GIER - Wie weit würdest du gehen?

Erschienen: Februar 2019

Bibliographische Angaben

Hardcover mit Schutzumschlag, 448 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 39 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-7645-0632-2

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Thomas Gisbertz
Kritik an der kapitalistischen Welt

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Mär 2019

Die Welt gerät einmal mehr aus den Fugen. Nach dem Platzen der Blase von Unternehmensschulden droht eine Finanzkrise wie 2008. Die Folgen der neuen Weltwirtschaftskrise treiben Banken, Unternehmen und Staaten erneut in den Bankrott. Zeitgleich eskalieren dadurch nationale und internationale Konflikte. Während Hunderttausende in Berlin gegen neue Sparpakete zur Banken- und Unternehmensrettung protestieren, findet parallel ein Sondergipfel der Wirtschaftsbosse und Staatsoberhäupter statt, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Herbert Thompson, einflussreicher Nobelpreisträger, scheint die Formel gefunden zu haben, die den Wohlstand aller garantiert. Doch bevor er sie präsentieren kann, sterben er und sein Bekannter Will Cantor bei einem Autounfall.

Ungewollter Zeuge

Krankenpfleger Jan Wutte, der gerade auf dem Weg von seiner Arbeit im Krankenhaus nach Hause ist, beobachtet den dramatischen Autounfall und leistet erste Hilfe. Während zwei Insassen auf der Stelle tot sind, schafft es Will Cantor noch, Jan leise etwas zuzuflüstern, bevor auch er verstirbt. Allerdings versteht Jan nur einzelne Bruchstücke, die nach Namen und Orten klingen.

Plötzlich wird der Krankenpfleger von einer Gruppe trainierter Männer in dunkler Freizeitkleidung, die wie ein SWAT-Team auftreten, angegriffen. Einer von ihnen versucht sogar, den unliebsamen Zeugen zu beseitigen. Nur mit Glück kann Jan seinen Angreifern entkommen. So wird er unfreiwillig in ein gefährliches Spiel hineingezogen.

Jan will unbedingt wissen, was die letzten Worte des Sterbenden zu bedeuten haben. Gemeinsam mit Fitzroy Peel, einem Freud von Will, macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit - aber die Mörder sind ihnen dicht auf den Fersen. Eine Hetzjagd durch Berlin beginnt.

Gesellschaftspolitischer Autor

Marc Rafelsberger, wie Elsberg mit bürgerlichem Namen heißt, hat sich in den letzten Jahren mit brisanten und gesellschaftskritischen Romanen einen Namen gemacht: Größere Bekanntheit erlangte der Autor 2012 mit seinem Werk „Blackout - Morgen ist es zu spät“, der den flächendeckenden Zusammenbruch des Stromnetzes und dessen Folgen thematisiert. 2014 setzte er sich in „Zero - Sie wissen, was Du tust“ mit den Themen „Big Data“ und „Datenschutz“ auseinander. „Helix - Sie werden uns ersetzen“ (2016) beschäftigt sich mit den Auswüchsen der Genetik. Mit „Gier - Wie weit würdest du gehen?“ rückt er nun erstmals ein wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Thema in den Mittelpunkt.

Komplexe wirtschaftliche Systeme und Prinzipien

Der Blanvalet-Verlag selber bezeichnet Marc Elsbergs „Gier“ als Roman. Als Leser fragt man sich zuweilen, ob der Autor nicht besser ein Sachbuch daraus gemacht hätte. Die „Bauernfabel“, die Elsberg als Grundlage seiner Ausführungen in „Gier“ selber entwickelte, basiert auf den wissenschaftlichen Arbeiten von Ole Peters' Gruppe am London Mathematical Laboratory. Der Autor möchte den Nachweis antreten, dass das Prinzip der Kooperation anstelle des vorherrschenden Konkurrenzgedankens zum Wohlstand aller Menschen weltweit führen würde. Dieses zentrale Thema des Romans wurde sehr genau und akribisch recherchiert, was an sich schon bemerkenswert ist.

