Der Metzger holt den Teufel

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2010, Seiten: 400, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2011, Seiten: 352, Originalsprache

Couch-Wertung:

89°
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Jochen König
Des Metzgers vierter Auftritt - und keine Ermüdungserscheinungen

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2010

Willibald Adrian Metzger hat es mal wieder schwer. Seine Danjela möchte bei ihm einziehen, doch er sperrt sich. Und bekommt einen gänzlich anderen Mitbewohner: Kommissar Pospischill, den die Launen seiner Gattin Trixi auf des Metzgers Chesterfield-Sofa getrieben haben. Der eher eigenbrötlerische Metzger gewöhnt sich wider Erwarten an die Situation, was eine zukünftige Wohngemeinschaft mit seiner Liebsten in einem rosigeren Licht scheinen lässt.

Doch bevor es soweit kommt, wird dem rundlichen Restaurator sein Sakko von einem Skater geklaut – und wiedergebracht (während der Skater verschwindet), eine verschollene (Halb)schwester taucht auf, die, atemberaubend aussehend und augenscheinlich mit dem Metzger schäkernd, die Djurkovic zunächst zur eifersüchtigen Verbündeten Trixi Pospischills werden lässt. Willibald Adrian Metzger entgeht zunächst, dass die Zeichen auf Beziehungssturm stehen, muss er sich doch um einen lukrativen Restaurationsauftrag kümmern, der ihn mitten hinein in die Welt des österreichischen Hoch- und Finanzadels führt. Dass die von Bigotterie und Dekadenz durchsetzt ist, lässt sich bald ahnen, doch wie tief Verbrechen und Laster ihre Stachel in diese illustre Gemeinschaft gebohrt haben, wird erst nach und nach deutlich. Dass es eine Beziehung zu den Morden an Musikern des "weltbesten" Orchesters gibt, auch. Doch bis dahin stecken der Metzger, seine neu gewonnene Schwester Sophie, Eduard Pospischill und sein Team inmitten eines verzweigten Gestrüpps, das seine dornigen Spuren an jedem der Beteiligten hinterlassen wird.

Was soll man groß sagen? Thomas Raab wird mit jedem Buch um Willibald Adrian Metzger besser. So gelungen der Vorgänger auch war, Der Metzger holt den Teufel übertrifft ihn noch. Raab gelingt die Waage zwischen Witz, der sich meist aus kleinen, klugen Alltagsbeobachtungen und deren eigenwilligen Interpretationen seiner Protagonisten nährt, Ernsthaftigkeit und spannender Krimihandlung gut wie selten.

Das ist wunderbar austariert, die Gags besitzen das richtige Timing und ziehen einem Buch, das teilweise unglaublich traurig ist, den Boden nicht unter den Füßen weg. Es menschelt zwischen den Figuren und trotz aller Komik, behalten sie Tiefe, Glaubhaftigkeit und Würde. Zudem wirkt die Handlung um einen zutiefst gestörten Serienmörder nicht aufgesetzt, sondern passt sich ins Ganze ein. Und bleibt auch im letzten Drittel spannend, wenn sich die wahren Schuldigen entlarven, und der geneigte Leser schneller als die Polizei schaltet.

Gut zu Gesicht steht dem Roman, dass er nicht zu einer reinen Metzger/Djurkovic-Show ausartet, sondern um prägende und tragende Nebenfiguren erweitert wird. In erster Linie sind dies Sophie Wildhalm, die herbeigezauberte Schwester des Metzgers, der Junge Oskar, der trotz einer scheinbaren Behinderung den Metzger unter seine Fittiche nimmt; Irene Moritz die toughe Polizistin und selbstverständlich Eduard Pospischill samt Gattin Trixi, die die vielleicht größte Wandlung in der Wahrnehmung des Romans und seiner Figuren macht.

Die Motivation des Orchester-Musiker killenden Soziopathen ist zwar nicht ganz neu, aber nachvollziehbar und stimmig entwickelt. Wenn der Metzger bei Restaurationsarbeiten dem Mörder Schicht um Schicht näher kommt, erinnert das gar an die Blütezeit italienischer Giallos, als den Schößen scheinbar heiler Familien manch messerschwingender Massenmörder mit niedlichem Gesicht entkroch.

Düsterer ist er geworden, der Herr Raab, und das steht ihm und dem Metzger, der mehr Rückgrat denn je beweisen muss, gut. Sämtliche Figuren bleiben wandlungsfähig, die Handlung wird mit dem nötigen Ernst voran getrieben, ohne all die kleinen Gags am Wegesrand verkümmern zu lassen. Dies gibt der ironischen Demontage des Kultur-, Adels- und Alltagswesens jene Verankerung, die sie über eine bloße Ansammlung beiläufiger Possen weit hinaus hebt sowie die Spannungsdramaturgie locker und leicht stützt, anstatt sie zu untergraben. So kann es weitergehen ...

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