Reich und tot

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • London: Piatkus, 2001, Titel: 'Making a killing', Seiten: 276, Originalsprache
  • München: dtv, 2010, Seiten: 350, Übersetzt: Werner Löcher-Lawrence

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Stefan Heidsiek
Viel Anspruch, wenig Spannung

Rezension von Stefan Heidsiek Jul 2010

"Ah, da ist er ja endlich. Der neue Iain McDowall!" Haben sie so etwas oder ähnliches schon mal beim Einkaufsbummel in der von ihnen favorisierten Buchhandlung gehört? Wenn sie ehrlich sind, wohl eher nicht. Doch warum eigentlich? Mit Reich und tot, dem zweiten Band aus der Reihe um Chief Inspector Jacobson und Detective Sergeant Kerr aus dem fiktiven Midlands-Ort Crowby, ist in diesem Spätsommer schon bereits der fünfte Kriminalroman des schottischen Schriftstellers auf dem deutschen Büchermarkt aufgeschlagen. Und wie schon bei seinen Vorgängern, so scheint es, hat er beim Feuilleton wenig bis keine Beachtung gefunden. Bei den Lesern dafür aber umso mehr, die McDowall beharrlich, allerdings irgendwie auch in aller Stille, kaufen und so dafür gesorgt haben, dass der Autor mittlerweile zum festen Bestandteil der Krimi-Szene gehört. Nur was macht ihn eigentlich lesenswert bzw. ist er das überhaupt? Ein etwas näherer Blick auf Reich und tot soll da Aufklärung bringen.

Ein ruhiger, beschaulicher Sommertag im noch beschaulicheren Crowby. Der Postbote ahnt nichts Böses, als er sich der Einfahrt der Millionärsvilla von Gus Mortimer nähert, um dort liegend die Leiche von Jennifer Mortimer vorzufinden. Ihr nackter Körper ist von Würgemalen und grausamen Wundmalen übersät. Einiges deutet daraufhin, dass sie mit einem Elekroschocker gefoltert wurde. Chief Inspector Frank Jacobson und Detective Sergeant Kerr sind früh am Tatort und nehmen sofort die Ermittlungen auf. Ein erster Verdacht fällt schnell auf den Ehemann, der die heiß umschwärmte und attraktive 36jährige bereits am Abend zuvor bei einem Sommerfest der High Society nach einem Streit an den Haaren zum Wagen geschleift und somit für Aufsehen gesorgt hatte. Grund für den gewaltsamen Ausbruch: Mrs. Mortimer hatte ihrem Mann eine Affäre mit dem Gärtner gestanden, welcher nun seinerseits Gus Mortimer beschuldigt, schon in der Vergangenheit Hand an seine Frau gelegt zu haben.

Obwohl sich Jacobson anfangs gegen das Offensichtliche wehrt, werden die Indizien gegen Gus Mortimer doch mit jeder Stunde erdrückender. Das zertrümmerte Schlafzimmer weist jedenfalls daraufhin, dass Mrs. Mortimer mit aller Kraft um ihr Leben gekämpft hat. Und da sich nirgendwo Einbruchsspuren finden lassen, scheint alles auf ihren Gatten zu deuten. Während man in der Nachbarschaft Näheres über das ungleiche Paar herauszufinden versucht, spitzt sich andernorts die Lage in Crowby auf andere Art und Weise zu. Seit einigen Tagen ist in der Gemeinde ein brutaler Sexualtäter wieder auf freien Fuß, der von einer aufgebrachten und zornigen Bürgerwehrmeute fieberhaft gesucht wird. Jacobson, der den Vergewaltiger vor acht Jahren seiner gerechten Strafe zugeführt hatte, muss alle Hebel in Bewegung setzen, um dessen Unterschlupf geheim zu halten. Eine nahezu aussichtslose Aufgabe, da ein Spitzel innerhalb der Polizei der Presse bereits Informationen zugespielt hat. Als dann noch herauskommt, dass Gus Mortimer in der Vergangenheit mit dem illegalen Handel von verbotenen Elektroschockern zu tun hatte, ist es mit der Ruhe im kleinen Crowby endgültig vorbei …