Elsberg räumt zwar im Nachwort seines Romans ein, dass die individuellen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der genannten Arbeiten so weitreichend seien, dass man im Buch nur einige davon anreißen und andiskutieren könne, aber genau hier liegt die Besonderheit - oder halt die Schwierigkeit - bei der Lektüre. Elsberg wirft mit wirtschaftsrelevanten Fachbegriffen - wie z.B. Spieltheorie, komparativer Vorteil, Pareto-Verteilung, Entscheidungstheorie, Nutzenfunktion, Kelly-Kriterium, Erdogenprinzip - nur so um sich. Den einen oder anderen Leser wird das überfordern, auch wenn es Elsberg überwiegend gelingt, die komplexen und mitunter schwer verständlichen wirtschaftlichen Zusammenhänge und Theorien für Laien greifbar zu machen. Sein Ansatz ist auf jeden Fall ein faszinierender Gegenentwurf zur Idee des Kapitalismus. Leider fällt der kritische Diskurs hierüber selbst am Ende des Romans zu knapp und zu oberflächlich aus.

Sachbuch oder auch Thriller?

So gewinnbringend Elsbergs wirtschaftliche Ausführungen für den interessierten Leser auch sein mögen - der Spannungsbogen und das Tempo der Handlung leiden mitunter darunter. Man hat das Gefühl, dass Elsbergs Idee einer Weltformel zum Wohlstand aller mehr im Vordergrund steht als die Ermordung des Nobelpreisträgers Thompson. Wenn ausgebildete Profikiller Schwierigkeiten haben, einen Krankenpfleger und den Sohn eines englischen Diplomaten zum Schweigen zu bringen, weil sie ihnen immer wieder entkommen, mag dies im Bereich des Romans möglich sein, wirkt aber trotzdem wenig überzeugend.

Auch die einzelnen Charaktere scheint Elsberg eher nach dem Kriterium auszusuchen, ob sie in der Lage sind, in glaubwürdiger Weise wirtschaftlich komplexe Themen zu diskutieren. Da gibt es zum einen die Fachleute wie Fitzroy Peel, Jeanne Dalli oder die Hausbesetzerin Nida, die als Ökonomin eingeführt wird, und zum anderen den unwissenden (und teilweise naiven) Jan Wutte oder auch Kims Großmutter, die alles mit Bauernschläue zu erklären versucht. Das alles klingt zu konstruiert.

Zu gefallen weiß aber die Darstellung der ermittelnden Beamten: Neben Jörn Schesta, der als chaotischer Draufgänger und Dickkopf dargestellt wird, überzeugt vor allem Kommissarin Maja Paritta. Sie wirkt in ihrem Auftreten erfrischend anders, bleibt aber jederzeit glaubwürdig in ihrem Handeln, auch wenn sie dadurch immer wieder mit ihrem Vorgesetzten aneinander gerät.

Fazit:

Elsberg-Fans werden ebenso auf ihre Kosten kommen wie Leser, die an wirtschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Themen Interesse finden. Wer einen temporeichen und mitreißenden Thriller erwartet, wird dagegen vielleicht enttäuscht sein. Zu oft hat man das Gefühl, ein Sachbuch in Händen zu halten. Wer am Ende den Mord an Thompson und Cantor in Auftrag gegeben hat, wird zwar aufgelöst, verkommt aber zur Nebensächlichkeit und spielt keinerlei Rolle. Das verrät viel über den Schwerpunkt der Handlung. Den Höhepunkt stellt nicht etwa die Ergreifung des Täters dar, sondern ein - zumindest ansatzweise kontroverser - Diskurs der Theorie zum Schluss des Romans.

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Letzte Kommentare:
22.07.2019 19:29:16
LACK OF LIES

Marc Elsberg - Gier-Wie weit würdest du gehen?
(Blanvalet Verlag)

