht unmittelbar, sondern erst am Ende erschließen lässt. Zum Schluss überrascht Hinrichs mit einem nicht unbedingt zu erwartenden Täter, wenn sie Handlungsfäden gewohnt souverän zusammenführt. Überhaupt sind die Auflösungen eine besondere Stärke der Autorin. Diesmal lässt sie bewusst Fragen offen und bezieht somit den Leser stärker in die „Urteilsfindung“ ein.

Fazit

Auch wenn es dem siebten Band der NORDLICHT-Reihe diesmal etwas an der deutsch-dänischen „Besonderheit“ fehlt und die Handlung im Mittelteil gerne etwas temporeicher sein dürfte, liefert Anette Hinrichs erneut einen spannenden Roman, der neben einer überraschenden Auflösung vor allem mit einer facettenreichen Figurendarstellung zu überzeugen weiß. Es ist schon erstaunlich, mit welcher scheinbaren Mühelosigkeit Anette Hinrichs großartige Kriminalromane hervorbringt. Damit gehört sie ohne Zweifel zu den besten deutschsprachigen Autorinnen.

Nordlicht - Das fremde Gesicht (Boisen & Nyborg 7)

Anette Hinrichs, Blanvalet

Nordlicht - Das fremde Gesicht (Boisen & Nyborg 7)

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