Der Metzger geht fremd

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • München; Zürich: Piper, 2009, Seiten: 359, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2011, Seiten: 359, Originalsprache

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85°
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Jochen König
Und der der Haifisch, der hat Zähne; der Metzger hingegen eine charmante Lücke

Buch-Rezension von Jochen König Mai 2009

Willibald Adrian Metzger, Restaurator aus Profession und gelegentlicher Hobbydetektiv (wider Willen) geht fremd? Seiner Danjela, nicht nur laut Handyeintrag die "beste Frau für Willibald"?

Eigentlich ist es eher umgekehrt, wenn auch das "Prachtweib" Djurkovic eher in der Fremde weilt, als fremd geht. Verbringt sie doch einige Zeit abseits vom Metzger in einem Luxus-Kurhotel, um sich von den Kollateralschäden zu erholen, die sie Im Kampf mit wild gewordenen Hooligans im Vorgänger "Der Metzger sieht rot", erlitt.

So  schwebt sie zwischen Physiotherapie, gutem Essen und lästerlichen Reden auf einer Wellness-Wolke, nur betrübt, dass der Metzger so fern in der Heimat weilt. Doch nicht für lange, denn wie es der boshafte Zufall so will, stolpert, bzw. schwimmt Danjela fast über eine Leiche. Grund genug, ihren Willibald zur geistigen und körperlichen Unterstützung herbei zu wünschen. Und der Metzger folgt natürlich, überaus bemüht, seine Danjela aus einem möglichen Kriminalfall heraus zu halten. Doch er sollte es eigentlich besser wissen. 

Denn die Djurkovic zeichnet sich nicht nur durch einen üppigen Körper aus, sondern auch durch Neugier, Forschergeist und Resolutheit. So finden sich bald Hinweise, dass der tote August-David-Friedmann keinem Unfall zum Opfer gefallen ist. Als der Metzger auch noch einen blutverschmierten Ring, samt anhängendem Finger findet, und der Hausmeister Ferdinand Anzböck den zwei auskunftsfreudigen und freiheitsliebenden  Schwarzspitzenriffhaien Anton und Ernst zum Opfer fällt, macht er sich immer größere Sorgen um seine Danjela. Und schliddert selbst fast unmerklich in eine düstere Familiengeschichte hinein, hinter deren patriarchalischer Fassade der Verschwiegenheit, eine Menge Lügen und Geheimnisse ruhen, die durch den Leichnam im Swimmingpool unsanft an die Oberfläche geholt werden. Das weckt auch die Neugier des Metzgers, der sich plötzlich mehr um seine eigene Sicherheit und Gesundheit Sorgen machen muss, als um das Wohlergehen der Djurkovic.

Während "Der Metzger sieht rot" mich nicht gerade überzeugte, ist Thomas Raabs erstes Buch im neuen Verlag fast rundum gelungen.
Ob es die ländlichen Handlungsorte sind, die besser zum behaglichen Metzger und seiner aufgeweckten  Muse passen, Thomas Raab seine Bonmots pointierter anbringt, oder meine Erwartungshaltung sich geändert hat und jetzt adäquat befriedigt wird, sei dahin gestellt. 

Raab nimmt sich wieder viel Zeit für die Entwicklung seiner Geschichte, stellt seine Figuren und ihre Macken, Allüren und Weisheiten in den Mittelpunkt. Nur langsam erschleicht sich das Verbrechen seinen Platz. Während "die Djurkovic" schon früh Arges ahnt, und dies als zusätzlichen Anlass nimmt, ihren Willibald Adrian zu sich beordern zu können, versucht Hotel-/ Klinikchef Professor Berthold den tödlichen Badaufenthalt seines Kurgastes zum Unfall herabzuspielen. Dass der Hausmeister Anzböck als Fischfutter endet, macht die Angelegenheit dann doch prekär.

 Aber Thomas Raab ist an polizeilicher Ermittlungsarbeit wenig interessiert. Lediglich Metzger-Intimus Kommissar Pospischill  bekommt am Ende ein paar Seiten eingeräumt. In denen es aber mehr um das gebröckelte Verhältnis der beiden Freunde geht, als um Polizeierfolge. Dabei verliert Raab sein Hauptaugenmerk nicht aus den Augen. Denn neben der zarten, mit gelegentlichen mörderischen Unebenheiten, Metzger und Djurkovic-Romanze, sind die Verstrickungen der Familie Hirzinger das Bindeglied, welches das mörderische Treiben vor allem im zweiten Teil zusammen hält. Da beschreibt Raab kritisch ein patriarchalisches Regiment, voller Doppelmoral und Bigotterie, in dem die Liebe stirbt, bzw. abgetötet wird und stattdessen ein scheinbar unentrinnbarer Kreislauf aus Macht und Ohnmacht entsteht. Und der lokale Kirchenvertreter, in Gestalt des äußerst unsympathischen Pfarrers gibt nicht nur ihren Segen, sondern tatkräftige Hilfe dazu. 
Ob am Ende göttliche Gerechtigkeit herrscht, davon wissen der Metzger, der Geist seiner Mama, Thomas Raab und natürlich Anton und Ernst zu berichten. 

Einen Nerven zerfetzenden Thriller darf man natürlich nicht erwarten. Gerade der erste Part feiert seine mit süffisanter Ironie durchsetzten Alltagsbeobachtungen geradezu. Nicht alle Gags sitzen, manchmal ist zu viel einfach zu viel, aber da Raab seine Protagonisten nicht der Lächerlichkeit preisgibt, gelingen ihm selbst gelegentliche Slapsticknummern vergnüglich. So hält sich Mitleid und Gelächter die Waage, als der Metzger schon zu Beginn, wegen seines ungeübten Umgangs mit einem Drahtesel ohne Rücktritt, einen Zahn verliert und fortan mit formidabler Lücke durch den Roman wogt.

Im zweiten Teil verdichten sich die Ereignisse, ohne sich zu überschlagen, und mit Not und Gefahr steigt auch die Spannungskurve. Leicht. Ein wenig mildert die überaus freundliche Familie Kaiser (Großvater, Vater und die kleine Franzi – der Namensgag ist natürlich sofort vor Augen) die Schärfe der düsteren, dörflichen  Desaster, ausgehend von einer Familie, die eher einem Krankheitsherd gleicht.

So ist Familie in Raabs Roman beides: Hort der Wärme und der Sicherheit und Brutstätte eines intimen Grauens, das sich auswächst, wenn niemand dagegen aufbegehrt. 
Doch dank der, trotz des frühen Unfalltodes von Franzis Mutter, überaus herzlichen Kleinfamilie Kaiser, und des Metzgers weitsichtiger Mama, siegt am Ende die Menschlichkeit.

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