- zu viel Theorie, zu wenig Praxis -

Die Szenarien, die der am 03.01.1967 in Wien geborene, mit bürgerlichem Namen Marcus Rafelsberger heißende österreichische Schriftsteller Marc Elsberg in seinen fundierten Wissenschaftsthrillern kreiert, sind vornehmlich dystopischer Art. So hat auch "Gier" die frappierende Ungleichheit der Bevölkerung, die soziale Ungerechtigkeit des Kapitalismus, die anmaßende Eleganz der Dekadenz und den unvermeidbaren Niedergang des Systems zum Thema erkoren: Wirtschaftsgipfel in Berlin. Ein Finanzkollaps droht. Demonstrationen, Plakate, Molotowcocktails, Polizisten, brennende Autos, ein wütender Mob. Eine gepanzerte Mercedes Limousine fährt mitten hindurch. Scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste. Einige hundert Meter weiter folgt ein schwerer Unfall, der den Wagen aus der Fahrspur katapultiert. Direkt gegen einen Baum. Jan Wutte, ein fast noch jugendlicher, zufällig vorbeikommender Radfahrer und Pfleger will den Verunglückten helfen, wird aber von vier muskulösen, schwarz gekleideten und behandschuhten Männern unsanft von seinem ehrenwerten Vorhaben abgebracht. Einer der Fahrzeuginsassen konnte Jan jedoch noch etwas mehr oder weniger verständliches ins Ohr flüstern. Und dann geht alles in Flammen auf. Der Nobelpreisträger Herbert Thompson stirbt neben zwei weiteren Personen in dem brennenden Fahrzeugwrack. Er hatte gemeinsam mit Will Cantor, der ebenfalls in dem Fahrzeug verbrannte, ein Essay bezüglich einer neuen wirtschaftlichen Weltordnung verfasst, das einigen Personen in Politik und Wirtschaft übel aufgestoßen haben dürfte.

Jan Wutte flieht. Direkt in die Arme der Polizei. Er wird von den Beamten noch vor Ort befragt. Man scheint ihn zu verdächtigen, den Brand gelegt zu haben und somit Schuld am Tod der drei Fahrzeugpassagiere zu tragen. Jan sieht in einem unbeobachteten Moment zu, dass er auch hier schnellstmöglich Land gewinnt. Und dieses Mal hat er neben den schwarz gekleideten Gangstern zusätzlich noch die Polizei im Nacken. Wer wird seiner wohl zuerst habhaft? Wutte versucht sich einen Reim auf das zu machen, was ihm einer der Todgeweihten zuvor ins Ohr geflüstert hatte. Auf seiner Suche begibt sich der Pfleger in eine Bar. In die Golden Bar. Dies war einer der Namen, bzw. Örtlichkeiten, die der Sterbende ihm noch hatte zuflüstern können. Sehr zur Verwunderung seiner Verfolger bestellt sich Jan dort scheinbar seelenruhig ein Bier, geht dann zielstrebig auf einen der Tische zu und beginnt mit den jungen Leuten am Tisch um Geld zu zocken. Seine sichtlich irritierten Verfolger beobachten ihn, bis ein schlechter Verlierer die Nerven verliert und am Tisch eine Schlägerei anzettelt. Die Männer in Schwarz wollen Jan Wutte habhaft werden oder in gar töten. Doch Jan kann mit einem der jungen Leute vom Tisch, einem Engländer und professionellen Spieler namens Fitzroy Peel, ein weiteres Mal fliehen. Peel steht in direkter Verbindung zu dem Fahrzeuginsassen, der Jan die bruchstückhaften Worte ins Ohr geflüstert hatte. Für ihn und den Engländer beginnt eine Verfolgungsjagd im Stile von "Die Bourne Identität" durch die Straßen, Häuser, Hotels und sogar auf den Dächern von Berlin. Immer auf der Suche nach Anhaltspunkten, die ihnen ihre prekäre Lage erklärt. Maja und Jörn, zwei Polizisten, sowie ihre muskelbepackten Verfolger sind ihnen dabei ständig auf den Fersen.

Marc Elsberg kreiert zu Beginn seines achten Romans einen ziemlichen Wirrwarr aus den verschiedensten Erzählsträngen, Personen und Situationen. Er vergisst darüber den Leser, der seine liebe Mühe damit hat, seinen Gedankengängen ohne besondere Charakterzeichnungen oder entsprechendes Lokalkolorit zu folgen. Zu viele Überlegungen, zu wenig Fakten. Zu viel Theorie und zu wenig Praxis. Will sagen zu viel Wirtschaftswissenschaften und Mathematik, zu wenig Story. Dies hemmt immer wieder unnötig den Lesefluss. Man muss schon einen gewissen Faible für die Grundthematik des Romans haben, um nicht immer wieder zwischendrin seufzend aufzumerken und sich zu fragen: "Schon wieder dieses Thema?". Der Roman wirkt daher auch leider etwas zu konstruiert und unpersönlich, die Protagonisten wenig sympathisch, sodass man sich kaum mit Ihnen identifizieren kann oder möchte. Wer hier einen lupenreinen und in erster Linie unterhaltsamen Thriller erwartet, wird das Buch nach den letzten Zeilen sicherlich mit einer gewissen Enttäuschung zuklappen. „Gier“, der neueste Roman des Science-Thriller Autors Marc Elsberg kommt somit leider nicht an den Vorgänger „Helix-Sie werden uns ersetzen“ heran. Guter Roman, der jedoch außer dem thematischen Grundgerüst kaum zwingendes mit sich bringt.