Nähert man sich Iain McDowalls zweitem Jacobson/Kerr-Roman langsam von außen an, fällt als Erstes das Cover ins Auge, das sich wohl nicht ganz zufällig an den Deckblättern von Ian Rankins "Rebus"-Reihe orientiert und dem langjährigen Krimileser mit dem Bildausschnitt eines englischen Hauseingangsgitters Altbekanntes bietet und damit auch inhaltlich suggeriert. Ist also Reich und tot ein weiterer typischer Kriminalroman von der britischen Insel? Ja und nein. Auch wenn es der äußere Anschein wenig vermuten lässt, überrascht McDowall in puncto Stil und Handlungsaufbau doch mit einer gewissen Eigenständigkeit. Im Gegensatz zum Gros der Konkurrenz ist seine Sprache äußerst schlicht und minimalistisch, bleibt die Form auf knappe, kurze Sätze und Szenenwechsel beschränkt. Wer die ausschweifenden Elegien über private Probleme und den Verfall der Gesellschaft eines Mankell oder Indridason gewöhnt ist, wird hier schon mal gleich wenig Freude dran finden. McDowall setzt den Kriminalfall direkt in den Mittelpunkt der Geschichte und baut um ihn herum seine Handlungsstränge auf.

Das ist besonders zu Beginn spannend zu lesen, da McDowall die Polizeiarbeit als wesentlichen Bestandteil einer Mordermittlung nicht in unwichtigen Details ertränkt, sondern, nüchtern und mit Fakten unterfüttert, in ihrem ganzen Umfang beschreibt. Beinahe in Echtzeit verfolgt man die kleinen Fortschritte der Ermittler, die sich mittels Befragungen, Spurensicherungen und Computerrecherchen durch einen Wust von Indizien kämpfen, den selbst der geübteste Krimileser im Kopf zu ordnen nur schwerlich imstande ist. Und hier findet sich dann auch gleich das erste Manko des Romans: Die herkömmliche Art und Weise Spannung zu erzeugen oder gar Rätsel zu stellen, liegt McDowall eher wenig. Statt seinen Plot auf eine überraschende Auflösung auszurichten, geht er die Motive der Figuren auf intellektueller Ebene an. Immer wieder gewährt er uns Einblick in die Gedankenwelt der Charaktere, wobei auffällig ist, dass sich der Roman dabei einer Moral stets entzieht. Was gut ist und was schlecht, das überlässt McDowall der Entscheidung des Lesers.

McDowalls Ansatz ist lobenswert, vermag es letztendlich aber nicht das Buch in seiner Gänze zu tragen. Mit jeder weiteren Seitenzahl verliert die Geschichte ab der Mitte an Tempo und Geschwindigkeit, ziehen langatmige Passagen und unnötige Wiederholungen die stellenweise doch so offensichtlich zutage tretende Lösung in die Länge. Das Fehlen des dramaturgischen Spannungsaufbaus wird jetzt zur Achillesferse des Buches. Wenn ein Jacobson zum dritten Mal anruft, um nach den Laborergebnissen zu fragen, droht es mit der Geduld des Lesers zu Ende zu gehen. Als Folge geht die Aufmerksamkeit und das Interesse an diesem in sich doch sehr intelligent konzipierten Kriminalfall verloren, was dadurch noch verstärkt wird, das die beiden Hauptprotagonisten Jacobson und Kerr durchgehend blass bleiben. Von beiden will sich im Geiste nicht so recht ein Bild ergeben. Ihre charakterlichen Eigenheiten werden nur vage und viel zu farblos skizziert. Hinzu kommt, dass manche Handlungsstränge im Verlauf des Buches einfach im Sande versickern und damit dann eigentlich jeglichen Nutzens entbehren. So wird zwischendurch immer wieder kurz von Kerrs außerehelichem Verhältnis erzählt, ohne dass dieses irgendwelche Auswirkung auf das Privatleben oder die Ermittlungen des Detective Sergeants hätte. Hier wird ein eigentlich linearer Plot unnötig in die Breite gezogen und aufgebläht.

Das Ende, in dem zum Beispiel die Geschichte um den Sexualtäter Robert Johnson (wozu wurde die überhaupt mit in den Roman eingebaut?) viel zu knapp abgehandelt wird, kann den besonders im mittleren Teil aufgebrachten Aufwand an Geduld nicht rechtfertigen und hinterlässt deshalb einen doch recht faden Beigeschmack.

Insgesamt ist Reich und tot einfach zu bieder, zu glatt und zu langatmig in seinem Aufbau, um größere Begeisterung in Krimikreisen auslösen zu können. Ein schottischer Kriminalroman ohne Ecken und Kanten, der nicht lange im Gedächtnis bleibt und letztlich auch wenig Lust auf mehr vom Autor macht.

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