ZERO - Sie wissen, was du tust

  • Blanvalet
  • Erschienen: Januar 2014
  • München: Blanvalet, 2014, Seiten: 480, Originalsprache
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Jürgen Priester
86°

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2014

Brandaktuell und hochbrisant

In der Unterhaltungsliteratur war Marc Elsberg einer der Abräumer der letzten zwei Jahre. Im ganzen deutschsprachigen Raum, besonders natürlich in seinem Heimatland Österreich, generierte sein Debütroman Blackout allerbeste Verkaufszahlen. Das galt schon für die gebundene Erstausgabe vom März 2012, was bei einem Neuling eher selten der Fall ist. Die Taschenbuch-Ausgabe vom Juni 2013 trieb den Absatz noch einmal in unerwartete Höhen. Kritiker und Leser waren des Lobes voll. Blackout ist ein fulminanter Thriller über die Fragilität unserer Versorgungssysteme. Eine gezielte lokale Manipulation führt zu einer kontinentalen Katastrophe.

Um Manipulationen größeren Umfangs geht es jetzt in Marc Elsbergs zweitem Roman Zero. Der Untertitel: "Sie wissen, was du tust" gibt schon einen Hinweis darauf, dass der Roman von den Datensammel-Exzessen staatlicher und privater Institutionen handelt. In einem kurzen Vorwort schreibt der Autor sinngemäß, dass sein Roman "etwas" in der Zukunft spielt. Wenn man aber die Schlagzeilen der letzten Tage (Anfang Juni 2014) liest, wird man erschreckend feststellen, dass die reale Gegenwart Elsbergs fiktive Zukunft schneller einholt als erwartet.

Die Enthüllungen des Ex-Geheimdienstmanns Edward Snowdon brachten es an den Tag. Ganze Bevölkerungen werden abgehört von der ersten Frau bis zum letzten Mann. Diese Tatsache allein mag viele gar nicht weiter überrascht haben. Spionage gehört seit Jahrhunderten zum Alltagsgeschäft zwischen Staaten oder Interessengruppen. Je mehr ich von meinem Gegenüber weiß, desto besser kann ich ihn einschätzen, desto leichter fällt es, ihn zu manipulieren und Macht über ihn auszuüben. Das Erschreckende an Snowdons Veröffentlichungen ist wohl das gigantische Volumen der Bespitzelung und die Tatsache, dass die Geheimdienste der westlichen "Werte"gemeinschaft eng miteinander kooperieren und die größtenteils wider geltendes Recht erhobenen Daten untereinander austauschen. Der größte Datenkrake ist die US-amerikanische NSA mit geschätzten 40 000! Mitarbeitern. Die genaue Zahl ist natürlich geheim. Man kann sich kaum vorstellen, über welche Kapazitäten sie  weltweit verfügt.

Aber nicht nur staatliche Stellen sind an möglichst umfassenden Daten über ihre Bürger interessiert, sondern auch die Privatwirtschaft will alles über ihre User, Mitglieder oder Kunden wissen. Es ist müßig, aufzuzählen, wo überall ein jeder von uns freiwillig oder unfreiwillig, wissentlich oder unwissentlich seine Daten hinterlässt, wo sie gespeichert, ausgewertet oder verkauft werden. Ist es nur ein Gedankenspiel oder schon die Zukunft, dass Datenspender für die Überlassung ihrer Daten bezahlt werden?  Im Roman ist diese Idee schon umgesetzt worden. Eine Internet-Plattform mit dem euphemistischen Namen "Freemee" bietet ihren Usern Beratung in allen Lebenslagen, kombiniert mit der Preisgabe persönlicher Daten zu Werbezwecken gegen Bezahlung.

Der Roman beginnt mit einer amüsanten Szene: der amerikanische Präsident beim Golfen im Kreis seiner Familie. Unter den wachsamen Augen des Sicherheitspersonals kommt es zu einem spektakulären Paparazzi-Überfall quasi aus heiterem Himmel. Der Präsident wird aller Welt via Internet, von seinen Lieblingstechnologien verfolgt, der Lächerlichkeit preisgegeben. Verantwortlich für diesen Coup zeichnet eine Person oder Gruppe von Internetaktivisten mit dem Namen "Zero". Wer sich erdreistet, am amerikanischen Machtgefüge zu rütteln, kann nur ein Terrorist sein. Dementsprechend umfangreich sind die Aktivitäten, die sich jetzt entfalten.