Meine Wertung: 77/100

Hardcover mit Schutzumschlag, 448 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 39 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-7645-0632-2
€ 24,00 [D] | € 24,70 [A] | CHF 33,90* (* empf. VK-Preis)
Verlag: Blanvalet
Erscheinungstermin: 25. Februar 2019

31.03.2019 12:23:06
TGerwert

Beim vorliegenden Buch muss man sich schon die Frage stellen, was sollte es werden?

Ein Krimi / Thriller? Dafür sind die Figuren und insbesondere deren Motive viel zu schwach gezeichnet. Im Prinzip verfolgt man die Hauptprotagonisten bei immer gleichen Verfolgungsjagden ohne wirklich Spannung oder überraschende Momente. Die reine Krimehandlung ist aus meiner Sicht ziemlich schwach.

Bleibt die Frage, ob es eine Kritik an das herrschende Wirtschafts- und somit Gesellschaftssystem sein sollte. Dann kann man das durchaus so bejahen. Denn mit seinem Buch geht der Autor sehr konfrontativ mit herrschenden Dogmen zur Wirtschaftsordnung ins Gericht. Und das begründet er durchaus gut und auch nachvollziehbar.

Womit wir zur dritten möglichen Kategorie kommen, ein Lehrbuch über Wirtschaft.

Und ich denke, dies triff es in Kombination mit dem vorgenannten Punkt am Besten.
Man merkt beim lesen, wie intensiv sich Marc Elsberg mit grundlegenden volkswirtschaftlichen Themen beschäftigt hat. Das er bei der aufgezeigeten "Wirtschafts- und Finanzkrise" recht oberflächlich bleibt, sei ihm an dieser Stelle verziehen, das erwähnt er auch selber im Nachwort. Es diente auch eigentlich nur zum Einstieg in die Thematik. Denn in den Vordergund stellt er eben nicht so sehr das zu Anfang skizzierte Krisenszenaio sondern stellt die Frage der Verteilungsgerechtigkeit in den Mittelpunkt des Buches.

Hier gelingt es ihm aus meiner Sicht gut, die Leser inhaltlich abzuholen und das grundlegende Verständnis der herrschenden versus seiner "neuen" Wirtschaftslehre darzustellen.
Eine ziemlich lebendige Einführung in die VWL ist das!

Das hierzu einfache Beispiele und auch Zeichnungen herangezogen werden, finde ich persönlich gut, macht aber um so mehr deutlich, dass es eben kein klassischer Krimi ist oder vielleicht sogar sein soll.

Die Konklusion zum Ende des Buches, die der Autor zieht, eine Wirtschaftsordnung die für jeden in der Gesellschaft Vorteile hervorbringt, ist in Zeiten einer globalisierten Welt im Wettbewerb und mit zunehmenden Nationalismus mutig aber um so notwendiger!

"Kapitalismus ist eine fabelhafte Sache" stellt eine der Protagonistinnen in den Raum. Diese Aussage allein würde in jeder Fernsehdiskussion gleich zu einem Aufschrei führen. Im Buch tut sie es auch für einen kurzen Augenblick. Dannaber werden alles Leser (und Zuhörer im Buch) abgeholt und es wird dargelegt, dass wir eben jenen (unseren) Kapitalismus bisher nur falsch verstanden bzw. interpretiert haben. Die Kernaussagen "aus Egoismus sollte man zusammenarbeiten" und " aus Gier sollte man teilen" passen so wenig in unser derzeitiges Weltbild und sind daher eben doch ein Appell an uns alle, unsere Sicht auf die Welt und unsere Gesellschaft neu zu interpretieren, zum Wohle aller, zum Wohle seiner selbst.

Damit regt Marc Elsberg sicherlich eine Diskussion an, die er in reinen Fachkreisen so in dieser Form sicherlich nicht gefunden hätte. Eingebettet in einem Krimikontext gelingt es aber, eine breitere Menge anzusprechen, die sich sonst vielleicht nicht so sehr mit theoretischen Wirtschaftskonzepten und Ihre Übertragung in den Alltag auseinander setzt.

