Marc Elsberg

03.2019 Thomas Gisbertz im Gespräch mit Marc Elsberg, dem Autor der internationalen Bestseller "Blackout" und "Zero", über sein neues Buch "Gier".

Wer Elsberg liest, weiß, dass ich meine Leserinnen nicht für dumm halte. Meine Thriller sind ein Angebot: hier hast du spannende neue Gedanken – wenn du willst, kannst du dich damit auseinandersetzen, aber du musst nicht.

Krimi-Couch:
Zum ersten Mal stellen Sie in Ihrem neuen Roman „Gier“ ein wirtschafts- und gleichzeitig gesellschaftspolitisches Thema in den Mittelpunkt. Was war der Grund, sich diesmal mit der wirtschaftlichen Ungleichheit in der Welt und dem immer stärkeren Auseinanderdriften von Arm und Reich zu beschäftigen?

Marc Elsberg:
Zum einen sind das mit die brennenden Themen unserer Zeit. Zum zweiten habe ich wissenschaftliche Arbeiten entdeckt, die hier bahnbrechende neue Erkenntnisse und damit Lösungs- und Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Mit der wissenschaftlichen Fundierung konnte ich also einen „richtigen Elsberg“ auch zu diesen Themen schreiben – einen Wissenschafts-Gesellschafts-Thriller.

Krimi-Couch:
Wie lange haben Sie sich in den wirtschaftlichen Kontext einarbeiten müssen, bevor Sie mit dem eigentlichen Schreibprozess beginnen konnten?

Marc Elsberg:
Ich interesseire mich für diese Themen schon sehr lange, habe seinerzeit ja auch einmal ein Wirtschaftsstudium zumindest begonnen. Nachdem ich auf die Arbeiten des London Mathematical Laboratory gestoßen war, musste ich natürlich vieles noch weiter vertiefen beziehungsweise anschauen, wie sich Etabliertes aus dieser neuen Perspektive darstellt.

Krimi-Couch:
Sie sagen selber, dass Sie die individuellen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Arbeiten, auf die Sie sich beziehen, lediglich anreißen bzw. andiskutieren konnten. Wie schwer ist es dadurch, Aspekte und auch Zusammenhänge für den Laien verständlich darzustellen?

Marc Elsberg:
Die Arbeiten der Londoner sind so grundlegend, bahnbrechend und weitreichend, dass man mehrere Bücher daraus machen könnte. Ich habe mich auf ein Thema konzentriert, das ich momentan für das Drängendste halte. Viele Aspekte erwähne ich daher nur in Nebensätzen, eigentlich um die mitlesenden und interessierten Experten auf dem einen oder anderen Gebiet anzuregen, sich dazu Gedanken zu machen. Das können natürlich auch interessierte Laien sein, wenn sie Zeit und Geduld aufbringen, sich eingehender damit zu beschäftigen. Es gibt da nämlich unheimlich viel zu entdecken, und vieles, was wir heute nicht erklären können, wird auf einmal ganz einfach.

Krimi-Couch:
Im Handlungsverlauf gehen Sie auf zahlreiche wirtschaftliche Theorien und Begriffe wie Subsidiaritätsprinzip, Kelly-Kriterium oder auch Pareto-Verteilung ein. Haben Sie keine Sorge, Ihre Leser damit vielleicht auch zu überfordern?

Marc Elsberg:
Sicher, aber damit muss ich leben. Wer Elsberg liest, weiß außerdem, dass ich meine Leserinnen nicht für dumm halte. Meine Thriller sind ein Angebot: hier hast du spannende neue Gedanken – wenn du willst, kannst du dich damit auseinandersetzen, aber du musst nicht. Damit bin ich in ‚Gier‘ sicher deutlich weiter gegangen als in den bisherigen Thrillern. Dafür lohnt es sich für jene, die sich wirklich damit auseinandersetzen und nicht bloß berieseln lassen wollen.

Krimi-Couch:
Sie schreiben im Nachwort, dass die meisten Figuren Fiktion seien. Bei welchen gibt es denn konkrete Vorbilder?

Marc Elsberg:
Bei einer Nobelpreisträgerin, die keine eine Rolle im Buch spielt und nur einmal nebenbei erwähnt wird. In den meisten Figuren fließen – wie immer – Anregungen durch verschiedene reale Vorbilder und meine Fantasie ineinander.

Krimi-Couch:
Welche Figur in „Gier“ steht Ihnen am nächsten und warum?

Marc Elsberg:
Meine Figuren, ob „gut“ oder „böse“ stehen mir immer alle nahe, weil ich ja viel Zeit mit ihnen verbracht habe. Oft mag ich sogar jene, die konventionell wohl als die „Bösen“ gesehen werden ein bisschen mehr, etwa das digitale Superhirn Carl Montik und den US-Stabschef in „Zero“, oder den Schöpfer der Designerbabys in „Helix“, weil sie so verrückt sind zu glauben, das vermeintlich Unmögliche sei möglich zu machen – und es tun. In ‚Gier‘ aber mag ich vielleicht am liebsten den gleich zu Beginn ermordeten Will Cantor sowie Fitzroy Peel und Jeanne Dalli. Und natürlich Oma Sieglinde.

Krimi-Couch:
Als was würden Sie „Gier“ bezeichnen? Eher als (Wirtschafts-)Roman oder doch als Thriller?

Marc Elsberg:
So wie auch meine anderen Romane sprengt auch ‚Gier‘ ein wenig die Rahmen klassischer Genre-Zuschreibungen. ‚Gier‘ ist ein Gesellschafts-Wirtschafts-Polit-Wissenschafts-Actionthrillerkrimi.

Krimi-Couch:
Zum Abschluss: Hat die Recherche zu „Gier“ Ihr persönliches Verhalten und Ihre Einstellung verändert? Gelingt es Ihnen, das Prinzip der Kooperation, welches Sie in der „Bauernfabel“ darstellen, selber in irgendeiner Form zu leben oder kann es leider bislang nur Theorie bleiben?

Marc Elsberg:
Wie ich in ‚Gier‘ ja darzustellen versuche, leben wir Menschen ohnehin häufig nach diesem Prinzip – ohne genau zu wissen, warum. Nun haben wir eine gute Erklärung dafür, ein Modell, mit dem Entscheider in vielen Bereichen besser arbeiten können als bisher. Ich würde sagen, dass ich schon bisher eher zu den kooperativ denkenden und handelnden Personen gehört habe, die Entdeckung dieser wissenschaftlichen Arbeiten also eher meine ohnehin bestehende Haltung bestätigt hat.

Das Interview führte Thomas Gisbertz im März 2019.
Foto: © Lukas Ilgner