Von London aus verfolgt die Journalistin Cynthia Bonsant das präsidiale Debakel auf einem Großbildschirm. Die Redaktion ihres Online-Magazins ist gerade in neue Räumlichkeiten umgezogen ausgestattet mit Hightech vom Feinsten. Zur Feier des Einzugs gibt es für alle relevanten Mitarbeiter eine Datenbrille mit Gesichtserkennungs-Software. Cynthia steht technischen Neuerungen eher skeptisch gegenüber, testet die smarte Brille erst auf dem Heimweg von der Arbeit und erlebt ein blaues Wunder erschreckend und faszinierend zugleich. Am Tag darauf leiht sie die Brille ihrer fünfzehnjährigen Tochter Viola, in deren Freundeskreis das Hightech-Gerät für Furore sorgt. Es kommt zu einem Zwischenfall in Zusammenhang mit der Gesichtserkennung ein Schlusswechsel mit tödlichem Ausgang. Cynthia, die sich als Besitzerin der Brille schuldig fühlt, geht der Frage nach, wie das passieren konnte. Dabei stößt sie auf das Internetportal "Freemee", von dem ihre Tochter und deren Freunde total begeistert sind, weil es ihr Leben positiv verändert hat. Cynthia gelingt ein Blick hinter die Kulissen der anscheinend altruistischen Firma. Das Unternehmen hat einige Leichen im Keller (im wahrsten Sinne des Wortes). Cynthias Aktivitäten bleiben nicht unbemerkt. Sie gerät ins Fadenkreuz skrupelloser Geschäftsmänner, die zudem noch auf staatliche Unterstützung bauen können, denn sie verbindet ein gemeinsamer Gegner: Zero.

Gut ein Jahr ist es her, dass Edward Snowdon seinen Job als Systemadministrator aufgab und begann, die Machenschaften seiner früheren Dienstherren CIA, NSA und DIA  aufzudecken. Seitdem gibt es fast wöchentlich neue Enthüllungen. Gerade wurde bekannt, dass die NSA täglich Millionen von Fotos aus dem Internet herunterlädt, um sie mit einer Gesichtserkennungssoftware zu überprüfen.Wie weit Überwachung und Bespitzelung noch gehen werden, ist kaum vorstellbar. Marc Elsberg hat den Versuch unternommen, die Möglichkeiten vorhandener Technologien zu einem Gesamtbild zu verknüpfen. Das ist ihm hervorragend gelungen.

Wie schon in Blackout weist der Autor auch in Zero auf die Schwachstellen unserer hochtechnisierten Welt hin. Führte im Debütroman ein Blackout in europäischen Kraftwerken direkt in eine Katastrophe, so ist die Bedrohung in Zero viel subtiler, weil die Auswirkungen nicht sofort spürbar sind und von den meisten gar nicht wahrgenommen werden. Ausspähung und Überwachung sollen ja im Interesse der Nutznießer im Geheimen stattfinden. Gelangt tatsächlich einmal etwas an die Öffentlichkeit, folgen Verschleierung und Verharmlosung darin sind unsere Politiker und die gleichgeschalteten Leitmedien ganz groß. Wie der Rezensent schon an anderer Stelle schrieb, kommen Politik und Medien ihrer Verantwortung der Bevölkerung gegenüber nicht nach und einige Schriftsteller sind als kritische Instanz eingesprungen. Das ist sowohl eine erfreuliche, als auch notwendige Entwicklung.

Elsbergs Zero ist nicht nur hochbrisant und topaktuell, sondern auch rasant geplottet, wie es sich für einen guten Thriller gehört. Wer Blackout gelesen hat, weiß, dass der Autor sein Handwerk beherrscht. Zero ist spannende Lektüre, an deren Ende man sich fragt, leben wir noch in 2014 oder schon in 1984.

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