Darum gibt es von mir auch 4 Sterne, als reiner Krimi / Thriller kann das Buch allerdings aus dem oben gesagten aus meiner Sicht nicht überzeugen und wäre eher bei 2 Sterne anzusiedeln.

12.03.2019 12:08:11
Larna

Ich habe "Gier" von Marc Elsberg beendet. Seit "Blackout" lese ich den Autor sehr gerne, allerdings ist dieses Buch sein bisher schwächstes.
Die Geschichte spielt in der Gegenwart in Berlin. Es droht eine erneute Finanzkrise, ähnlich wie 2007/2008 nur in noch größerem Ausmaße. Die soziale Situation verschärft sich immer mehr, immer weniger Leute können sich vernünftige Wohnungen leisten, die Arbeitslosenzahlen steigen, der Unmut auch. Auf einem Sondergipfel in Berlin sollen Lösungen gefunden werden, dazu ist auch der Nobelpreisträger Herbert Thompson geladen, der eine revolutionäre Theorie entwickelt hat, die Wohlstand für alle verspricht. Allerdings kommt er auf dem Weg zum Gipfel zusammen mit seinem Mitarbeiter ums Leben, als sein Auto von der Straße abkommt. Nur war es kein Unfall, sondern Mord und für diesen gibt es einen Zeugen: Den Krankenpfleger Jan Wutte, dem einer der Sterbenden noch ein paar Worte zuflüstern kann. Mit dem Killern und der Polizei im Nacken versucht Jan nun herauszufinden, was die ganze Sache zu bedeuten hat.
Wie gewohnt nimmt sich Elsberg eines brisanten Themas an, in diesem Fall die Weltwirtschaftslage und die zunehmende soziale Ungerechtigkeit. Doch der "Wow"-Effekt blieb diesmal aus, dazu fehlt die Bedrohlichkeit. In den drei vorherigen Romanen zeigte sich eine für die ganze Bevölkerung bedrohliche Entwicklung - hier ist eher eine für alle positive Entwicklung. Ausgenommen die Superreichen. Da fehlt das Erschrecken der anderen Bücher.
Die zugrunde liegenden Theorien sind gut und einfach erklärt, man kann dem ganzen gut folgen und die benutzte Bauernfabel ist einleuchtend und interessant. Allerdings hat mich die Schlussfolgerung nicht wirklich überrascht, mir erschien das schon vor der Lektüre einleuchtend, ebenso, wie die Tatsache, dass es wohl nie umgesetzt werden wir. Dazu gibt es viel zu viele Einzelinteressen.
Die Figurenzeichnung gehörte noch nie zu Elsbergs Stärken und darin bildet auch dieses Buch keine Ausnahme. Jan Wutte trifft rasch auf den studierten Physiker und Mathematiker, ehemaligen Investmentbanker und akutell professionellen Spieler Fitzroy Peel und von an kämpfen die beiden zusammen gegen die sie verfolgenden Killer. Beide Figuren sind sympathisch, aber blass. Das gilt auch für alle weiteren Personen. Lediglich die Polizistin Maja wirkt interessant, aber auch sie gewinnt nur wenig an Profil. Am schlimmsten sind die Hausbesetzer und Aktivisten, die extrem klischeehaft dargestellt sind. Kapitalismus ist scheiße, die ganze Welt ist ungerecht und alle Reichen und Mächtigen sollen weg. Das ist in etwa die Quintessenz ihrer Aussagen - kreative Lösungsvorschläge sucht man vergeblich. Sorry, das ist mir zu einfach und plakativ.
Die Verfolgungsjagd quer durch Berlin, während der Fitzroy und Jan ihren Verfolgern immer wieder entkommen, ist einigermaßen spannend, wenn auch oft nicht sonderlich realistisch - aber gut, dann dürfte man Thriller grundsätzlich nicht lesen. ;-)
Überrascht haben mich doch relativ viele Schreibfehler, da war das Korrektorat nicht sonderlich aufmerksam.
Insgesamt hat mich das Buch durchaus unterhalten, da es sehr kurzweilig war und einige interessante Aspekte zur Sprache bringt. Insgesamt aber der schwächste Elsberg und definitiv kein Roman, den man unbedingt gelesen haben müsste.