Der Metzger bricht das Eis

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München; Zürich: Piper, 2012, Seiten: 350, Originalsprache

Couch-Wertung:

85°
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Jochen König
Deine Spuren im (Kunst)schnee - blutig

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2012

Thomas Raab hat ein Problem. Wie schafft er es, einen Restaurator zum fünften Mal in eine verbrecherische Affäre zu verstricken, ohne völlig unglaubwürdig zu wirken? Immerhin ist Willibald Adrian Metzger weder von Natur noch Berufung (auf den ersten und zweiten Blick) besonders anfällig für Gewalttaten in seiner näheren Umgebung. Und wenn schon, dann eher als Opfer.

Was macht also der Raab? Er schickt den Metzger auf den Kinderspielplatz. Als pflichtbewusster Behüter der Tochter seines besten Freundes wird er zeuge einer Rettungsaktion. Ein Obdachloser bewahrt durch schnelles Eingreifen ein kleines Mädchen vor dem Erstickungstod.

Wenig später springt die Mutter des Kindes vom Dach eines Krankenhauses und der Obdachlose stirbt unter mysteriösen Umständen. Und der Metzger ist in Besitz einer Kinderhandtasche, deren Inhalt Zettel mit kryptischen Eintragungen und eine Telefonnummer sind. Die angewählte Nummer führt ihn in einen kleinen Wintersportort. D.h. nicht nur den Metzger selbst, sondern seine ganze Sippschaft hintendrein, in Gestalt seiner leicht armgebrochenen Danjela Djurkovic und seiner agilen Halbschwester Sophie Widhalm. Die alsbald den etwas kurz geratenen Galan Toni Schuster im Schlepptau hat, der allerdings über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügt, die nicht nur Willibald Adrian Metzger vor Prügel bewahren.

Im gewählten Feriendomizil ist die Hölle los. Die Schneehölle. Profitgier und Alpen-Imperialismus ziehen ihre zerstörerische Bahn. Was nicht nur die Natur betrifft, sondern auch ganze Familienbünde, die dem angeblichen Fortschritt im Weg stehen.

Es dauert nicht lange und weitere Leichen tauchen auf. Aus der Vergangenheit, ganz frische in der Gegenwart und anvisierte für die Zukunft. Willibald Adrian Metzger und Toni Schuster, sein möglicher Schwager in spe stehen ganz oben auf der Auswahlliste. Zumindest fast...

Auch im fünften Roman der Metzger-Reihe schafft Thomas Raab wieder die Waage zwischen Komik und Spannung zu halten und nebenbei noch interessantes über das mörderische Geschäft mit (künstlichem) Schnee und den Anforderungen des Verwöhn-Tourismus zu verbinden. Dabei nährt sich sein Witz wieder aus Alltagsbeobachtungen, die Hand in Hand gehen mit einer kritischen Betrachtung der Missstände unserer hoch technologischen und moralethisch unterbelichteten Gegenwart. Vor allem im Mittelteil ist das mitunter Zuviel der guten Absichten. So kann der Metzger nicht einmal einkaufen gehen ohne dass ein Quäntchen Kapitalismuskritik dabei rausspringt. Hier wäre weniger mehr gewesen, das kleine Scheitern zugunsten der großen Maulschelle die packendere Alternative gewesen. Aber er fängt sich wieder, der Herr Raab, wartet mit feiner Situationskomik auf – u.a. durch eine hübsche Hommage an Roman Polanskis wunderbaren Film "Tanz der Vampire", mit Willibald Adrian als Professor Abronsius und Toni Schuster in der Rolle des Assistenten Alfred. In schneller Fahrt den Berg hinunter.

Zudem erhöht sich der Spannungsfaktor mit dem Fortlauf der Handlung, und die Geschichten der Familien Thuswalder, Kalcher, Fischlmeier, Axpichl und wie sie alle heißen, um das Sagen und die Bestimmung des Wintersportorts kämpfen, enden in einem (selbst)zerstörerischen Finale. Auch das zeichnet die Metzger-Romane aus: wenn es ernst zugeht, dann wird nichts verwässert, nicht die Gewalt, die Auswirkungen derselben und das Vorhandensein des Bösen in unserer Welt. So kann es durchaus absurd-komisch daher gehen, doch die Bitternis, vor allem des Verlusts, wird nie verleugnet. Des Metzgers Welt ist eine der Konsequenzen: im Guten wie Schlechten. So wird auch verhindert, dass seine Abenteuer zu einem reinen Komödienstadl werden, in dem brachialer Regionalnonsens bis zum Exzess zelebriert wird. Keine Alpencomedy mit leichtem Krimitouch, sondern ein Roman über begangene Verbrechen, an der Natur, an Kindern, an Eltern; wissend um den mildernden Segen des Humors, der aber die Leerstellen, die der Tod hinterlässt, niemals ausfüllen, bestenfalls verkleinern kann. Eine Tragödie, verfasst von einem Komödianten. Oder anders herum…

Insgesamt hat Der Metzger bricht das Eis viel von der Djurkovic. Schlagkräftig und –fertig, ansprechend von vorne und hinten, bloß in der Mitte ein wenig zu ausladend. Kann man gut mit leben/lesen.

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