Der Rest war Schweigen

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • Moskau: Eksmo, 1995, Titel: 'Ubijca ponevole', Seiten: 405, Originalsprache
  • Berlin: Argon, 1999, Seiten: 261, Übersetzt: Natascha Wodin
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2001, Seiten: 261

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Peter Kümmel
Um Klassen besser als der erste Fall

Buch-Rezension von Peter Kümmel Nov 2003

Mit "Der Rest war Schweigen" legt Alexandra Marinina "Anastasijas zweiten Fall" vor. Zumindest für ihre deutschen Leser ist es der zweite Fall. Nicht sehr sinnvoll, die Romane dieser Art nach der Reihenfolge ihres Erscheinens ins Deutschland durchzunumerieren, denn chronologisch passt das nicht. Zunächst sei kurz rekapituliert, was wir von der Protagonistin aus dem nicht sehr überzeugenden "ersten Fall" bereits wissen:

Anastasija Pawlowna Kamenskaja, kurz Nastja genannt, ist Mitte 30 und leitende Beamtin bei der Moskauer Kriminalpolizei. Ihre Mutter arbeitet seit zwei Jahren an einer Universität in Schweden, ihr Stiefvater hat sich an sein Dasein als Strohwitwer gewöhnt. Auch bei Nastja verläuft das Liebesleben ähnlich: Sie hat zwar seit zehn Jahren mit Ljoscha eine feste Beziehung, doch wohnen sie noch immer getrennt und es stört Nastja gar nicht, dass Ljoscha auch zwischenzeitlich andere Frauen hat. Ihre Hauptaufgabe sieht sie in ihrem Beruf. Sie ist eine überaus geschätzte Analytikerin im Rang eines Majors der Miliz und ihre Schlußfolgerungen sind sehr gefragt. Obwohl sie als Frau in einer solchen Position in Russland einen schweren Stand hat, setzt sie sich doch meist durch. Sie ist sehr konsequent und kann bisweilen auch nachtragend sein. Sie ernährt sich überwiegend von Kaffee und Zigaretten. Vom Äußeren her wirkt sie ziemlich unscheinbar und trägt gerne bequeme Sachen, so daß sie nicht gerade sehr anziehend auf Männer ist. Sie ist sehr introvertiert, doch besticht sie immer wieder durch ihre Schlagfertigkeit, lässt aber jeglichen Humor vermissen.

Zu Beginn ihres zweiten Falles lernen wir ihren jüngeren Stiefbruder Alexander kennen: erfolgreicher Geschäftsmann, wohlhabend,verheiratet, eine Tochter. Seine Frau liebt er nicht, fühlt sich jedoch wegen ihres gemeinsamen Kindes an sie gebunden. Nebenbei hat er eine Geliebte: Dascha. Und diese ist der Grund dafür, dass er seine Stiefschwester, zu der er seit Jahren keinen Kontakt hatte, um einen Gefallen bittet. Mehreren seiner Freunde wurden die Ausweise entwendet, kurz nachdem er sie mit seiner Freundin bekannt gemacht hatte. Nun möchte Alexander wissen, ob Dascha etwas damit zu tun hat.

Nastja nimmt die junge Frau daraufhin in ihrer Freizeit etwas genauer unter die Lupe. Was sie schließlich herausfindet, ist etwas völlig anderes, als sie vermutet hat.

Das Buch beginnt zunächst mit mehreren völlig unabhängigen Handlungssträngen. Doch wie sich diese immer mehr verzahnen und dem Leser nicht nur eine, sondern gleich mehrere Ereignisse offenbaren, die absolut überraschend sind und mit dem Ausgangspunkt nur eine zufällige Verbindung haben, das ist schon klasse gemacht.

Im Gegensatz zu ihrem müden Debütroman "Auf fremdem Terrain" zeigt die Autorin hier einen genial konstruierten dichten Plot, der dem Leser spannende Unterhaltung bietet. Ohne weitschweifig auszuholen und mit ausführlichen Ortsbeschreibungen oder Ausführungen über das Wetter zu langweilen, schafft sie eine fesselnde Atmosphäre mit einer guten Darstellung der russischen Gesellschaft der heutigen Zeit. Halbwelt und mafiaähnliche Verbindungen stehen dabei der russischen Miliz gegenüber, zu der auch die unbescholtenen Bürger kein Vertrauen haben, so daß sich die Ermittlungen nicht gerade einfach und problemlos gestalten.

Zweifellos dürfte das Buch beim Vorlesen deutschen Zungen aufgrund der russischen Namen einige Probleme bereiten. Wenn man sie aber nicht aussprechen muß, hat man sich schnell an die Namen gewöhnt und kann die gut dargestellten und ungewöhnlichen Charaktere problemlos zuordnen.

"Der Rest war Schweigen" zeigt wieder einmal, dass auch in Russland erstklassige Kriminalliteratur geschrieben wird. Das Buch ist um Klassen besser als der erste Fall der Reihe, auf den man getrost verzichten kann, da diese Reihenfolge sowieso keine Rückschlüsse auf die Chronologie des Geschehens zulässt.

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